Stand: 06.01.2016 12:13 Uhr

Die Belagerung von Isfahan

Der Kalligraph von Isfahan
von Amir Hassan Cheheltan, aus dem Persischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf
Vorgestellt von Claudio Campagna
Bild vergrößern
Der Autor veröffentlicht auch regelmäßig Essays in deutschen Feuilletons.

Der persische Ingenieur und Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren. Er war Soldat im Irak-Krieg, lebte aber, weil er das Regime kritisierte, auch einige Jahre im Exil. Bereits sein Roman "Teheran Revolutionsstraße" erschien 2009 als Welt-Erstveröffentlichung auf Deutsch. So ist das auch mit seinem neuen Buch "Der Kalligraph von Isfahan".

Blumige Sprache

1722 ist Isfahan die Hauptstadt Persiens, also des heutigen Iran. Die Spannungen und Konflikte von damals gleichen den heutigen aufs Haar. Das Heer - eine Art Terror-Miliz, von den Städtern nur die "barfüßigen Afghanen" genannt - steht vor den Toren und verbreitet Angst.

Amir Hassan Cheheltan spart Grausames und Grausamstes nicht aus, versteht es jedoch, das Schauderhafte abzumildern durch seinen – man möchte sagen orientalisch märchenhaften Ton. Mit seiner blumigen, metaphernreichen Sprache gelingen ihm stimmungsvolle Beschreibungen.

Das schwache Gemurmel, das aus einer unbekannten Quelle herrührte, drang so schnell, wie Öl über Marmor fließt, von allen Seiten auf uns ein. Die Stimmen wurden allmählich lauter und das verstärkte die allgemeine Unruhe. Sie rührte nicht nur vom Stimmengewirr und dem hektischen Getrampel her, sondern sie ließ sich sogar in der seltsam rötlich schimmernden Luft gleichsam mit Händen greifen.
An einer Straßenkreuzung hatte ein Mann, der kürzlich vom Schlachtfeld geflohen war - oder zumindest behauptete er das - eine Menschenmenge um sich geschart und redete mit vor Erregung funkelnden Augen auf sie ein. Leseprobe

Angst herrscht in Isfahan

Die Belagerer kesseln die Stadt ein und verursachen eine Hungersnot. In dieser Situation beginnt der Protagonist und Erzähler Allahyâr Abschriften von Mystikern und religiösen Autoritäten anzufertigen, um sie gegen Mehl zu tauschen. Er muss selbst essen, aber vor allem will er Jasmin mit Brot versorgen, eine junge Frau, die er liebt. Die Kopien gibt er als Werke seines Großvaters aus. Dazu muss er den Stil des großen Kalligraphen von Isfahan kopieren.

Der Erzähler vergleicht die Kalligraphie mit dem Liebesspiel und mit dem Gebet. Er benennt damit auch die wichtigsten Elemente des Romans. Alle Beziehungen in diesem fiktiven Isfahan sind von Erotik durchdrungen und die Menschen verzaubern das Leben mit ihrer Mythengläubigkeit. Doch die Umstände der Belagerung lassen zunehmend das Hässlichste in ihren Neigungen hervortreten. Frömmigkeit schlägt um in Fanatismus, aus Hunger wird brutale Gier.

Eine exotische Welt

Die Fassade der Hochkultur bröckelt und dahinter zeigt sich der Mensch als besonders rücksichtsloses Tier. Einzig die Kraft der Liebe hat dagegen eine Chance.

"Der Kalligraph von Isfahan" ist weniger ein Historienroman als eine Parabel auf die Natur des Menschen und die Situation im Nahen Osten. Ein bisschen mehr Tempo hätte der Geschichte gut getan, doch je mehr man sich einlässt, auf diese zunächst exotisch anmutende, dann immer unheimlicher werdende Welt, desto mehr fesselt sie einen.

Der Kalligraph von Isfahan

von
Seitenzahl:
347 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-68345-9
Preis:
22,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.01.2016 | 12:40 Uhr