Stand: 01.02.2016 10:00 Uhr

Provokante Flüchtlingsgeschichte

Ohrfeige
von Abbas Khider
Vorgestellt von Claudio Campagna

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Weil er Flugblätter gegen Saddam Hussein verteilt hatte, saß er zwei Jahre lang im Gefängnis. 1996 floh er aus dem Irak. Der Autor lebte in verschiedenen Ländern als "Illegaler", bis er im Jahr 2000 nach Deutschland kam. Seine autobiografischen Romane "Der falsche Inder" und "Die Orangen des Präsidenten" handeln vom Leben in der Diktatur, von deren Kerkern und von der Flucht. Abbas Khiders neues Buch "Ohrfeige" erzählt nun vom Ankommen in Deutschland; und zwar aus der Sicht derjenigen, über die sonst immer nur geredet wird.

Aus Rache schreiben

"Meine Literatur ist eine Art Rache", hat Abbas Khider einmal in einem Interview gesagt. Sein neuer Roman "Ohrfeige" kündigt das schon im Titel an. Stellvertretend für alle verständnislosen Bürokraten trifft sie Frau Schulze von der Ausländerbehörde:

Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt.
"Sie ruhig sind und bleiben still!"
Ich greife nach dem Packband in meiner Jackentasche, fessle ihre Hände an die Armlehnen und die Fußgelenke an die Stuhlbeine. Mit mehreren Streifen klebe ich ihren rot geschminkten Mund zu. Leseprobe

Karim Mensy ist der Erzähler und die Hauptfigur in dem Roman. Lange genug musste er still sein und zuhören. Jetzt fordert er Gehör. Karim erzählt. Von der Angst des illegalen Flüchtlings, entdeckt zu werden, und von den kriminellen Netzwerken, auf die Rechtlose in der Fremde angewiesen sind.

Strapaziöse Asylverfahren

Es sind Erfahrungen, die der Autor am eigenen Leib gemacht hat. Abbas Khider floh selbst auf abenteuerliche Weise vor der Verfolgung aus dem Irak. Karim Mensy, die Romanfigur, fürchtet Repressionen beim Militär. Denn Karim ist Hermaphrodit - ein Mann mit Frauenbrüsten. Der ungewöhnliche Fluchtgrund mag insofern exemplarisch sein, als wohl meistens eine sehr persönliche und schwer vermittelbare Geschichte hinter der Entscheidung steckt, seine Familie und seine Heimat für immer hinter sich zu lassen.

Bevor er in die Illegalität abtaucht, durchläuft Karim ein deutsches Asylverfahren. Aus seiner Sicht erfahren wir, was es mit einem macht, wenn jeder Polizist den Ausweis sehen will, bis selbst der letzte Dorfbeamte einen schon von Weitem kennt. Wir erfahren, wie es sich anfühlt, wenn ein Gerichtstermin alles entscheidet, und wir erfahren auch von den Spannungen zwischen den Flüchtlingen in den Sammelunterkünften. Ablenkung bieten allenfalls die Shoppingmalls.

Auf den Straßen Berlins

Die Stimmung kippt

Karims Geschichte spielt in den Monaten um den 11. September 2001. Danach ist für die Araber in Deutschland nichts mehr, wie es vorher war. Aufenthaltsgenehmigungen werden kaum noch erteilt, dafür gibt es Vorladungen zum Verhör. Die Übergriffe von Köln und Hamburg - sie könnten ähnliche Folgen für die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen haben. Fast alles, was der Roman beschreibt, lässt sich auf die Gegenwart beziehen.

Zahllose Menschen sind jetzt gerade unterwegs hierher. Viele werden es nie schaffen, die Grenze zu überschreiten, und vielleicht enden sie als Leichen im Mittelmeer. Ihre Seelen aber werden weiter schwimmen. Und glaub mir, die, die es schaffen, denen wird es genauso ergehen wie uns. Man wird sie erst reinlassen und dann wieder abschieben, wenn sich die Umstände in ihren Heimatländern verändert haben. .... Sie werden sie zurück in die Hölle schicken. Leseprobe

Düsteren Passagen wie dieser Prophezeiung Karims stehen satirische bis groteske Episoden gegenüber. Meistens ist es eine Mischung aus beidem. Zwischen Zorn und Heiterkeit liegt auch der Ton. Dabei schreibt der Iraker Abbas Khider ein besonders schönes Deutsch, schnörkellos und poetisch. Auf seiner Flucht hat Abbas Khider Gedichte verfasst. Sie hätten ihn angefallen, sagte er einmal in einem Interview, wie Ohrfeigen.

Weitere Informationen

Mit Abbas Khider durch sein Berlin

BücherLeben

Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, hat mit "Ohrfeige" die poetisch-provokante Geschichte eines irakischen Flüchtlings veröffentlicht. Wir sind mit ihm durch "sein" Berlin gegangen. mehr

Ohrfeige

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Literaturverlage
Bestellnummer:
978-3-446-25054-3
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.02.2016 | 12:40 Uhr

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