Stand: 09.09.2016 13:25 Uhr

Der Tabubruch des Papstes

von Florian Breitmeier
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Florian Breitmeier ist NDR Redakteur für den Bereich "Religion und Gesellschaft".

Es soll sein letztes Interview sein, das letzte Buch, an dem er aktiv mitwirkt, erklärt Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst, in dem neuen Interviewband des Journalisten Peter Seewald. "Letzte Gespräche" heißt es. Es geht darin um die Umstände des Papst-Rücktritts vor drei Jahren, den Vatileaks-Skandal und auch um die Sicht Joseph Ratzingers auf seine Heimatkirche. Der Papst rechnet in dem Buch auch mit vielen seiner Gegner ab.

Benedikt XVI., der Theologenpapst, betreibt eine Rechtfertigung in eigener Sache. Dieses Buch ist der Bruch eines Tabus und eines Versprechens. Noch nie hat ein Papst in dieser Form sein Pontifikat abschließend bewertet. Zudem hatte Benedikt im Februar 2013 erklärt, er wolle sich "verborgen vor der Welt" in die Abgeschiedenheit eines Klosters zurückziehen. Nun drängt er mit diesem Interviewband öffentlichkeitswirksam nach vorn.

Weiter seinem geistlichen Auftrag verpflichtet

In dem Buch ist viel von Bescheidenheit, Demut und Stille die Rede. Doch der emeritierte Papst scheint auch im gesegneten Alter von 89 Jahren noch eitel genug zu sein, einige Interpretationen von kirchlichen Wegbegleitern, Journalisten und Historikern seine Amtsjahre betreffend so nicht stehenlassen zu können. Dafür sieht er sich offenbar zu sehr seinem geistlichen Auftrag verpflichtet, ein Mitarbeiter der Wahrheit zu sein.

Das ist nicht verwerflich. Aber es drängt sich schon die Frage auf, ob ein Papst und Theologe dieses Kalibers das wirklich nötig hat? Will da einfach jemand in dem Band "Letzte Gespräche" das letzte Wort über sich selbst haben? Das mutet gerade in Kenntnis der Klugheit des Interviewten irgendwie merkwürdig an.

Wenig Einsicht bei umstrittenen Entscheidungen

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Der emeritierte Papst Benedikt XVI. zeigt in seinem Buch wenig Selbstkritik - weder beim Fürbittenstreit, noch im Fall Richard Williamson.

Wer mit seiner Amtszeit angeblich so im Reinen ist, wie Joseph Ratzinger es in dem Buch an zahlreichen Stellen zum Ausdruck bringt, der überrascht den Leser dann doch an zahlreichen Stellen mit einem scharfen Ton, der zwischen den Zeilen nach wie vor von einer tiefen Verletzung kündet. Den Streit um die Karfreitagsfürbitte, der 2008 zu ernsten Verstimmungen in der jüdischen Welt führte, bewertet Benedikt vor allem als eine Montage von  - so wörtlich - "theologischen Nichtfreunden aus Deutschland", die immer schon versucht hätten, ihn "abzuschießen". Auch Jahre danach fehlt bei ihm ein Verständnis dafür, dass Juden sich durch die Fürbitte brüskiert fühlen könnten.

Auch beim Skandal um die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners und früheren Bischofs der erzkonservativen Piusbruderschaft Richard Williamson gibt sich Benedikt wenig selbstkritisch. Schuld sei eine fehlerhafte Kommunikation gewesen und ein schlechter Arbeitsstil der Kommission "Ecclesia Dei".

Den Rücktritt allein mit Gott ausgemacht

Offen bekennt Joseph Ratzinger, dass er kein politisch denkender Papst gewesen sei, auch sei seine Menschenkenntnis nicht die beste. Deutlich wird, dass er die Rücktrittsentscheidung allein mit seinem Gott traf, keine Beratung wünschte und froh war, dass ihm unmittelbar nach seiner überraschenden Ankündigung keine Fragen von Kardinälen gestellt werden konnten.

In dem Buch soll das Bild eines menschlichen Papstes gezeichnet werden, welches der weit verbreiteten Meinung über ihn vom scheuen, kühlen Intellektuellen entgegensteht. Joseph Ratzinger und seinen engsten Vertrauten ist dies offenbar ein ganz wichtiges Anliegen, sonst hätte es dieses Buch niemals gegeben. Dabei hatte sich gerade im deutschen Katholizismus eine Stimmung breit gemacht, die durchaus Wertschätzung für sein Wirken und auch dankbare Anerkennung für seinen revolutionären Schritt zum Rücktritt fand. Umso erstaunlicher, dass Benedikt in ungewöhnlich schroffer Form die katholischen Kirchenstrukturen hierzulande kritisiert. Zu bürokratisch, zu politisch, zu wenig dynamisch.

Eine irritierende Forderung

Das beispielgebende Engagement in der Flüchtlingshilfe blendet der emeritierte Papst dabei aus. Auch dass er als Theologieprofessor und Erzbischof von München und Freising selbst Teil dieses Kirchensystems war. Als Gelehrter und als vatikanischer Glaubenspräfekt hat er sich zudem gern mit den Geistesgrößen seiner Zeit in den katholischen Akademien unterhalten. Auch diese Einrichtungen wurden und werden ja mit Kirchensteuermitteln ausgestattet. Dazu kein Wort.

Auch nicht zu dem von ihm besonders geschätzten, einstigen Limburger Oberhirten, Franz-Peter Tebartz-van Elst, und dessen Umgang mit Geld. Gerade in dem Teil über die deutsche Kirche hätte Joseph Ratzinger ein wenig mehr Gelassenheit, Altersmilde und Souveränität besser zu Gesicht gestanden. In dem Vorwort und dem fast schon untertänig anmutenden Fragestil des Haus- und Hofbiografen Peter Seewald lässt sich zudem die Forderung nach einem "Santo Subito" herauslesen, die zu Lebzeiten so noch keinem Papst zuteil geworden sein dürfte. Auch in dieser Hinsicht ist das Buch ein Tabubruch.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Blickpunkt: Diesseits | 11.09.2016 | 07:05 Uhr

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