Stand: 03.04.2017 19:46 Uhr

Was predigen Imame in Deutschland?

von Yasemin Ergin

Eigentlich sind Moscheen Räume, in denen Glauben praktiziert wird. Doch immer wieder werden islamische Gebetsstätten zur politischen Zone, etwa wenn der Imam davor warnt, sich als Muslim in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Tatsächlich wissen wir nur wenig darüber, was in den Moscheen passiert und vor allem, wer was predigt. Der Journalist Constantin Schreiber wollte es genau wissen: Über acht Monate hat er Freitagsgebete in unterschiedlichen Moscheen besucht. Seine Reportagen darüber - als Buch und TV-Doku - sorgen für Wirbel.

Ein junger Mann sitzt zwischen betenden Männern in einer Moschee. © NDR

Streit über den "Moscheereport"

Kulturjournal -

Monatelang hat Journalist Constantin Schreiber Freitagsgebete in deutschen Moscheen besucht. Seine Reportagen darüber sorgen für Wirbel und vertiefen bestehende Gräben.

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Sein Fazit ist ernüchternd. Schreiber war zu Freitagsgebeten in 13 Moscheen und berichtet von Predigten, die vor dem Leben in Deutschland warnen. Imame, die für Integration predigen, so Schreiber, habe er nicht getroffen. Die Recherche lege den Finger in die Wunde, sagen die einen. Sie sei oberflächlich, einseitig und fehlerhaft, finden die anderen. Seine Erkenntnisse seien nicht repräsentativ, sagt er selbst. "Es ist eine journalistische Reportage. Ich gehe stellvertretend für die Menschen in die Moschee, beschreibe, wie ich den Raum erlebe, mache die Inhalte zugänglich, verständlich."

Moscheen als Begegnungsstätte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen?

Das Kulturjournal besucht mit Schreiber das Islamische Zentrum in Wolfsburg. Es unterscheidet sich von den Moscheen, in denen er bisher war: ein heller, moderner Bau, ein Imam, der fließend Deutsch spricht und als offen und dialogbereit bekannt ist. "Sind Moscheen überhaupt Orte, an denen Integration stattfinden muss, oder stehen die eher für sich?", fragt er den Imam. "Für mich hat Integration mit dem guten Zusammenleben zu tun, und entsprechend sehe ich auch unseren Beitrag", entgegnet dieser. "Unser Zentrum ist auch eine Begegnungsstätte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Wir haben bei uns hier in Wolfsburg das offene, wöchentliche Angebot. Das heißt, es darf jeder jede Woche kommen." Aber nicht jeder traue sich, wirft Schreiber ein. "Ja, aber ich glaube, es ist wichtig, diese Botschaft an die Menschen zu bringen! Dass man im Fernsehen sagt: Liebe Leute, am besten ist es, wenn ihr in die Moscheen geht und das Gespräch mit den Menschen sucht. Das sind ganz normale Menschen wie ihr auch."

Roter Faden in Predigten: Abgrenzung zwischen Muslimen und Christen

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"Moscheereport": Interview mit Constantin Schreiber

C. Schreiber hat islamische Gebetsstätten besucht und berichtet im "Moscheereport" über das blühende Leben in den Gemeinden - aber auch über üble Bedingungen, unter denen gebetet werden muss. (tagesschau.de) extern

Schreiber hat lange im Nahen Osten gelebt und spricht gut Arabisch. Trotzdem wusste er über das, was in Moscheen passiert, bislang nur wenig. Er besuchte türkische und arabische Predigten, mal mit, mal ohne Kamera, ließ sie sich von Muttersprachlern übersetzen. Die meisten empfand er als weltfremd, kaum integrativ, manchmal sogar demokratiefeindlich. Die Abgrenzung zwischen Muslimen und Christen, so Schreiber, ziehe sich wie ein roter Faden durch viele Predigten.

"Ich habe lange überlegt, wie ich das ausdrücke, denn es kam in vielen Schattierungen", sagt der Journalist. "Es war nicht in jedem Fall Hetze, es war nicht in jedem Fall aggressiv. Es zeigte sich auch als Sorge um die eigene Identität. Aber schon auch verbunden mit dem Aufruf: Wir müssen unsere Glaubensfestigkeit und unsere Identität bewahren. Noch mal - ich sage es ausdrücklich - das ist nicht radikal, aber natürlich beinhaltet es ja schon den Aufruf, unter sich zu bleiben. Und dann gab es tatsächlich Passagen, die nicht so waren, dass sie das Zusammenleben fördern. Wenn da gesagt wird: Deutschland will dich auslöschen, will dir deine Identität rauben und durch seine Identität ersetzen. Wie können wir uns da verhalten?"

Schreiber: "Ich habe versucht, die Extreme auszuklammern"

Seine Berichte liefern aber nur vereinzelte Beispiele für Aufrufe gegen Demokratie und ein friedliches Miteinander. Viel öfter sind es dichte, religiöse Predigten, die vielleicht nicht zur deutschen Lebenswirklichkeit passen - aber politisch harmlos sind. Dass es Moscheen gibt, in denen radikales Gedankengut gepredigt wird, ist nichts Neues. Rund 90 von ihnen werden vom Verfassungsschutz beobachtet, manche wurden wegen Verbindungen zu islamistischen Attentätern geschlossen. Doch für diese Moscheen interessiert sich Schreiber nicht. "Ich habe versucht, die Extreme auszuklammern", erklärt er. "Sowohl die, wo relativ klar sein würde, dass man da ganz krasse Sachen hört, als auch, wo klar war, da werde ich jetzt vielleicht nicht den Durchschnitt bekommen, weil sie im besonderen Maße liberal sind."

Viele Islamexperten sind entsetzt über Schreibers Reportagen

ARD-Mediathek
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Der Moscheereport (1/3)

Was wird in deutschen Moscheen gepredigt? Constantin Schreiber hat Freitagsgebete besucht und berichtet darüber im "Moscheereport" auf tagesschau24. Teil 1 sehen Sie in der ARD-Mediathek. extern

Für die Sendereihe "Der Moscheereport" geht Schreiber dem Thema weiter nach - in seinem Buch "Inside Islam" aber zieht er ein negatives Fazit. Doch Predigten allein sagen nur wenig über den muslimischen Alltag in Deutschland aus. Und bestätigt solch ein isolierter Blick nicht Vorurteile? Viele Muslime und Islamexperten sind entsetzt. Sie werfen Schreiber vor, zu pauschalisieren und zu verzerren, entdecken Übersetzungsfehler und methodische Unsauberkeiten. Die Auswahl der untersuchten Moscheen sei willkürlich. Tatsächlich gibt es in Deutschland rund 2.800 unterschiedlichste Moscheen. Schreiber war zunächst nur in 13 von ihnen, sieben davon in Berlin.

"Ich war nur in diesen Moscheen. Ich sage immer, es ist kein Rückschluss auf Muslime. Auch sage ich bei jeder Gelegenheit, ich selbst würde das nie hochrechnen. Das, was ich erlebt habe, lässt für mich keine Rückschlüsse zu auf die Moscheen. Das sind Einzelfälle, die ich erlebt habe. Aber ich gehe mal stellvertretend für Felix, Achim und Dagmar in die Moschee, was sie vielleicht interessiert, wo sie sich selbst aber nicht reintrauen."

Ein Dialog wäre bitter nötig. Den befördert Schreibers Projekt aber leider nicht - es vertieft bestehende Gräben. Mehr Sorgfalt und Ausgewogenheit wären bei diesem Thema wichtig gewesen. Denn den Alltag in deutschen Moscheen zu erkunden, ist an sich eine gute Idee.

Die beiden weiteren Ausgaben von "Der Moscheereport" laufen am 24. April und 22. Mai um 21.15 Uhr bei tagesschau24.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 03.04.2017 | 22:45 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Was-predigen-Imame-in-Deutschland,moscheereport110.html

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