Stand: 24.08.2017 14:54 Uhr

Glückseligkeit auf grüner Normparzelle

Die Datscha - 600m² Glück
von Evgeny Makarov und Lew Rubinstein, aus dem Russischen von Rosemarie Tietze
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Die "Datscha" ist eines der wenigen russischen Wörter, die aus dem DDR-Sprachgebrauch ins gesamtdeutsche Vokabular übergangen sind. Ein Zeichen dafür, wie viele Sehnsüchte und Mythen sich um die Hütte im Grünen ranken. Ihren Ursprung haben die Datschen in der Zarenzeit: Damals schenkten russische Adlige treuen Gefolgsleuten Sommerhäuser mitsamt Anwesen. Später in der Sowjetunion fielen diese Sommer-Refugien bescheidener aus: Normparzellen von 600 Quadratmetern für die Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaats, die sich ihre Hütte darauf selbst zimmerten.

Grünes Idyll für Jedermann

Von der Mietskaserne auf´s Land

Bis heute packt ein Großteil der russischen Familien am Wochenende die Taschen und zieht aus der Mietskaserne in Moskau, St. Petersburg oder Jekaterinburg in die Bretterbude im Grünen. Der Fotograf Evgeny Makarov erzählt in einem neuen Bildband von dem Ritual, das er selbst als kleiner Junge erlebt hat.

Freitag, am späten Nachmittag: Eine taubenblaue Bummelbahn rollt aus St. Petersburg Richtung Norden. Durch die Fenster auf der Rückseite fällt weiches Abendlicht in einen Wagon und beleuchtet das gedankenverlorene Gesicht einer jungen Frau. Rötlich-gelbe Sonnenstrahlen verfangen sich in ihrem Haar, spiegeln sich in den Scheiben und schimmern wie eine Verheißung kommenden Glücks.

"Nach über eineinhalb Stunden verkündet eine blecherne Stimme aus dem Zuglautsprecher: "Nächste Station - Kilometer 67'." Leseprobe

So heißt die Haltestelle, weil sie 67 Schienenkilometer hinter der Stadtgrenze liegt. Hier endet die Reise der schönen Bahnfahrerin und die aller anderen, die Evgeny Makarov auf ihrem Weg zur Datschensiedlung fotografiert hat. Die selbst gezimmerten Bungalows, die sie in einem Wäldchen zwischen Fichten und Birken erwarten, reichen von der trostlosen Bretterbude bis zum schmucken Sommerhaus mit verglastem Wintergarten.

Den Kindheitserinnerungen nachspüren

Makarov kennt das Gebiet wie seine Westentasche. Als Kind hat der gebürtige St. Petersburger hier seine Wochenenden verbracht. Selbst, nachdem er als Achtjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert war, fuhr seine Familie noch jeden Sommer in die alte Heimat, um die Ferien auf der Datscha der Großeltern zu verbringen. Nun ist der 33-Jährige mit der Kamera zurückgekehrt und spürt dem Lebensgefühl seiner Kindheit nach. Liebevoll und zugleich schonungslos betrachtet er den Sehnsuchtsort der russischen Stadtflüchtlinge: Interieurs mit Blümchentapete, Fernseher und Plastikrosen im Innern nimmt er ebenso in den Fokus wie eine übergewichtige Datschenbewohnerin, die in ihrer Pünktchenbluse und ihrem Blumenrock wie ein Gewächs im eigenen Garten wirkt: Um sie herum grünt und blüht es. Wenn sie auf ihrer selbstgebauten Bretterliege ein Nickerchen macht, wachsen ihr die Kirschen fast bis in den Mund.

Sozialistisches Credo mit Tradition

Anders als in Deutschland, wo der Schrebergarten als Kleinbürgervergnügen gilt, kennt die russische Datscha keine sozialen Unterschiede. Fabrikarbeiter und Intellektuelle, Kosmonauten und Künstler: Alle reihen sich in die Karawane ein, die am Freitag abend ins Grüne zieht. Auch der Schriftsteller Lew Rubinstein, der zu Makarovs Bildband einen kongenialen Text beisteuert. Er beschreibt die Datscha als arme, aber nahe Verwandte des Landguts:  

"Um so süßer war die Illusion eines zwar provisorischen, (…) aber trotzdem kleinen Paradieses, das einem zugefallen war als Kompensation für kräftezehrende Arbeitslast, für ein Leben in der Enge und dem Geschrei der Kommunalwohnungen, für nervtötendes Autogehupe vor dem Fenster, für Aufregung, Unruhe und die schicksalhafte Erwartung kleineren und größeren Unheils. (…)  Diese Empfindung war trügerisch, versteht sich, denn auch aus Datschen wurden nachts Menschen abtransportiert (…). Dennoch, es gab diese Empfindung." Leseprobe

Dieses Gefühl fängt Evgeny Makarov in Bildern ein, die Liebeserklärung und Sozialreportage zugleich sind.

Anglerglück, Lagerfeuer und Wodka mit Oliven

Seine Fotos zeigen die Freiheit der Kinder, den Jungen mit seiner Angel vorm abendroten See, Jugendliche mit Mopeds, nächtliche  Lagerfeuer, schmutzige Fußnägel und neongelbe Gartenclogs. Aber auch die Armut der Frauen, die ihr Gemüse auf dem Markt verkaufen, schrottreife Autos, Männer mit Wampe, Nachbarn, die sich nach gemeinsamer Arbeit ein Gläschen Wodka mit Oliven genehmigen. Die  Aufnahmen Makarovs sind Entdeckungsbilder - voller hintersinniger und komischer Geschichten. Ein Buch, das die Tür zu einem Stück Russland öffnet, das auf keiner Sightseeing-Tour zu sehen ist.

Die Datscha - 600m² Glück

von
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Sieveking Verlag
Bestellnummer:
978-3-944874-63-0
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.08.2017 | 17:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Die-Datscha-600m2-Glueck,diedatscha122.html

Mehr Kultur

88:28

Eine Hand wäscht die andere

23.10.2017 23:15 Uhr
NDR Fernsehen
29:52

Kulturjournal vom 23.10.2017

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:19

Die Biografie des Basketballers Wilbert Olinde Jr

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal