Stand: 12.10.2016 15:00 Uhr

Alice Neels Bilder vom Menschen

Alice Neel - Painter of Modern Life
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Von ihrer Mutter bekam Alice Neel zu hören: "Ich weiß nicht, was du auf dieser Welt zu tun erwartest - du bist nur ein Mädchen". Trotzdem ist die Amerikanerin, die im Jahr 1900 geboren wurde, ihren Weg gegangen und Malerin geworden. Der Kunsthistoriker Barry Walker, Organisator der großen Alice-Neel-Retrospektive in Houston, nannte sie "eine der bedeutendsten Porträtkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts". Er hat recht: Es gibt wenige Maler, die so eindringliche Bildnisse geschaffen haben. Porträts, die den Menschen so tief in die Seele blicken. Doch obwohl Alice Neel sich mit Größen wie Max Beckmann oder Lucian Freud messen kann, ist sie hierzulande noch immer nahezu unbekannt.

Das soll sich ändern. Für das Jahr 2017 planen die Hamburger Deichtorhallen eine große Alice-Neel-Ausstellung. Wer so lange nicht warten will, dem sei ein Buch ans Herz gelegt, das jetzt im HatjeCantz erschienen ist: "Alice Neel - Painter of Modern Life".

Der intensive Blick in die Seele

Eine junge Mutter umklammert das Baby auf ihrem Schoß. Sie ist ausgesprochen hübsch: Große grüne Augen, volle Lippen, langes dunkles Haar. Unter dem Saum ihres olivgrünen Minikleids zeigen sich zwei wohlgeformte Beine. Aber warum blickt sie so ängstlich? Wieso wirkt ihr Körper so verkrampft? Nancy Neel, die ihrer Schwiegermutter 1967 gemeinsam mit ihrer Tochter Olivia Modell saß, erinnerte sich später: "Olivia war mein erstes Kind und ich hatte keine Ahnung von Babys. Ich dachte immer, mein unbehaglicher Blick auf dem Porträt hing damit zusammen, dass ich versuchte, Olivia still zu halten, aber was Alice letztendlich zum Ausdruck brachte, war meine Unsicherheit."

Porträts voll Empathie und Humor

Alice Neel blickt ihrem Gegenüber in die Seele und bringt Gefühle, Ängste und innere Abgründe zum Vorschein. Nicht immer sind die Porträts schmeichelhaft: Zornesfalten, Doppelkinne und schiefe Zähne stellt die Malerin ebenso ungeschönt dar wie lauernde Blicke, Misstrauen oder Eitelkeiten des Modells. Trotzdem sind ihre Arbeiten von Verständnis, Empathie und Humor geprägt.

Das gilt auch für das Bildnis von Andy Warhol, das sie 1970 malte. Zwei Jahre, nachdem der Pop-Art-Künstler bei einem Attentat beinahe ums Leben gekommen wäre. Warhol, der sie um das Porträt gebeten hatte, präsentiert sich mit freiem Oberkörper. Die Augen geschlossen, der Bauch übersät mit Operationsnarben. Mit bläulich-grünen Schatten auf der weichen, fast weiblichen Haut erinnert Alice Neel an den Tod, dem der Künstler nur knapp entkommen ist. Gleichzeitig fängt sie in seinem Gesicht eine Spur von Stolz ein. Offenbar gefällt sich Warhol als Opfer: Ein heiliger Sebastian, der den Glamour seines Märtyrertums genießt.

Späte Würdigung der Künstlerin

Trotz ihres Talents und eines ausgeprägten Selbstbewusstseins bleibt Alice Neel Zeit ihres Lebens ein Insidertipp, eine Randerscheinung auf dem amerikanischen Kunstmarkt. Für eine Frau ist in der Riege männlicher Malergenies - bis weit ins 20. Jahrhundert - einfach kein Platz vorgesehen. Auch privat hat sie mit Tiefschlägen zu kämpfen. Der Tod ihres ersten Kindes und die Entfremdung von ihrer zweiten Tochter, die bei ihrem Vater aufwächst, nagen an der Künstlerin. Zwei weitere Söhne zieht sie zeitweise allein groß. Auch sie sitzen ihr immer wieder Modell.

Es scheint, als hätte Alice Neel das Malen gebraucht, um die Menschen um sich herum zu erkennen und zu verstehen. "Ich suche nach nichts Bestimmtem. Ich beobachte einfach", beschrieb sie kurz vor ihrem Tod 1984 ihre Methode.

In dem neuen Bildband begegnen uns mehr als 70 Männer, Frauen und Kinder, die sie gemalt hat. So lebendig, als stammten sie aus dem Hier und Jetzt. Menschen, die mit jedem Blick neue Facetten von sich offenbaren. Ein wunderbares Buch - und eine großartige Künstlerin. Den Humor, mit dem sie in der McCarthy-Ära zwei FBI-Agenten verblüffte, hat sie sich bis an ihr Lebensende bewahrt: Als die beiden sie wegen vermeintlich kommunistischer Umtriebe vernehmen wollten, fragte Alice Neel die Männer, ob sie nicht Lust hätten, ihr Modell zu sitzen. So viel Humor kann man vom FBI allerdings nicht erwarten: Die Agenten lehnten ab.

Alice Neel - Painter of Modern Life

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hrsg. Jeremy Lewison, Texte von Bice Curiger, Petra Gördüren, Jeremy Lewison, Laura Stamps, Annamari Vänskä
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4176-7
Preis:
39,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.10.2016 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Alice-Neel-Painter-of-Modern-Life,aliceneel100.html

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