Stand: 10.11.2017 14:00 Uhr

Wie Dichter wohnen - Einblicke in ihr Zuhause

Dichterhäuser
von Bodo Plachta (Text) und Achim Bednorz (Fotos)
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

In welcher Umgebung, an welchem Schreibtisch ist ein berühmtes literarisches Werk entstanden? Das wüsste das Lesepublikum gern und schaut Dichtern neugierig in ihre Häuser - oder blättert in Bildbänden. Der Osnabrücker Germanist Bodo Plachta und der Kölner Architektur-Fotograf Achim Bednorz sind ein eingespieltes Team. Sie haben schon einen Band über Künstlerhäuser herausgegeben und setzen die Zusammenarbeit nun fort mit: "Dichterhäuser".

Wo der Geist deutscher Dichter spürbar wird

Orte künstlerischer Schaffenskraft

Entstanden ist ein Buch, mit dem man zu Hause im Lehnsessel auf die Reise gehen kann, zu über 50 Schriftstellerinnen und Schriftstellern deutscher Sprache. Die Anordnung ist allerdings nicht geografisch, sondern chronologisch. Der 270 Seiten starke Band beginnt bei den Skriptorien des Mittelalters, bei Wolfram von Eschenbach und Oswald von Wolkenstein - und endet bei Walter Kempowski in Nartum und Friedrich Dürrenmatt in Neuchâtel.

Auf dem Cover ist Friedrich Schillers Schreibtisch im Weimarer Wohn- und Sterbehaus zu sehen. Vor der grünen, gemusterten Tapete das auf Hochglanz polierte Obstbaumholz. Auf dem Tisch befinden sich eine Uhr, eine Tabakdose zum Schnupfen, ein Tintenfass mit Feder, ein Briefbeschwerer, eine Schere, ein Kerzenleuchter und ein Himmelsglobus. Das Gebäude wurde 1847 zum ersten deutschen Dichtermuseum. Bodo Plachta widmet Schiller in Marbach und Weimar sechs Seiten, aber von den gärenden Äpfeln, die der Dichter wegen ihres Duftes immer gern in der Schreibtischschublade hatte, erzählt er nicht.

Dichterhäuser sind bewahrenswert

In Wirklichkeit könnte man ja auch über jeden Dichterort ein ganzes Buch schreiben. Das Lessinghaus in Wolfenbüttel, ein kleines Rokoko-Palais zwischen Bibliothek und Schloss, atmet auch 236 Jahre nach dem Tod des Dichters noch etwas von dem Geist desjenigen, der hier "Nathan der Weise" schrieb.

"Natürlich haben wir den Schreibtisch nicht mehr, aber das Haus ist da. Das Haus ist das Hauptexponat. Dann kann man schon ahnen, wie Lessing sich in diesen Räumen bewegt hat, auch wenn wir das Mobiliar nicht mehr haben. Das ist nach seinem Tod zerstreut, ebenso wie ja auch seine Manuskripte an ganz verschiedene Orte gekommen sind, in der Herzog-August-Bibliothek sind nur wenige seiner Manuskripte geblieben", sagt Helwig Schmidt-Glinzer, bis 2015 Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

"Der Ort muss zum Erzählen gebracht werden", schreibt Bodo Plachta, "damit wir eine genauere Vorstellung davon gewinnen können, was hier einst geschah und was diesen Ort überhaupt auszeichnet und bewahrenswert macht." Weiter erklärt er: "Werkstätten, Ateliers, Wohnungen und Häuser galten (...) erst seit der Renaissance als bewahrenswert, weil man erkannte, dass sich hier die künstlerische Schaffenskraft an einem konkreten Punkt, dem legendären 'genius loci', fassen ließ."

Räume lassen Literatur lebendig werden

Ein Idealfall kommt zustande, wenn das Zuhause des Dichters auch noch Gegenstand seiner Literatur geworden ist, wie bei Thomas Mann im Buddenbrookhaus in der Lübecker Mengstraße. Im Band "Dichterhäuser" blickt man in Manns Musikzimmer und ins Esszimmer, beide mit Kerzenleuchtern, erlesenen Teppichen, großen Gemälden und üppigen Volants ausgestattet, die im Roman zum Landschafts- und Götterzimmer wurden.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

Bodo Plachta / Achim Bednorz: "Dichterhäuser"

NDR Kultur -

Bodo Plachta und Achim Bednorz haben Zimmer und Gebäude bekannter Dichter in ganz Deutschland besucht.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

"Die zentralen Handlungen, die großen Essen, wenn Grünlich kommt und um Tonis Hand anhält - all das findet in diesen Räumen statt. Thomas Mann hat sie ziemlich genau beschrieben. Wir haben im Grunde nach seinen Beschreibungen diese Räume wieder hergestellt, so dass man mit dem Buch in der Hand in die Welt der Buddenbrooks eintauchen kann", erklärt Hans Wißkirchen, seit 2001 Direktor der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck und vormaliger Leiter des Buddenbrookhauses.

Hier bei uns im Norden kann man beispielsweise Arno Schmidt in Bargfeld besuchen, Richard und Ida Dehmel in Hamburg oder Wolfgang Koeppen in Greifswald, Gerhart Hauptmann im Haus Seedorn auf Hiddensee, in dem das Arbeitszimmer streng im Stil der Neuen Sachlichkeit eingerichtet war.

Die vorzüglich ausgeleuchteten Fotografien von Achim Bednorz geben jedem hier vorgestellten Dichterhaus die Aura, die der reale Ort dann gelegentlich doch nicht heraufzubeschwören vermag.

Dichterhäuser

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hardcover mit Schutzumschlag, 157 farbige Fotos, Preis für Mitglieder: 39,95 €
Verlag:
Theiss
Bestellnummer:
978-3-8062-3612-5
Preis:
49,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.11.2017 | 17:40 Uhr

Norddeutsche Autoren

Norddeutsche Landschaften und Familientraditionen oder die Aufarbeitung von Weltkriegen - das sind einige Themen der Schriftsteller, die im Norden lebten und leben. mehr

Mehr Kultur

59:52

Bettina Tietjen - die Talklady im Porträt

25.11.2017 00:10 Uhr
NDR Fernsehen
01:28

Werke von Hans Fuglsang in Flensburg

24.11.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
00:59

Hakenkreuz auf Sportplatz-Gelände zerschlagen

24.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal