Stand: 03.07.2017 09:00 Uhr

"Dark Mountains": Die dunkle Seite der Berge

Dark Mountains
von Bernd Ritschel
Vorgestellt von Lars Friedrich

Zu viel Schönheit. Zu viel Größe. Berge sind die Marilyn Monroe der Erde - zumindest was die Fotografie betrifft. Sie sind zu Tode geknipst. Bernd Ritschel weiß das. Er ist Extrembergsteiger und Fotograf für Werbeagenturen und Firmen. Beauty-Shots der Natur. Ewiges Kaiserwetter. Doch einmal sollte es anders sein. "Ich renne jetzt seit annähernd 29 Jahren dem Schönen hinterher", erzählt Ritschel. "Mit dem Wetterbericht, mit meinem ganzen Tun, meiner ganzen Konzentration." Als er auf schönes Wetter und gutes Licht gewartet habe, habe er allerdings dramatische Stimmungen erlebt: "Und immer öfter abgedrückt." Seine Aufnahmen habe er immer wieder einmal Redaktionen angeboten, doch "die haben alle nur den Kopf geschüttelt". So etwas brauche man nicht, die Leute wollten das Schöne sehen.

Rein ins Dunkle

Dabei ermöglicht erst die Finsternis die Helligkeit des Lichts. So ist das: die Grandes Jorasses etwa, im Mont Blanc-Massiv - dräuend-dunkel. Klar, Berge machen Angst, viel zu mächtig. Das ist Ritschels Thema in seinem Bildband "Dark Mountains": rein ins Dunkle. Natur-Drama. Shakespeare-Wetter. "Ich hab sicher, allein hier in den bayerischen Vorbergen, sieben, acht, neun, zehn Gewitter abgefahren, abgelaufen", erzählt Ritschel. "Stehend unter Dächern, stehend unter einem Gebüsch, wo auch immer - und habe so gut wie keine Bilder bekommen. Und dann kam das ultimative trockene Gewitter über dem Kochelsee. Hier, wo ich lebe. Und dort habe ich meine ultimativen Blitzbilder bekommen - es hat Jahre gedauert."

Letzte Messe fürs Gletschereis

Gletscher - schmelzende Urlandschaft. Und der Mensch muss drüber. Ritschel kennt das: Er war als Bergsteiger und Fotograf im Himalaya, auf den Lofoten, in Patagonien. Und eben auch ganz nah: im Ötztal. Eine Gletscherhöhle, sehen was da ist, festhalten. Effektvoll. Als Foto - abstrakt. Das hier stirbt, verschwindet. Eine letzte Messe fürs Gletschereis der Alpen.

"Die meisten Bergsteiger rennen auf Matterhorn, Wildspitze, Großglockner, Drei Zinnen und Co.", sagt Rischel. "Da, wo die Gipfel Namen haben, wo man was verbinden kann - die jeder kennt. Wo man im Büro erzählen kann: 'Ich war auf dem Matterhorn.' Das Erlebnis wird umso intensiver, desto einsamer der Berg ist. Bei gleicher Schwierigkeit, bei gleicher Gipfelhöhe."

Blick zur Seite

Die Landschaft ist kontaminiert. Vergiftete Schönheit. Die stärksten Bilder seines Buches "Dark Mountains" zeigen Zerbrechlichkeit. Vanitas. Die Schäden des letzten Sturms. Das Poröse, Angeschlagene. Ritschel hat auch den Blick zur Seite. "Wenn ein ungewöhnliches Licht kommt, kommt es nicht für Stunden", erzählt er. "Das sind Minuten, manchmal tatsächlich nur Sekunden. Und dann muss einfach alles passen. Vom Bergsteigen her ist es absolut notwendig notwendig, dass man sich absolut sicher in dem Gelände bewegen kann, wo man agiert. Wer nach 1.000 Höhenmetern auf einem Gipfel ankommt, um dort zu fotografieren, und völlig erschöpft ist, der wird nicht mehr die Bilder machen, die eigentlich möglich wären."

Die dunkle Seite der Berge

Die Berge wirken düster und gefährlich

Warum klettern wir da rauf? "Die Berge gewinnen Leben nur durch die Liebe der Menschen", sagt der berühmte Alpinist Gaston Rébuffat. Menschen machen den Berg zum Mythos - und sie zerstören ihn. "Dark Mountains" zeigt das Dunkle, das Abseitige. Die Berge sind hier düster, gefährlich. Noch nicht gefährdet. Es ist wie ein Menetekel.

Dark Mountains

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
National Geographic
Bestellnummer:
978-3866906280
Preis:
59 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 05.07.2017 | 00:00 Uhr

Mehr Kultur

02:29

João Bosco über "Time Out"

17.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info
02:37

Musical-Nachwuchs präsentiert seine Werke

17.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:04

Drehstart für Doku über Kieler Matrosenaufstand

17.10.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin