Stand: 09.08.2017 18:45 Uhr

Biermann macht Free-Jazz für die Demokratie

Demokratie feiern - demokratisch wählen! Unter diesem Titel tourt der Barde Wolf Biermann mit seiner Frau Pamela und einer schon in der DDR legendären Jazzband, dem Zentralquartett, vor der Bundestagswahl durch die Lande. "Sei wählerisch", sagen sie. Denn gerade heute kommt es darauf an, Demokratie zu verteidigen. Der Liedermacher erklärt, wie er heute das müde Wahlvolk ansprechen und vor allem aufwecken möchte.

Herr Biermann, gab es für Sie ein bestimmtes Erlebnis, das Ihnen gesagt hat: Ich muss mich jetzt wieder für die Demokratie, und zwar konkret fürs Wählengehen, auf die Bühne stellen?

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Wolf und Pamela Biermann wollen mit ihren Konzerten besonders die jungen Leute ansprechen.

Wolf Biermann: Ganz einfach: Bundestagspräsident Lammert hat mich dazu verführt. Er erzählte mir etwas, was mir neu war: Die jungen Leute, die jetzt in London auf die Straße gehen und gegen den Brexit demonstrieren, sind genau die jungen Leute, die zu faul waren, zur Wahl zu gehen, als im Referendum abgestimmt wurde. Die ärgern sich jetzt. Bei der Wahl haben sie den Hintern nicht hochgekriegt, und jetzt müssen sie dafür stundenlang auf der Straße herumlaufen und herumschreien.

Sie treten mit altgedienten Jazzmusikern auf, die zum Teil schon in der DDR sich große Namen gemacht haben, vor allem mit Ulrich Gumpert und Günter "Baby" Sommer sind Sie schon seit DDR-Zeiten befreundet. Ernst-Ludwig Petrowsky gilt als ein Urvater des Jazz in der DDR. Ihre eigenen Lieder sind nun aber nicht unbedingt jazzig. Wie hat man sich das Zusammenspiel mit den Free-Jazz-Musikern vorzustellen?

Biermann: Wir waren richtige Freunde in der DDR. Aber die konnten nicht mit mir zusammen spielen, weil sie es schon schwer genug hatten, weil sie Jazz machten, und die Bonzen in der DDR den Jazz sowieso zum Kotzen fanden. Aber dann noch mit dem verbotenen Biermann - das war zu viel, das ging nicht. Jetzt geht es, jetzt können wir es und jetzt machen wir es und verbinden den Free-Jazz dieser Leute vom Zentralquartett mit den rebellischen Liedern von diesem Biermann, der ich in der DDR war. Auch neue Lieder, die ich jetzt geschrieben habe. Und diese Musik spielen wir für alte und junge Leute, um sie zu verführen, ihr Wahlrecht in Gebrauch zu nehmen, damit es ihnen nicht geht wie den Brexit-Leuten in London. Deswegen nennen wir diese ganze Tournee: "Sei wählerisch". Nutze dein Wahlrecht und mische dich ein.

Ich mache nicht Propaganda für irgendeine Partei - das habe ich noch nie gemacht, das passt nicht zu mir. Aber ich mache Propaganda dafür, dass man von seinem Wahlrecht Gebrauch macht und dabei - das ist mein tiefer Seelenwunsch - möglichst demokratisch wählt, nämlich eine Partei, die nicht totalitär ist wie Die Linke - oder nicht populistisch ist wie die AfD. Das sind aus meiner Sicht keine wirklichen Demokraten.

Auf Ihrer Internetseite "Demokratie feiern" ist zu lesen, dass auch die Auswahl Ihrer Lieder unter allen Beteiligten ganz demokratisch erfolgte.

Porträt

Wolf Biermann - Ein "Hamburger Jung"

"Jetzt bin ich vom Regen in die Jauche gekommen", sagte der Liedermacher nach seiner Ausbürgerung aus der DDR. Heute lebt er in Hamburg, wo er 1936 auch geboren wurde - ein Porträt. mehr

Biermann: Das ist eine Propaganda-Lüge, fallen Sie nicht darauf herein. In der Kunst gibt es keine Demokratie. Ich habe mich da schon in meine eigenen Angelegenheiten eingemischt, aber natürlich kenne ich die Jazzer doch gut genug und weiß ganz genau, was die brauchen. Die brauchen keine rhapsodischen Seelengesänge - sondern sie brauchen Musiken, vor allen Dingen Texte, die in die Formen des Jazz gut reinpassen, und die haben wir ganz leicht gefunden. Das ist für uns alle eine riesige Bereicherung und ein Heidenspaß - denn wenn es keinen Spaß machen würde, dann würde es sich gar nicht lohnen, damit die Leute zu belästigen.

Verraten Sie uns ein paar Titel, die ausgewählt wurden?

Biermann: Zum Beispiel das schreckliche Schimpf-Hetz-Lied "In China hinter der Mauer" - ein Lied über die Mauer, nicht in China, sondern in der DDR. Und "Nur wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt" - ein Lied, das ich für meinen Freund Reiner Kunze geschrieben habe. Oder "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" und natürlich der Schlager, den alle kennen: "Ermutigung". Was ich besonders schön finde: Viele Leute, die dieses Lied "Ermutigung" kennen, und die es auch in der DDR in der Gefängniszelle für sich selber gesungen haben, als würde man ein Stück Seelenbrot essen, wissen nicht, dass ich das Lied geschrieben habe. Und ich finde, das ist nicht das Schlechteste, was mit einem Lied passieren kann.

Geplant sind neun Konzerte quer durch die Republik. Am 27. August geht es los in Erfurt, am 3. September spielen Sie in Hamburg, und die Tour endet am 23. September- einen Tag vor der Bundestagswahl -  in Magdeburg. Bis zu 100 Freikarten gibt es für Azubis, Schüler und Studenten, die dann auch an Foyergesprächen mit Ihnen vor den Konzerten teilnehmen können.

Video
07:41

Liedermacher Wolf Biermann (21.11.2008)

19.11.2016 01:15 Uhr
NDR Talk Show

Gerade feierte er seinen 80. Geburtstag. Am 21. November 2008 sprach Wolf Biermann mit Hubertus Meyer-Burckhardt über seine Vertreibung in die Heimat und das Leben in Hamburg. Video (07:41 min)

Biermann: Das hat sich meine Frau Pamela ausgedacht, und ich finde, da hat sie Recht. Die jungen Leute sollen die Chance haben, den alten Biermann sich mal vorzuknüpfen, und auch den alten "Baby" Sommer, den Trommler, der auch nicht auf den Mund gefallen ist. Und dann mit uns alle Probleme der Menschheit kurz vor dem Konzert endgültig lösen. Ich glaube, das kann ganz lustig sein.

Was meinen Sie, werden diese Gespräche in Magdeburg anders ablaufen als in Köln?

Biermann: Ja, das vermute ich. Denn die DDR-Menschen sind - wie man im gehobenen Jargon sagt - anders sozialisiert. Sie haben eine andere Seelenverfassung im Politischen. Das hat Vor- und Nachteile - und das wird sich auch ganz bestimmt auswirken auf ihr Verhalten bei den Wahlen, aber auch in den Gesprächen, die wir mit ihnen führen wollen. Ich bin immer noch mehr DDR als West - aber das war ich immer.

Die sogenannte Wahlmüdigkeit der Bevölkerung beruht ganz sicher auch auf Ratlosigkeit. Fehlen heute im politischen Lager nicht doch Zukunftsperspektiven - um nicht zu sagen Visionen für ein anderes, besseres Leben?

Biermann: Mit mir dürfen Sie nicht über Visionen sprechen - da werde ich immer misstrauisch. Ich will nicht mit Leuten zusammenkommen, die die Welt erretten wollen; vor denen habe ich begründete Angst. Denn die wollen das Paradies auf die Erde zwingen und versprechen den Leuten das Schönste vom Himmel herunter. Ich will lieber mit Leuten zu tun haben, die die Welt nicht "retten", sondern verbessern wollen. Das ist sehr mühsam, da gibt es Rückschläge, aber das sind "meine Leute", das sind Menschen, mit denen ich zu tun haben will. Und dazu möchte ich natürlich ein paar Junge und auch ein paar Alte mit den Liedern verführen, zusammen mit meiner Frau Pamela - die singt nämlich mit. Weil sie so schön singen kann, darf sie das. Und mit den alten Jazzern.

Das Interview führte Natascha Freundel.

Wolf Biermann

Wolf Biermann über seine Tournee "Sei wählerisch"

NDR Kultur -

Demokratie feiern - demokratisch wählen! Unter diesem Titel tourt Wolf Biermann vor der Bundestagswahl durch die Lande. Im Gespräch erklärt er, wie er das müde Wahlvolk aufwecken möchte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.08.2017 | 19:00 Uhr

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