Stand: 10.03.2016 10:00 Uhr

Von Fantasy bis Apokalypse

Die Knochenuhren
von David Mitchell, aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Vorgestellt von Stefan Maelck
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David Mitchell, 1969 in England geboren, lebte zwischenzeitlich auf Sizilien und in Japan, nun in Irland.

Der britische Autor David Mitchell wurde mit seinem Roman "Der Wolkenatlas" weltberühmt. Der Roman beinhaltet sechs Handlungsstränge - alle in einer eigenen literarischen Form verfasst und trotz der nicht unkomplizierten Stilistik erfolgreich verfilmt von Tom Tykwer. Mit seinem neuen Roman "Die Knochenuhren" greift Mitchell dieses literarische Prinzip wieder auf - und es kehren sogar Figuren aus dem "Wolkenatlas" zurück.

Fantasy für Nicht-Fantasy-Leser

David Mitchell ist kein einfacher Autor. Nach seinem Erfolg mit "Der Wolkenatlas" hat er es seinen Lesern mitunter nicht einfach gemacht. Romane wie "Chaos" oder "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" haben das bewiesen. Aber mit "Die Knochenuhren" geht David Mitchell jetzt noch einen Schritt weiter. Er koppelt quasi "Wolkenatlas" mit "Harry Potter" und erfindet so etwas wie Fantasy für Nicht-Fantasy-Leser - wenn diese denn dranbleiben an der überbordenden, mitunter durchgeknallten Handlung.

Dabei geht es mit einer scheinbar ganz normalen Coming-of-Age-Geschichte los. Das erste Kapitel "Hitzewelle" mit der Ich-Erzählerin Holly Sykes beginnt 1984.

Ich gehe bei Magic Bus Records vorbei und werfe einen Blick hinein. Ich hatte bei "R" nach den "Ramones" gesucht. Vinny behauptet, er sei bei "S" wie "scharf", "sexy" und "Sykes" gewesen. Hinten im Laden werden gebrauchte Gitarren verkauft. Vin kann das Intro von "Stairway to Heaven" spielen, weiter ist er allerdings nicht gekommen. Ich werde mir auf seiner Gitarre das Spielen beibringen, wenn er bei der Arbeit ist. Wir könnten zusammen eine Band gründen. Warum nicht? Tina Weymouth ist auch ein Mädchen und Bassistin bei den Talking Heads.

Geschichten mit überbordender Handlung

Musik gibt es wieder jede Menge bei David Mitchell. Holly Sykes ist geradezu besessen von Musik, wie so viele ihrer Altersgenossen, und sie ist nicht weniger besessen von sich selbst. Im ersten Kapitel haut sie von zu Hause ab, verliebt sich in den späteren Kriegsreporter Ed Brubeck, in Kapitel 2 hat sie ein Verhältnis mit dem selbstverliebten Studenten Hugo Lamb und in Kapitel 3, das 2004 beginnt, lebt sie eine Künstlerehe mit Ed Brubeck. Dabei ist besonders das Campus-Kapitel überzeugend, eine Mischung aus Tom Wolfe und Bret Easton Ellis.  

Halb vier, sagt meine Rolex. Ich muss dringend meinen Essay über Ronald Reagans Außenpolitik überarbeiten, aber kaum zwei Meter von mir entfernt wartet eine unheimliche Göttin darauf, dass ich die Initiative ergreife. Ich spreche sie an. "Zu sehen, wie viel Herzblut die Sänger bei ihrem Vortrag vergießen, nimmt der Musik nicht ihren Zauber, sondern macht sie noch geheimnisvoller. Klingt dieser Gedanke irgendwie einleuchtend?" Leseprobe

Ein Übermaß an skurrilen Einfällen

In den nachfolgenden Kapiteln entwickelt sich daraus 2015 ein Künstlerleben, 2025 Fantasy und 2043 die Apokalypse. Vampire, Horologen und schließlich Mr. Pfenninger, der Oberpriester der "Einsiedler der Kapelle des Dämmers des Blinden Katar des Thomasischen Ordens vom Sidelhorn-Pass" - all das bleibt uns nicht erspart. Und Kapitel 5, "Das Labyrinth des Horologen", ist - wie gesagt - Fantasy pur. Der Erzähler Marinus, der Holly 1984 als Kinderpsychologe mit chinesischen Wurzeln begegnet war, steckt 2025 im Körper einer schwarzen Kanadierin fest. Marinus gehört zu einer Gruppe, der ewiges Leben beschert ist und die wiederum gegen die Sidelhorn-Vampire kämpft. Alles klar?

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

David Mitchell: "Die Knochenuhren"

NDR Kultur -

David Mitchells neues Buch "Die Knochenuhren" enthält mehrere Romane in einem.

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Für wen ist das?, fragt man sich. Ist das hier die Droge für Leser, die seit einer Überdosis "Harry Potter" unter schlimmen Entzugserscheinungen leiden? Holly jedenfalls findet sich 2043 an Irlands Westküste wieder, der Apokalypse jedoch kann sie leider auch dort nicht entkommen. Vielleicht wird ja Mitchell einfach langweilig beim Erzählen und deshalb liefert er uns gern mehrere Romane in einem und beweist damit, dass auch der Postmoderne ewiges Leben beschert ist, auch wenn ihr - genau wie Marinus - die Knochen mittlerweile ganz schön weh tun.

Die Knochenuhren

von
Seitenzahl:
816 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04530-2
Preis:
24,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.03.2016 | 12:40 Uhr