Stand: 02.08.2017 15:08 Uhr

Ein Sandgemälde aus Geschichten

Das Ministerium des äußersten Glücks
von Arundhati  Roy, Aus dem Englischen von Anette Grube
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Arundhati Roy, Jahrgang 1959, aufgewachsen in Kerala, lebt heute in Neu-Dehi. Sie erhielt 1997 den Booker Prize.

Mit ihrem ersten Roman "Der Gott der kleinen Dinge" hat die indische Autorin Arundhati Roy vor nunmehr zwanzig Jahren die ganze Welt erobert. Sie wurde als Autorin gefeiert und überall herumgereicht. In diesem emotionalen Orkan hat sie damals gesagt, es würde wohl ihr einziger Roman bleiben. Jetzt erscheint nun doch ihr zweiter Roman: "Das Ministerium des äußersten Glücks". Der Text vermittelt heftige Kritik an den Zuständen in Indien.

Arundhati Roy

Politischer Roman über Missstände in Indien

Bücherjournal -

"Das Ministerium des äußersten Glücks" ist ein Abriss der Geschichte Indiens der letzten Jahrzehnte. Arundhati Roy hat einen politischen Roman geschrieben, der die Missstände in Indien kritisiert.

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In den letzten Jahren ist Arundhati Roy viel durch Indien gereist, hat sich die Zustände im Land angesehen und furiose Artikel dazu geschrieben. Sie gehört zu den erstaunlich wenigen Schriftstellern Indiens mit internationalem Ruhm, die tatsächlich im Land leben und nicht vom Exil aus schreiben.

Texte wie mit kostbaren Schalen gereicht

Ihr Roman beginnt mit der Widmung: "Für die Ungetrösteten". Der 557 Seiten starke Roman ist keine leichte Kost. Arundhati Roy erzählt hier viele disparate Geschichten und ordnet sie zu einem Kaleidoskop oder wie ein riesiges Sandgemälde an, in dem Leser gelegentlich Mühe haben werden, sich zu orientieren oder gar zu erinnern, wer noch einmal wer war. Es hat andererseits den Vorteil, dass man das Buch betreten und wieder verlassen kann, wann man möchte, und immer, an jeder Stelle, einen tief berührenden, wundervoll formulierten Text vorfindet, bei dem man erstaunt, erschrickt und ergriffen wird. Die einzelnen Passagen werden den Lesern wie kostbare Schalen mit Worten darin gereicht.

Eine der zentralen Figuren ist ein sogenannter Hijra, weder Mann noch Frau. Seine Eltern hatten sich nach drei Töchtern dringend einen Sohn gewünscht:

"Die Nacht, als er geboren wurde, war die glücklichste Nacht in Jahanara Begums Leben. Als am nächsten Morgen die Sonne schien und es im Zimmer angenehm und warm war, wickelte sie den kleinen Aftab aus. Sie erforschte seinen winzigen Körper - Augen Nase Kopf Nacken Achseln Finger Zehen - gemächlich mit größtem Vergnügen. Und da entdeckte sie, versteckt hinter dem Jungen, zweifelsfrei ein kleines, nicht voll entwickeltes, aber doch ein Mädchen." Leseprobe

Sogenannte Hijras, also Menschen ohne eindeutige Geschlechtsidentität, erwartet auch in Indien ein schweres Leben. Anjum heißt der kleine Aftab später und lebt in einem Wohngemeinschaftshaus zusammen mit anderen Hijras.

Vielschichtige Ansichten über das Leben

Doch es kommt wegen eines Findelkindes zum Streit und Anjum zieht auf einen Friedhof, von hier aus kommentiert und beobachtet sie die Welt:

"Sie lebte auf dem Friedhof wie ein Baum. In der Morgendämmerung verabschiedete sie die Krähen und hieß die Fledermäuse zu Hause willkommen. In der Abenddämmerung tat sie das Gegenteil." Leseprobe

Anjum entwickelt ein vielschichtiges Gesellschaftsleben auf diesem Friedhof, sie - oder er - stattet ihre Unterkunft mit Teppichen aus und empfängt Gäste, mit denen sich tiefe Gespräche über das Leben und das Sterben, über Politik und die Zustände, über Glauben und Sünde entzünden.

"... aus Erfahrung wusste sie, dass Bedürfnis ein Lagerhaus war, in dem eine beträchtliche Menge Grausamkeit Platz hatte." Leseprobe

Kleine wundervoll formulierte Geschichten

Mit Arundhati Roys Text betreten wir Kriegsgebiete, gehen in die Berge, sehen einem Vater über die Schulter, der seiner fünfjährigen Tochter in Briefen beschreibt, wie viele zu ihrer Beerdigung gekommen sind, zwei Menschen liegen engumschlungen und wundern sich über ihre Liebe - und so fort.

So fasziniert dieser Roman, in dem Geheimnisse bewahrt und verraten, in dem geflüstert und gestritten, geweint und gejubelt wird. Nach der Lektüre wird man nie mehr mit den Augen eines unschuldigen Globetrotters ein Land wie Indien bereisen können.

Veranstaltungen

Arundhati Roy liest im Magazin-Kino in Hamburg

05.11.2017 20:00 Uhr

Außenseiter, Sonderlinge, Ausgestoßene tummeln sich im neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ von der Booker Prize Gewinnerin Arundhati Roy. mehr

Das Ministerium des äußersten Glücks

von
Seitenzahl:
560 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-002534-0
Preis:
24,00 €

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