Stand: 12.08.2014 14:38 Uhr

Missverständnisse zwischen den Kulturen

Der letzte Ort
von Sherko Fatah
Vorgestellt von Claudia Kramatschek
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Auch Sherko Fatahs Roman "Der letzte Ort" handelt von Grenzerfahrungen.

Die Erkundung von Grenzen und Grenzerfahrungen ist das Kennzeichen aller Romane, die der deutschsprachige Autor Sherko Fatah bis dato veröffentlicht hat. Er selbst hat bereits diverse Grenzen überschritten: Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater ein kurdischer Iraki; er kam 1964 in Ost-Berlin zur Welt; und lebt seit seinem elften Lebensjahr in West-Berlin. Seit seiner Kindheit hielt er sich immer wieder für längere Zeit in der Heimat seines Vaters auf. Eben dort, im zwielichtigen Niemandsland zwischen dem kurdischen Irak und der Türkei, spielen auch seine Romane. Und die handeln meist von Menschen, die nie nur Täter oder Opfer, sondern meist beides sind - sich zumindest aber unangenehm passiv verhalten angesichts der politischen Verwicklungen, in die sie stets hinein geraten.

Nun ist ein ein neuer Roman von Fatah erschienen: "Der letzte Ort".

Entführt im Irak

Ein armseliger Holzverschlag irgendwo im Irak: Albert - ein Deutscher, der in das Land kam, um irakische Kulturgüter vor der Zerstörung zu retten - ist entführt worden. Er weiß nicht, wo er ist; er weiß nicht, wer seine Entführer sind und was sie von ihm wollen. Er weiß nur eins: Zum ersten Mal ist er froh, die Stimme seines einheimischen Übersetzers Osama zu hören, der drei Tage später in seinen Verschlag gebracht wird.

Damit hebt zugleich ein dramatisches Kammerspiel an. Denn beide sind einander fremd, werden aber um des Überlebens willen fortan aufeinander angewiesen sein - eine Gratwanderung, so Sherko Fatah: "Das gelingt ihnen mehr oder weniger. Aber natürlich bricht dabei dann auch die ganze Unterschiedlichkeit der beiden Charaktere auf. Ihre ganze unterschiedliche Herkunft, ihre Prägung (...) Und das macht es nicht gerade leichter für sie, miteinander klar zu kommen."

Ein Opfer des anderen

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"Ein Buch der Missverständnisse zwischen den Kulturen" - so fasst Fatah seinen Roman zusammen.

Die beiden Männer beginnen einander ihr Leben zu erzählen: Osama, der Sohn einer liberalen Familie, dessen Mutter einst in der DDR studierte; und Albert, in der DDR zur Welt gekommen als Sohn eines privilegierten Staatsdieners, der auf Weltreisen die Enge dieses Staates hinter sich ließ. Vom Fremden fühlen sich also beide seit ihrer Kindheit angezogen. Nun aber, während sie im Laufe vieler Tage von einer Entführergruppe in die Hand der nächsten weitergereicht werden, empfinden sie sich nur noch als Opfer des anderen. Albert sieht einzig eine von Gewalt und Hass zerrissene Gesellschaft. Osama wiederum macht dafür den Westen verantwortlich und ist zugleich überzeugt, zu Unrecht die Prügel zu beziehen, die für den anderen gedacht sind.

"Das ist (...) das Muster, nach dem dieses Buch funktioniert: ein Buch der Missverständnisse zwischen den Kulturen", fasst Fatah zusammen.

Mentale Trümmer

Der Autor, der diesmal auf erstaunlich viel Action setzt und doch ein nuancenreiches Psychogramm seiner beiden Kontrahenten zeichnet, beleuchtet allerdings noch eine weitere Barriere: "Was mir (...) auch wichtig war in diesem Buch, war zu zeigen, wie sehr man - ohne es vielleicht zu wissen (...) - verstrickt ist doch auch in die eigene Vergangenheit."

Albert zieht nämlich Bilanz über seine Kindheit in der DDR. Die psychische Labilität seiner Schwester gehört ebenso dazu wie die sture Ideologie seines Vaters. Diese Parallele zwischen der DDR und dem Irak mag irritieren. Fatah verweist damit aber auf die mentalen Trümmer, die der Zerfall eines Staates stets hinterlässt. Im Irak künden genau davon die bärtigen Islamisten, die letztlich die Regie über Albert und Osama übernehmen.

Der Roman endet mit einem so atemberaubenden wie überraschenden Showdown. Fatah aber hat - Stichwort ISIS im Irak - wieder einmal sein fast unheimliches Gespür für die drängenden Themen unserer Gegenwart bewiesen.

Der letzte Ort

von
Seitenzahl:
284 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3630874173
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.08.2014 | 12:40 Uhr

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