Stand: 20.07.2017 13:27 Uhr

Ralf König: Brusthaare zeichnen ist meditativ

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Brustbehaarung zu zeichnen sei ein meditativer Prozess, sagt Comiczeichner Ralf König.

"Der bewegte Mann" begeistert seit 30 Jahren: erst als Comic, dann als Film mit Til Schweiger und nun als Musical im Hamburger Thalia Theater. Der schwule Comiczeichner Ralf König hatte 1987 mit dem "bewegten Mann" seinen Durchbruch. Im Interview erinnert er sich an den Erfolg seiner Männchen mit den Knollennasen.

Wie überraschend war der Durchbruch für Sie?

Ralf König: Ich habe die Geschichte damals in Dortmund gezeichnet und habe nie gedacht, dass das ein Erfolg wird. Es war zwar mein erstes Buch beim seriösen Rowohlt-Verlag. Ich dachte: 'Das kaufen ein paar Schwule, und das war's dann.' Dass sich das so entwickelt hat mit dem Kinofilm, einer Fernsehserie und jetzt einem Musical ist schon ein bisschen bizarr. 30 Jahre sind eine lange Zeit, und ich habe ja immer weiter gezeichnet, aber immer noch steht in jedem Zeitungsartikel hinter meinem Namen in Klammern "Der bewegte Mann", einfach weil der Film damals so präsent war.

Warum hatte diese Geschichte einen so großen Erfolg?

Sendehinweis

Abendjournal Spezial: Comiczeichner Ralf König

20.07.2017 20:00 Uhr
NDR 90,3

Wie kommt Ralf König auf seine Geschichten, was denkt er über die "Ehe für alle" und was erwartet er von der Musical-Version von "Der bewegte Mann"? mehr

König: Es war einfach die richtige Geschichte zum richtigen Zeitpunkt. Man fremdelte damals mit Schwulen. Man wusste nicht so richtig, wie die ticken. Man wusste nicht viel und hatte auch kein Internet. So waren Schwule für viele einfach irgendwo am Rande der Gesellschaft. Und dann kam einer, der Comics darüber zeichnete. Und im Film war es dann so, dass Joachim Król und Rufus Beck sehr sympathische Schwule waren - wobei Schwule sehr schnell gemerkt haben, dass die beiden nicht schwul waren. Und das war die Botschaft: Es gibt nette Schwule, und die sind mit ihren Sorgen, Problemchen und Liebeskummer gar nicht so weit weg von der heterosexuellen Wirklichkeit.

Sie gelten als "Chronist der Schwulenszene". Sie haben die Schwulen und Lesben aus dem Untergrund in die Gleichberechtigung bis heute begleitet. Wie sehr haben Sie Ihre Leser beeinflusst?

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Konrad und Paul sind die Protagonisten der meisten seiner Comics. Eine Karikatur aus der Ausstellung "Ralf König: Echte Kerle" im Museum Wilhelm Busch in Hannover aus dem Jahr 2014.

König: Da höre ich rührende Geschichten. Zum Beispiel, dass ich ihnen beim Coming-out geholfen habe. Sie waren - wie ich - auf irgendeinem Kuhdorf und haben da meine Bücher in die Hand gekriegt. Diese Funktion hatte bei mir übrigens Rosa von Praunheim.

Ich bin im katholischen Westfalen quasi auf dem Acker aufgewachsen. Eines Tages fand ich, warum auch immer, dort am Kiosk ein Buch von Rosa von Praunheim. Das öffnete mir eine neue Welt. Und dass meine Comics genau diesen Effekt auf andere Leute hatten, dass sie ihnen beim Coming-out halfen, ihnen Lebenshilfe gaben oder sie trösteten, das ist schön und macht mich auch ein bisschen stolz. Mit meinem neuen Buch "Herbst in der Hose", bei dem es ums Älterwerden geht, merke ich übrigens einen ganz ähnlichen Effekt. Die Leser, die mit mir älter geworden sind, nehmen dieses Buch fast schon als Lebensberatung. Das finde ich toll und macht mir Spaß.

Man merkt schon, bei welchen Figuren Ihnen das Zeichnen besonders viel Spaß macht - zum Beispiel beim spanischen Bauarbeiter Ramon im Buch "Bullenklöten". Ramon ist in der schwulen Szene schon zum festen Begriff geworden ...

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Nicht nur der Spanier "Ramon" verfügt über ausreichend Brustbehaarung. Auch andere Figuren von König sind reichlich damit gesegnet. Eine Karikatur aus der Ausstellung "Ralf König: Echte Kerle" im Museum Wilhelm Busch aus dem Jahr 2014.

König: Ich zeichne die Brustbehaarung am liebsten mit dem halbleeren "Edding 1800 - 0,1". Halbleer, weil dann der Strich noch dünner kommt. Das ist ein meditativer Prozess. Ich kann da stundenlang sitzen und Brustbehaarung zeichnen.

Ihre Comics sind aber nie nur heitere schwule Folklore gewesen, sondern haben auch die schweren Zeiten begleitet. Die Aids-Krise zum Beispiel. Passt das in einen Comic?

König: Als das damals mit HIV akut war und die Menschen in Massen starben, das war ja grauenvoll. Da hat es lange gedauert, bis ich meine Hemmungen verloren habe, darüber zu schreiben. Ich wollte niemandem wehtun und wollte nicht, dass man denkt, ich würde mich über die Krankheit oder die Betroffenen lustig machen. Zunächst war das bei mir in Dortmund auch kein großes Thema. Dann holte es mich ein, als ich nach Köln zog, weil dort einer meiner besten Freunde 1996 an Aids starb. Danach hatte ich dann keine Hemmungen mehr.

Das Buch "Super Paradiese" kam heraus - wieder mit meinen beiden Figuren Konrad und Paul, die mich schon seit Jahren begleitet hatten. Und da habe ich Paul, den kleinen Leder-Homo, der keine Party auslässt, HIV-positiv sein lassen. Das hat ziemlich viele Leser vor den Kopf gestoßen und irritiert. Ich fand das damals aber konsequent. Ich wollte ein Statement abgeben. Deshalb war nicht nur eine Nebenfigur betroffen. Ich wollte sagen: Das geht uns alle an!

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König: Es war schon ein bisschen unschön, wie man da hineingestolpert ist. Als es unter Rot-Grün schon die ersten Zuckungen in Sachen Homo-Ehe gab, hatte mich das noch gar nicht interessiert. Für mich war die Ehe da noch eher bieder und spießig. Mein Verlag musste mich sogar auf das Thema aufmerksam machen, woraufhin ich auch ein Buch gemacht habe. Jetzt am Ende war ich dann aber auch gerührt und vor allem froh darüber, dass man nicht mehr über das Thema reden muss. Denn die Argumente kamen einem ja schon von rechts und links zu den Ohren raus. Man konnte es ja nicht mehr hören.

Dass Deutschland da im internationalen Vergleich erst so spät mitgemacht hat, ist auch ein bisschen beschämend. Aber jetzt ist es ja durch, und ich habe meinen Freund auch gefragt, ob wir es denn nicht mal tun sollen. Wenn, dann aber mit einer großen Party, und da habe ich die Kohle gerade nicht. Es müssen sich also erst mal einige Exemplare von "Herbst in der Hose" verkaufen, damit ich eine fette Party feiern kann, weil es immer etwas größer ist, wenn ich feiere.

Das Interview führte Daniel Kaiser, NDR 90,3

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal Spezial | 20.07.2017 | 20:00 Uhr

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