Stand: 30.06.2017 11:00 Uhr

Zwischen Weltbürgertum und Überheblichkeit

Was ist deutsch?
von Dieter Borchmeyer
Vorgestellt von Norbert Haberger
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Die Idee des Deutschen sei eine einschließende, inklusive Größe, sagt Dieter Borchmeyer.

Wir sind Wagner, Beethoven, Dürer. Die Sphäre hoher Kunst und Erhabenheit, Genialität und Weltgeltung.  All das kann deutsch sein. Muss aber nicht. "Deutsch, das ist ein Abgrund, bodenlos", sagt Thomas Mann. Es kann dumpf sein, eng, ausgrenzend. Pegida. "Die Leute wissen ja gar nicht, was deutsch ist", sagt Dieter Borchmeyer. "Die sind alle ganz undeutsch. Denn die ursprüngliche Idee des Deutschen ist eine einschließende, eine inklusive Größe, die gerade das Fremde als Bestandteil des Deutschen ansieht."

Woher kommt unsere Kultur?

Wir Deutsche! Keiner denkt so viel über sich selbst nach. Unser Nationalcharakter. Dichter und Denker. Woher kommt sie, unsere Kultur? Geranien - by the way - wuchsen früher nur in Afrika. "Gut deutsch sein heißt, sich entdeutschen" - so sagte es Nietzsche, der Antinationalist. Für ihn war schon damals die Einheit Europas Ziel der Geschichte. Oder die Romantiker. Übersetzten die gesamte Weltliteratur ins Deutsche. Cervantes, Shakespeare. "Wir sind die Kosmopoliten der Moderne." Immer auf der Suche nach dem Neuen, noch nicht Entdeckten. "Diese Sehnsucht nach Griechenland oder nach Italien. Man suchte seine Identität gerade im anderen, im Außerdeutschen", sagt Borchmeyer. "Und das ist etwas, was wirklich sehr spezifisch deutsch ist, und zwar in einem angenehmen Sinne."

Kein Volk der Geschichte hat sich so unaufhörlich mit der eigenen Identität beschäftigt wie das deutsche. Die Antworten auf die zumal seit dem 18. Jahrhundert immer neu gestellte Frage "Was ist deutsch?" pendeln, bisweilen mit extremen Ausschlägen, zwischen zwei Polen: einem welteinschließenden - kosmopolitischen - und einem weltausschließenden - nationalistischen - Pol. Kaum je ist dieses Pendel der Identitätssuche zum Stillstand gelangt, ja die heftige Bewegung zwischen den Polen hat immer wieder auch dafür gesorgt, dass der eine der beiden Pole Züge des anderen übernahm. Leseprobe

Spurensuche auf 1.000 Seiten

Auf 1.000 Seiten geht Dieter Borchmeyer in seinem Buch dieser einen Frage nach: "Was ist deutsch?" Deutschland war lange Zeit ein Fleckenteppich aus Einzelterritorien. Keine Nation, kein Nationalgefühl. Nur eine Sprache, die verbindet. Schiller und Goethe glaubten nie an einen deutschen Staat. Aber an die Humanität der Bewohner. "Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens", schrieb Schiller, "bildet, ihr könnt es, dafür freie zu Menschen euch aus." Borchmeyer sagt, es sei sehr bezeichnend, dass man das Deutsche als eine politisch unabhängige, von der Nation unabhängige "Wesenheit" aufgefasst habe, "die eben einen allgemein menschlichen Anspruch hat, einen metanationalen, weltbürgerlichen".

Gründlich missverstanden

Die Sache mit dem Weltbürgertum wird später gründlich missverstanden. 1871 entsteht das Deutsche Reich, ein Staat voller Überheblichkeit: "Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen." Und nur kurz nach dem Ersten Weltkrieg macht Hitler die Deutschen sofort fit für den Zweiten. "In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein. Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl", rief er. Deutsche Eigenschaften. "Das ist das Schlimme", sagt Borchmeyer dazu. "Wer einen Minderwertigkeitskomplex hat, der neigt immer dazu, den in Überheblichkeit umschlagen zu lassen. Das ganze Dritte Reich ist so zu erklären, auch die Judenvernichtung." Von keiner anderen Nation wurde so viel Leid und Elend in die Welt gebracht. Damit müssen wir leben. Doch wie damit umgehen? Mit Goethe vielleicht: "Bildet, ihr könnt es, zu Menschen euch aus."

Das Dritte Reich hat den übernationalen Aspekt, welcher der Wesensbestimmung des Deutschen ursprünglich eigen ist, gänzlich ausgeschaltet und die Frage "Was ist deutsch?" in einem rein nationalistischen Sinne beantwortet; dessen katastrophale Folgen haben dazu geführt, dass schon die bloße Frage nach der deutschen Identität lange zum Kanon des Verbotenen gehörte. Erst seit der Wiedervereinigung ist sie aus diesem Kanon wieder entlassen worden. Leseprobe

"Nicht mit Leitvorstellungen reagieren"

Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Und ist es das, was wir brauchen? Eine Leitkultur? Immerhin, der Aphorismenschatz der deutschen Sprache wurde durch Innenminister Thomas de Maizière um ein Bonmot reicher: "Wir sind nicht Burka." Übrigens: Goethe widmete einen ganzen Gedichtband dem Islam: "Der west-östliche Divan". Borchmeyer drückt es so aus: "Wenn man Goethe gefragt hätte, was ist denn da die Leitkultur, dann sagt er: 'Das kann man so nicht sagen. Das ist ein Dialog.' Und dieses dialogische Kulturverständnis, das sollte man haben, und nicht mit solchen Leitvorstellungen reagieren." Friedrich Nietzsche sagte: "Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage 'Was ist deutsch' nie ausstirbt." Wie recht er hatte!

Weitere Informationen

Sachbücher des Monats Juni 2017

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt der NDR die Sachbuchliste des Monats heraus. Im Juni mit dabei: Dieter Borchmeyers Buch "Was ist deutsch?". mehr

Was ist deutsch?

von
Seitenzahl:
1056 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt
Veröffentlichungsdatum:
17.02.2017
Bestellnummer:
978-3-87134-070-3
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 05.07.2017 | 00:00 Uhr

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