Stand: 01.02.2017 10:43 Uhr

Wie positioniert sich der Deutsche PEN?

Am Vorabend der Türkeireise von Bundeskanzlerin Merkel wird am 1. Februar in Hamburg diskutiert. Es geht im Literaturhaus um Erdogans Feldzug gegen Medien, Wissenschaft und Opposition. Schlimm genug, dass diese Debatte geführt werden muss, aber die Realität, sie ist nun so. Wenn es nur alles wäre. Es kostet die Opposition in Berlin jetzt schon Mühe, die Kanzlerin öffentlichkeitswirksam zu mahnen: Sie müsse in Ankara Haltung zeigen, wenn es um Menschenrechte geht. Denn während in der Türkei ein autokratischer Präsident seine Machtfülle mehrt, regiert in Washington Donald Trump. Und dessen erste Tage krempeln Realitäten mit globaler Wirkung um. Donald Trumps langer Schatten liegt morgen auch auf dem Podium, wenn über Erdogan debattiert wird. Mitdiskutieren wird Regula Venske, Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland, das sich vernehmbar für Schreibende, Forschende, Journalisten in der Türkei einsetzt.

NDR Kultur: Angela Merkel hat gestern deutliche Worte zu Trumps Einreiseverbotspolitik gefunden. Aber in Ankara? Was erwarten Sie dort von ihr?

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Seit 2013 ist die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Regula Venske die Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland.

Regula Venske: Wir haben ihr einen Brief geschrieben, unterzeichnet von PEN-Präsident Josef Haslinger, dem Vizepräsident und Writers-in-prison-Beauftragten Sascha Feuchert und mir und haben ihr noch einmal unsere Sorgen zum Ausdruck gebracht. Wir beobachten die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in der Türkei ja schon seit langem mit großer Sorge. Und diese Sorgen haben sich nach dem gescheiterten Putschveruch natürlich nochmal deutlich verstärkt. Zurzeit ist die Türkei das größte Gefängnis für Autoren weltweit. Die Türkei übertrumpft noch China, Eritrea und Ägypten. Das war vor dem gescheiterten Putschversuch schon so, dass die Türkei führend war, aber jetzt hat sich das alles natürlich nochmal furchtbar verstärkt. Wir haben Angela Merkel gebeten, diese Sorgen im Gespräch mit Präsident Erogan auch deutlich anzusprechen.

Haben Sie Hoffnung, dass eine solche Bitte etwas bewirkt?

Venske: Ich habe immer Hoffnung. Da fällt mir ein Satz von Can Dündar ein, aus seinen Aufzeichnungen aus dem Gefängnis: Das Gefährlichste im Gefängnis sei die Hoffnung. Aber trotzdem ist auch sein Buch getragen von Hoffnung und Mut und der Kraft der Solidarität. Wir dürfen nicht nachlassen, zu hoffen. Aber ich muss auch sagen, ich beneide die Politiker jetzt im Moment nicht, denn das ist natürlich ein ganz schwieriger Spagat. Sie müssen sich qua Amt und auch zum Wohl des deutschen Volkes für Frieden und Verständigung einsetzen. Aber sie müssen sich auch für die Demokratie, für die Freiheit und die Werte, für die unsere Länder doch stehen, einsetzen. Das ist schwierig im Moment.

Can Dündar haben Sie erwähnt, den geschassten Chefredakteur von "Cumhuriyet". Nun wird morgen aus Werken der Schriftstellerin Asli Erdogan gelesen werden, die nach dem Putschversuch ebenfalls inhaftiert worden war. Selbst kann sie nicht kommen. Sie kam zwar aus der Untersuchungshaft frei, darf aber nicht ausreisen. Das ist ein persönliches Schicksal und ein symbolisches zugleich: Kultur, die am Austausch gehindert wird. Was können Sie tun?

Kommentar

Weg für türkischen Super-Präsidenten ist frei

21.01.2017 18:30 Uhr
NDR Info

Das türkische Parlament hat der Verfassungsreform für ein Präsidialsystem zugestimmt - und damit seiner eigenen Entmachtung, wie Christian Buttkereit im Kommentar meint. mehr

Venske: Fast auf den Tag genau vor einem Jahr haben wir eine Solidaritätsveranstaltung für Can Dündar in Stuttgart gemacht, zusammen mit dem Literatürk-Festival und dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di. Und damals saß Can Dündar noch in Silivri und schrieb uns einen Kassiber aus dem Gefängnis, den wir auch im "die horen"-Band, den ich mit zwei Kollegen zusammen herausgegeben habe, abgedruckt haben. Und da schrieb er, dass man ja im Gefängnis gut schreiben könne, weil man ungestört sei. Und wenn man sowieso schon zweimal zu lebenslänglicher Haft verurteilt wäre, hätte man auch gar keine Angst mehr, was man schreibt. Es gibt nur ein Hindernis: Wenn man im Gefängnis schreibt und den Staatspräsidenten auf dem Bildschirm sieht, der gerade verkündet, es gäbe keinen einzigen Journalisten oder Schriftsteller im Gefängnis, dann müsse man lachen. Und dann schreibt er weiter: "Das Ganze wird noch viel lustiger, wenn die deutsche Bundeskanzlerin auf dem Thron neben ihm sitzt und während er das sagt zustimmend mit dem Kopf nickt. Dann können Sie vor lauter Lachen nicht mehr weiter schreiben." Das schrieb er vor einem Jahr aus dem Gefängnis. Er ist Ende Februar entlassen worden, wobei sicher auch der internationale Druck eine Rolle gespielt hat. Er lebt jetzt in Deutschland als Gast und Stipendiat des deutschen PEN-Zentrums und hat die Gastrede beim Neujahrsempfang des Justizministers gehalten. Also, wenn das nicht etwas ist, was einem Mut und Hoffnung macht, dass man doch auch für Einzelne etwas tun kann.

Es geht um die Freiheit - die Freiheit des Wortes, der Presse, der Kunst. Und auch um die basale Freiheit, sich in der Welt bewegen zu können. Das betrifft neuerdings nicht nur kritische Geister in der Türkei. Donald Trump hat das auf Staatsangehörige ganzer Länder ausgeweitet. Wie steht der deutsche PEN dazu?

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"Wir wollen uns nicht zu Opfern machen lassen"

Der von US-Präsident Trump verhängte vorläufige Einreisestopp macht auch Iranern große Sorgen, die in Norddeutschland leben. Sie unterstützen die Proteste gegen das Vorgehen Trumps. mehr

Venske: Man hat schon Halsschmerzen vom vielen Kopfschütteln. Es ist juristisch fragwürdig und moralisch falsch. Und man kann nur hoffen oder fordern, dass die US-Regierung sich doch noch einmal wieder mit der eigenen Verfassung beschäftigen, die Constitution nachlesen und sich auch mit der US-Geschichte befassen möge, die ja eine Geschichte als Heimat für Verfolgte und Geflüchtete aus aller Welt ist. Und natürlich kann man da nicht zwischen Rassen, Ländern, Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten unterscheiden, da ist man erstmal sprachlos. Es kann auch sein, dass es deutsche Schriftstellerkollegen wie zum Beispiel den früheren PEN-Präsidenten Said oder auch Navid Kermani, den Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, betrifft, die beide eben auch noch einen iranischen zusätzlich zum deutschen Pass haben. Jetzt sollen ja Sportler ausgenommen werden. Und dann kommt ja noch hinzu, dass bei den Einwanderungsformalitäten auch noch untersucht werden soll, was man so in den sozialen Netzwerken gepostet hat. Das ist offenbar noch mal ein ideologischer Gesinnungstest, um Kritiker auszuschließen. Es ist ja schon vor einigen Jahren Ilija Trojanow die Einreise verweigert worden, weil er sich zu Snowden und der NSA geäußert hatte. Ich habe damals auch einen offenen Brief an Präsident Obama geschrieben, unter dessen Administration ja schon die meisten Whistleblower in der Geschichte der USA inhaftiert waren. Das verurteilen wir.

Die USA sind nochmal eine andere Macht als etwa die Türkei. Nun hat es in der Nachkriegsära, die in diesen Tagen ein zweites Mal zu enden scheint, über Jahrzehnte den Typus des öffentlichen Intellektuellen gegeben. Manchem fiel es auf die Nerven, wenn Günter Grass schon wieder politisch wurde. Heute fragt man sich unter gewissen Schmerzen, wo Figuren dieser internationalen Ausstrahlung, dieses Kalibers sind. Oder ist das ein Wahrnehmungsfehler?

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Trumps Einreisepolitik: Es braucht Proteste in Europa

Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, spricht über die Tragweite der Einreisepolitik Trumps und ihre Auswirkungen auf den Kulturaustausch. mehr

Venske: Nein, das haben sicher viele von uns so wahrgenommen. Ich gehöre ja selber zu dieser Generation, die das so wahrgenommen hat. Aber ich denke, das ändert sich. Eigentlich müssen jetzt alle, nicht nur die Schriftsteller, sondern alle in der Zivilgesellschaft, die sich für Freiheit, für Demokratie und für die Menschenrechte stark machen, auch ihre Stimme erheben. Das ist nichts, was uns geschenkt wurde und automatisch erhalten bleibt, sondern dafür müssen wir auch kämpfen. Ich glaube, das ist aber auch schon vielen klar geworden.

Die Frage stellt sich, ob die Vernetzungs-, Publikations- und Protestformen schon zeitgemäß sind? Der Verpackungskünstler Christo etwa hat wegen Trump ein Projekt in Colorado abgesagt. Boykott also, so wie die Politik gelegentlich mit Sanktionen arbeitet. Was halten Sie davon? Ist das ein Weg?

Venske: Das kann etwas sein. Ich würde da keinem vorschreiben wollen, was er machen soll. Wir als PEN, weil wir auch eine internationale Vereinigung sind, setzen auf Diskurs und auf gemeinsame Aktionen: Zum Beispiel hat der amerikanische PEN gerade eine Online-Seite freigeschaltet, wo man melden soll, wenn man von Künstlern hört, denen die Einreise verweigert wird. Also das muss jeder entscheiden. Wenn Christo etwas boykottiert, dann ist das natürlich auch pressewirksam. Wenn ich jetzt etwas boykottierren würde, würde ja kein Hahn danach krähen. Insofern muss man sich fragen, wer man ist und wo man steht.

Ich habe die Frage schon dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann gestellt, ich stelle Sie jetzt Ihnen, der Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland: Ist die Kulturszene, ist der PEN auf eine Situation vorbereitet, in der Kulturschaffende, Schriftsteller, Intellektuelle womöglich noch viel massiver attackiert werden könnten, als es schon der Fall ist?

Venske: PEN gibt es jetzt seit bald hundert Jahren und ich denke, es wird uns auch noch länger geben. Es hat den PEN in vielen Ländern auch unter sehr widrigen Bedingungen gegeben. Ob wir alle persönlich vorbereitet sind, das weiß ich nicht. Ich hoffe, dass wir dann auch mit den Aufgaben wachsen. Aber natürlich hofft man vor allem, dass sich manche Absurditäten nicht weiter fortsetzen.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.01.2017 | 19:00 Uhr

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