Stand: 20.02.2017 11:20 Uhr

Graphic Novel zum "Charlie Hebdo"-Attentat

Die Leichtigkeit
von Catherine Meurisse
Vorgestellt von Carola Wittrock

Chaos in ihrem Kopf, Panik und unendliche Trauer - das waren ihre ständigen Begleiter. Catherine Meurisse hat zehn Jahre bei "Charlie Hebdo" gearbeitet. Den Anschlag auf die französische Zeitschrift im Januar 2015 überlebt sie nur, weil sie an diesem Tag verschlafen hatte. Wie schafft man es, nach so einer Tragödie weiterzuleben, und wie gewinnt man die Leichtigkeit im Leben zurück? Die Antwort gibt sie in einem sehr persönlichen Buch, der Graphic Novel "Die Leichtigkeit".

Mit dem Stift das Chaos verarbeiten

Verlust von Kollegen, Freunden, der publizistischen Heimat

Meurisse hat bei dem Massaker nicht nur Mentoren, Kollegen und Freunde verloren, sondern auch ihre publizistische Heimat, diesen ganz besonderen Gruppengeist. "Die Erschütterung war so groß, dass ich mein Gedächtnis verloren habe, im Grunde alle intellektuellen Fähigkeiten", sagt Catherine Meurisse. "Ich konnte nicht mehr denken und hatte große Angst, niemals mehr zeichnen zu können, also meinen Beruf zu verlieren. Meine Fantasie war damals vollkommen blockiert."

Suche nach der eigenen Identität

Sehr eindrücklich und mit großer Klarheit beschreibt sie zeichnerisch ihren Zustand nach dem Gemetzel vom 7. Januar. "Nach dem Attentat habe ich mir die Frage nach der eigenen Identität gestellt. Und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als alle Welt sagte: 'Ich bin Charlie'. Und wer bin ich? Das zeichne ich übrigens auch im Buch. Wer bin ich nach so einem Ereignis, nach einer solchen Katastrophe. Wer ist man?"

Die weltweite Solidarität empfindet sie damals als sehr paradox. "Millionen von Leuten sind auf der Straße, weil einige von uns tot sind. Man applaudiert uns, dabei wollen wir doch gar nichts." Ihre inneren Empfindungen und die äußeren Geschehnisse - sie passen nicht zusammen. Freunde kümmern sich um sie. In der Natur, auf der Düne Pilat bei Bordeaux, hat sie eine Art Erweckungserlebnis. "Als mich Freunde dorthin mitgenommen haben, war es, als würde ich das alles zum allerersten Mal sehen. Das war 20 oder 15 Tage nach dem Attentat. Ein erster ästhetischer Schock", erzählt Meurisse. "Diese Erfahrung hat mich zutiefst geprägt. Und so wurde das auch zwangsläufig meine erste Zeichnung."

"Die Leichtigkeit" als zwangsläufiger Titel

Der Titel ihres Buchs habe kein anderer sein können als "Die Leichtigkeit". "Und auch keine andere Zeichnung als die, die auf dem Cover ist, wo ich gehe. Ich weiß zwar nicht, wohin, aber ich mache mich auf den Weg." "Die Leichtigkeit" - dieser vielschichtige Titel beschreibt, was sie damals verloren hat und was sie sich unbedingt zurück erobern möchte. "'Die Leichtigkeit' ist ein Buch, das mir beweist, dass ich am Leben bin. Also war es wichtig, dass ich mich selber zeichne. Als kleine Person, die sich auf den Weg macht und dabei unterschiedliche Emotionen durchlebt", sagt Meurisse.

Zurück ins Leben

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"Wer bin ich?", fragte sich Catherine Meurisse nach dem Attentat, bei dem viele ihrer Kollegen starben.

Wie zum Beispiel die Angst, die sie als unsichtbare Mauer zeichnet, durch die sie geht, als sie zum ersten Mal an den Ort des Massakers zurückkehrt. "Im Verlauf des Buches, von Seite zu Seite, zeichne ich mich lebendiger, aktiver, als jemanden, der das Denken wiederfindet, den Humor, das Bewusstsein, Freunde zu haben. Und das musste ich unbedingt alles notieren. Sozusagen als Beweis dafür, dass ich wieder zurück im Leben bin."

Ihre ersten Ideen zeichnet sie nach und nach in ein Skizzenbuch. Die Ereignisse des 7. Januars - kaum darstellbar. "Das sind die Versuche, das Unbeschreibliche darzustellen", sagt Meurisse. "Das war sehr kompliziert. Danach habe ich mich dann einfach bei Munch bedient. 'Der Schrei' von Munch, um den eigenen Schrei auszudrücken, der mir selber nie gelungen ist."

Aufmerksamkeit auf das Schöne gerichtet

Um mit dieser existenziellen Krise zurechtzukommen, setzt sie sich ein Ziel, lenkt ihre Aufmerksamkeit nur noch auf das Schöne. "Ich habe mich an dem Wort 'Schönheit' festgeklammert und daran entlanggehangelt. Das führte mich schließlich nach Rom. Ich war auf der Suche nach einer ästhetischen Erschütterung, die so stark ist, dass sie den Schock des 7. Januars auflösen kann." Catherine Meurisse findet Unterkunft in der Villa Médicis in Rom, einem Rückzugsort für französische Künstler. Sie bleibt vier Wochen, flaniert durch die Stadt und die Museen.

Catherine Meurisse hat sich mit ihrer Comic-Novel zurückgeschrieben, zurückgezeichnet ins Leben. Entstanden ist ein Album über Schönheit, Freundschaft, Humor und die Kraft von Kunst und Kultur. Die Leichtigkeit - ein Drahtseilakt.

Das Cover der Graphic Novel "Die Leichtigkeit" von Catherine Meurisse

Leben nach dem "Charlie Hebdo"-Attentat

Bücherjournal -

Die Karikaturistin Catherine Meurisse ist dem Attentat bei "Charlie Hebdo" nur entgangen, weil sie an diesem Tag zu spät dran war. Ihre Graphic Novel "Die Leichtigkeit" erzählt von der Zeit danach.

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Die Leichtigkeit

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Graphic Novel
Verlag:
Carlsen Verlag
Bestellnummer:
978-3-551-73424-2
Preis:
19,99 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 22.02.2017 | 00:00 Uhr

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