Stand: 20.03.2017 16:00 Uhr

Wie steht’s um die Lyrik in Deutschland?

von Guido Pauling

Gedichte polarisieren: Ein Teil der Leser bewundert die Kunst von Autoren, sich in Versen ausdrücken zu können und virtuos mit Sprache umzugehen. Ein anderer Teil denkt dagegen mit Schrecken an die Schulzeit, als Lehrer mit viel Pathos altmodische Gedichte vortrugen oder gar auswendig lernen ließen. Um an den hohen Wert der Poesie zu erinnern, hat die UNESCO den 21. März zum "Welttag der Poesie" erklärt. Besonders in Deutschland hat Lyrik in den vergangenen zehn Jahren einen spürbaren Aufschwung erlebt.

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Michael Krüger kennt sich mit Gedichtbänden aus.

"Keiner braucht es so richtig, keiner will es so richtig, keiner mag es so richtig und doch ist es immer da", sagt Michael Krüger über das Gedicht. Der ehemaliger Leiter des Hanser Verlages hat Lyriker wie Joseph Brodsky und Tomas Tranströmer gedruckt, Jahre bevor sie den Literaturnobelpreis erhielten.

Wer Lyrik liebt, der kann einfach nicht anders als sie zu drucken, oder als Autor sie zu schreiben: "Also niemand der anfängt Gedichte zu schreiben, macht das mit der Erwartung, dass er damit Geld verdienen könnte", bestätigt Jan Wagner. "Das ist ja bekannt, dass Lyrik nie auf den Bestsellerlisten zu finden ist und dass man kein geregeltes Einkommen sozusagen haben kann." Der 45-jährige gebürtige Hamburger gilt manchmal als das Gesicht des neuen Lyrik-Aufschwungs in Deutschland, nachdem er 2015 mit seinem Gedichtband "Regentonnenvariationen" den Preis der Leipziger Buchmesse gewann - als erster Lyriker überhaupt.

Gedichte im Aufwind

Silke Scheuermann ist Romanautorin, in erster Linie jedoch Lyrikerin. Den Hölty-Preis der Stadt Hannover für ihr lyrisches Gesamtwerk hat sie vor drei Jahren gewonnen, die höchstdotierte Lyrikauszeichnung im deutschen Sprachraum. Lyrik zeige, wie man "in der Sprache sehen" könne, sagt sie. "Das bedeutet, dass man eigentlich so gut mit dem System Sprache umgehen können sollte, dass man den Leser wirklich in eine andere Welt entführt auf kürzestem Raum."              

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Auch in Verkaufszahlen zeigt sich der neue Aufschwung der Lyrik. Früher druckte er 200 Exemplare eines Bandes, erzählt der Verleger Jo Frank, der fast nur Lyrik im Programm hat. Jetzt gehen auch mal 1.000 oder 1.500 Bände eines Dichters über den Ladentisch. Lächerlich im Vergleich zu einer Harry Potter-Startauflage von 800.000. Besser ist Potter deshalb noch lange nicht.

Die Jury für den Leipziger Buchpreis nominiert neuerdings regelmäßig Lyriker: Ein Jahr nach Jan Wagner war Marion Poschmann mit "Geliehene Landschaften" auf der Shortlist der besten fünf Belletristik-Titel. In wenigen Tagen hat Steffen Popp in Leipzig Chancen auf den Preis. In seinem Gedichtband "118" spielt er mit einem Periodensystem aus 118 poetischen Elementen. Das Gedicht ist immer da, ist Michael Krüger überzeugt: "Und es ist härter und stabiler und widerstandsfähiger als sehr sehr viele andere Literaturformen."

 

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