Stand: 14.12.2015 12:40 Uhr

Erinnerungen an Udo Jürgens

Mein Jahr ohne Udo Jürgens
von Andreas Maier
Vorgestellt von Andrea Gerk
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Udo Jürgens starb am 21. Dezember 2014 in der Schweiz.

Am 21. Dezember 2014 starb der Sänger Udo Jürgens und hinterließ eine trauernde Fangemeinde. Auch Andreas Maier gehört dazu. Der vielfach ausgezeichnete Autor hat für die "FAZ" Konzerte des Sängers besprochen und nach dessen Tod für das Internet-"Logbuch" des Suhrkamp Verlags regelmäßig eine Kolumne geschrieben. Diese Texte sind nun zu einem der für Maier so typischen autobiografischen Romane angewachsen und unter dem Titel "Mein Jahr ohne Udo Jürgens" erschienen.

Ein unvergessliches Datum

Es gibt historische Ereignisse wie den Mauerfall oder die Angriffe auf das World Trade Center, die sich tief ins kollektive Gedächtnis einschreiben und bei denen fast jeder sich erinnert, wo er war und in welcher Situation er davon erfahren hat. Wie ein solches Datum erscheint in Andreas Maiers Buch auch der 21. Dezember 2014, der Tag, an dem Udo Jürgens starb. Wie fast alle anderen auch war der Autor damit beschäftigt, Weihnachten zu feiern und traf sich mit Freunden zum Adventsgrillen im Hof der "Buschscheer", seiner Frankfurter Lieblingskneipe:

"Um 18.11 Uhr brummte also mein Telefon. Ich bekam zwei Nachrichten. Die erste lautete: 'Er ist tot.' Die zweite lautete: 'Udo Jürgens ist tot.' Die erste Nachricht hätte gereicht. Sie kam von Nina, der Lehrerin aus dem Gießener Raum, mit der ich zu den Konzerten zu gehen pflegte. Beim letzten Konzert standen wir nebeneinander, und sie sagte plötzlich aus dem Nichts: 'Es ist diese radikale Emotionalität.' Sie sagte es nach etwa einer Stunde Konzert und hatte damit die Udo-Jürgens-Formel gefunden. Udo Jürgens als völlig gelebte Gegenwart. Das große Ja. Der Tod spielt in seinen Liedern keine Rolle." Leseprobe

"Udo Jürgens ist der Einzige, der dem Altern eine Nase gedreht hat"

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"Udo Jürgens ist einfach so gestorben, ohne rechtes Altern", schreibt Maier.

Der Sänger Udo Jürgens - die Verkörperung radikaler Gegenwart und reinen "So-Seins", wie es einmal heißt - wird für den Schriftsteller Andreas Maier zur Muse, die ihn zu wildwuchernden Assoziationen inspiriert, in denen bei aller Ironie oft eine tiefe Wahrheit durchschimmert. Etwa wenn Maier ausgehend von der griechischen Mythologie über das Altern nachdenkt und zu dem überraschenden Schluss kommt: "Udo Jürgens ist einfach so gestorben, ohne rechtes Altern. (...) So sehe ich Udo Jürgens in den letzten Jahren dasitzen und darauf warten, alt zu werden, weil ihm niemand sagte, dass er gar nicht alt werden, sondern jung sterben würde, wenn auch mit achtzig. Und dennoch ist Udo Jürgens der Einzige, der dem Altern eine Nase gedreht hat. Am 21.12.2014 ist er ihm auf grandiose Weise - und wie nur er es konnte - einfach von der Schippe gesprungen."

Nachdenken über die deutsche Unterhaltungsindustrie

Anregend sind Maiers Ausführungen, wenn ihn die Inszenierung Udo Jürgens' beim Dresdner Opernball an Leni Riefenstahls Überwältigungsästhetik erinnert oder wenn er über das "Great German Songbook" und die Gesetze der deutschen Unterhaltungsindustrie nachdenkt. Zum Beispiel soll ein vielfach gecovertes Stück, das Udo Jürgens 1964 für Frank Sinatra schrieb, hierzulande so gut wie unbekannt geblieben sein.

"Die international erfolgreichen Kompositionen von Udo Jürgens aus den Sechzigerjahren haben alle eine große Geste und zugleich eine elegante Dezenz. Das passte auf Dauer nicht in den deutschsprachigen Raum. Übrigens zählten internationale Erfolge hierzulande nicht nur nichts, sie ruinierten vielmehr das Ansehen. Deshalb erwähnte man diese Erfolge lieber gar nicht und tat, was die hiesigen Fernsehanstalten und Agenturen von einem verlangten. Der große Paul Kuhn konnte davon ein Lied singen. Beziehungsweise Paul Kuhn durfte hierzulande überhaupt nur ein Lied singen: 'Geben Sie dem Mann am Klavier noch ein Bier ...'" Leseprobe

Kein Buch für echte Udo-Jürgens-Fans

Auch wenn Andreas Maier zuweilen seitenlang Schlagertexte analysiert, sich fragt, ob das denn überhaupt gehe, Udo Jürgens gut zu finden, um sich dann doch von ihm an- und aufregen zu lassen, hat er nicht wirklich ein Buch über Udo Jürgens geschrieben. Vielmehr nimmt er den Sänger zum Anlass, um sich von ihm und seinen Äußerungen in Kindheits- und Jugendszenen treiben zu lassen und seine typisch Maiersche Heimatkunde zu betreiben.

Seltsam ist nur, dass er bei allem Witz und Scharfsinn das Phänomen Udo Jürgens nicht richtig zu fassen kriegt, worin auch ein wenig das Problem dieses Buches liegt. Echten Fans des Sängers wird es ohnehin wenig Trost bieten, für die Anhänger dieses famosen Autors dürfte es aber mindestens so unterhaltsam und anregend sein wie ein Abend am Stammtisch der Lieblingskneipe.

Weitere Informationen

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Mein Jahr ohne Udo Jürgens

von
Seitenzahl:
218 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42519-0
Preis:
17,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.12.2015 | 12:40 Uhr