Stand: 04.07.2017 15:00 Uhr

Albtraum Kreuzfahrt

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt
von Bodo Kirchhoff
Vorgestellt von Jan Ehlert

"Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich" - so fasste der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace in einem bösartigen, lesenswerten Essay die Erfahrungen zusammen, die er auf einem Kreuzfahrtschiff gesammelt hatte. Dennoch: Die Reise mit einem Kreuzfahrtschiff hat immer wieder Autorinnen und Autoren angezogen, um Stoff für Romane zu finden: Frank Schulz, Matthias Politycki und Sebastian Fitzek gehören dazu. Nun hat auch der Gewinner des Deutschen Buchpreises, Bodo Kirchhoff, sich an das Genre der Kreuzfahrtliteratur gemacht. Zumindest lässt dies der Titel seines neuen Buches vermuten: "Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt".

Zwang zur Freundlichkeit

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Der 1948 in Hamburg geborene Autor Bodo Kirchhoff wollte selbst nicht in den Genuss einer Kreuzfahrt kommen.

Die Kreuzfahrt als Lebenstraum: In seinem Roman "Die kleine Garbo" ließ Bodo Kirchhoff im Jahr 2006 seinen Protagonisten dafür sogar zum Mörder werden, nur um das Geld für diese Fahrt zusammenzubekommen. Elf Jahre später hätte dieser Traum für Kirchhoff selbst Wirklichkeit werden können - und das sogar gratis:

"Vor etwa einem Jahr, Anfang Juni letzten Jahres, kam eine Mail an mich: die Einladung zu einer Kreuzfahrt", erzählt Kirchhoff. "Es hörte sich großartig an. Dann gab es einen Anhang und dann habe ich diesen Anhang studiert und mit meiner Frau darüber gesprochen und am nächsten Tag haben wir zwei freundliche Zeilen zurückgeschickt. In dem Moment, wo diese beiden Zeilen abgeschickt wurden, da kam mir der Gedanke: Das kann man auch auf 130 Seiten ausdehnen, diese Antwort."

So entstand dieses Buch, das zwar von Kreuzfahrten erzählt, aber sich nicht selbst auf die Reise begibt. Denn die Einladung anzunehmen, das war für Kirchhoff ausgeschlossen. Zu sehr störten ihn die Bedingungen, die die Veranstalter stellten: "Wir waren ja aufgerufen in diesem Anhang zur steten Freundlichkeit, also wenn jetzt vier Leute tätowiert in einem Whirlpool sitzen und sagen, kommen Sie doch zu uns, müsste ich dieser Aufforderung eigentlich folgen. Wenn jetzt einer von denen sagt, erzählen Sie doch mal einen Schriftstellerwitz, könnte ich auch nicht ganz unhöflich nein sagen. Das sind alles Dinge, die ich durchdacht habe."

Schriftsteller, Künstler, Edutainer

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Kirchhoff seziert lustvoll Punkt für Punkt die Teilnahmebedigungen der Kreuzfahrt, zu der er eingeladen war - die er aber ausschlug.

Lustvoll seziert Kirchhoff Seite für Seite, Punkt für Punkt die Teilnahmebedingungen. Ob es um die Teilnahme am Bauchplatscherwettbewerb geht, um die "Souvenirdesinfektionsstation" oder um die Beschreibung seiner Rolle als Gastkünstler - denn er ist nicht als Schriftsteller angefragt, sondern als "Edutainer". So steht hinter diesen Absurditäten des Kreuzfahrtgeschäfts die für Kirchhoff viel existenziellere Frage, was einen Schriftsteller eigentlich ausmacht. Was ihn unterscheidet von den "Edutainern" oder Unterhaltungskünstlern unserer Zeit.

"Da klafft etwas auseinander. Auf ein Schiff mit Tausenden Menschen, die sich eigentlich nur vergnügen wollen, jemanden einzuladen, der sich eigentlich mit den ernsteren Dingen des Lebens beschäftigt und abends eine Lücke zu finden, wo ein paar Leute ihm zuhören, ist für mich ein riesiges Missverständnis per se", findet der Autor. "Das hat mich so gereizt, darüber zu schreiben und das in seinen Nuancen aufzufächern, was ein Schriftsteller eigentlich ist und was er nicht ist."

Dabei zeigt Kirchhoff in diesem Buch wieder einmal, dass auch er wunderbar zu unterhalten weiß. Anders als in seinen großen Romanen "Die Liebe in groben Zügen" oder "Parlando" fehlt diesmal jedoch das Existenzielle, das Abgründige der menschlichen Beziehungen, das Kirchhoff so meisterhaft auszuloten weiß. Kirchhoff selbst bezeichnet "Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt" daher auch nur als "Nebenwerk". Einen Buchpreis wird er dafür nicht erhalten. Es ist eine Spielerei, geschrieben aus der Perspektive eines Ich-Erzählers. Ein munterer Mail-Monolog, gerichtet an die Agentin der Reiseagentur, der Seite für Seite immer kafkaeskere Züge annimmt.

Wunderbar boshafte und witzige Sommerlektüre

"Fangen wir bei den Zeilen unter dem Stichwort Stammdatenerfassung an: Sie werden in der Buchhaltung als Lieferant angelegt, heißt es da, ein Vorgang, der bis zu zwölf Wochen dauern kann. [...] Und auch wenn mir bewusst ist, dass sich Buchhalter einer anderen Sprache bedienen als Schriftsteller, ist doch der Ausdruck Lieferant recht überraschend, weil ja auch die Kartoffeln an Bord oder der Biervorrat von Lieferanten kommen; außerdem wäre zu fragen, weshalb dieser Vorgang bis zu zwölf Wochen dauern soll." Leseprobe

Schenken Sie dieses Buch daher niemandem, der Kreuzfahrten liebt. Er muss sich an so mancher Stelle auf den Fuß getreten fühlen. Nicht umsonst fürchtet der Ich-Erzähler, er könne während der Fahrt von den Passagieren über Bord geworfen werden. Für alle anderen aber ist dieses Buch eine wunderbare Sommerlektüre: boshaft, witzig und dennoch mit dem nötigen Tiefgang - eben so, wie es nur wirkliche Schriftsteller können.

Bodo Kirchhoff am Tag der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2016 © dpa Fotograf: Arne Dedert

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Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

von
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Schön gebunden, Farbiges Vorsatzpapier
Verlag:
Frankfurter Verlagsanstalt
Bestellnummer:
978-3-627-00246-1
Preis:
18,00 €

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