Stand: 09.11.2015 18:00 Uhr

Warum immer wieder Hitler?

Ausgerechnet am Jahrestag der Reichspogromnacht ist im Siedler Verlag eine neue, fast 1.300 Seiten umfassende Hitler-Biografie von Peter Longerich erschienen. Der Historiker Philipp Blom erklärt im Interview, weshalb die Fokussierung auf Adolf Hitler immer noch so stark ist.

NDR Kultur: Herr Blom, ist zum Thema Adolf Hitler, 70 Jahre nach seinem Tod, nicht schon alles erforscht und gesagt?

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Philipp Bloms Buch "Der taumelnde Kontinent" wurde 2009 mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet.

Philipp Blom: Ich weiß nicht, ob man überhaupt noch Neues sagen kann, man kann aber neu interpretieren. Das hat Longerich getan und er stellt sich damit in eine ganze Reihe von Hitler-Interpretationen. Diese sind nicht ganz unwichtig, denn das hängt mit der deutschen Geschichte und der berühmten Frage nach der Schuld zusammen.

Fast bis zum Historikerstreit hat man Hitler als den bösen Verführer des deutschen Volkes betrachtet. Erst danach wurde etwas relativiert und man hat erkannt: Da steckte ein ganzer Apparat dahinter. Trotzdem ist die Fokussierung auf die Person Adolf Hitler sehr stark - warum?

Blom: Hitler übt nun mal eine Faszination aus, und das nicht nur in Deutschland. In einem guten englischen Buchladen thematisieren rund 80 Prozent der Bücher in der deutschen Geschichtsabteilung die Nazis und Hitler. Er ist eine Inkarnation des absolut Bösen geworden. Aber in der deutschen Nachkriegsgeschichte war das eine Frage mit erheblichen politischen Resonanzen. Zuerst wurde Hitler nach dem Krieg als ein dämonischer Verführer dargestellt, dem die Menschen hilflos ausgeliefert waren. Dann hat ihn Hans Mommsen als einen "schwachen Diktator" dargestellt und somit musste eine Menge anderer Leute Verantwortung übernehmen. Sie können sich vorstellen, wie damals die politischen Implikationen waren. Und jetzt kehrt Longerich die Richtung etwas um und sagt: Hitler hat sehr direkt versucht seine Politik umzusetzen. Vielleicht war sein persönlicher Einfluss auf die Diktatur doch stärker, als man das in den letzten Jahren gedacht hat.

Laufen wir aber nicht Gefahr, mit dem Verstehen ein gewisses Verständnis aufzubringen?

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"Hitler. Biographie" von Peter Longerich ist beim Siedler Verlag erschienen und kostet 39,99 Euro.

Blom: Verständnis für Motivationen, Verstehen von Gemengelagen - das ist immer etwas Wertvolles. Es geht nicht darum, jemandem Sympathie entgegenzubringen. Es ist aber wichtig, zu verstehen, wie dieser Staat funktioniert hat. Wenn man zum Beispiel Hitler und Stalin vergleicht, hat Stalin nächtelang Akten gelesen und wusste über die kleinsten Details seiner Regierung Bescheid, hat persönlich Todesurteile abgezeichnet. So ein "Micro-Manager" war Hitler sicherlich nicht, aber diese dämonische Aufladung bleibt da.

Aber wenn wir auf 1.300 Seiten ins Detail gehen, dann wird doch jeder Winkelzug nachvollziehbar, möglicherweise auch verstehbar. Das Gräuel wird aus sich selbst heraus erklärt. Wird es damit dann doch nicht ein bisschen weggeschoben?

Blom: Ich weiß nicht. Was hätte es für einen Sinn, es von vornherein für unerklärbar zu befinden? Diese Gräuel wurden von normalen Menschen begangen, von unseren Vorfahren. Und solche Gräuel können immer wieder von normalen Menschen begangen werden. Es ist sehr wichtig, sich daran zu erinnern, besonders in einer Zeit, in der wir die Möglichkeit von Krieg und Massenmord vor unserer Tür haben.

Es waren sehr viele Menschen an diesen Taten beteiligt, eben nicht nur der Führer und seine Vollstrecker, sondern das ganze Volk. Nützt es uns dann, auf diesen einen Mann in der Reichskanzlei zu schauen?

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Blom: Es nützt uns nur sehr begrenzt. Aber es ist wichtig, im Blickfeld zu behalten, dass dies ein ganzes System war. Der Historiker David Irving wollte vor einigen Jahren beweisen, dass Hitler vom Genozid der Juden nichts gewusst hat. Natürlich hat Hitler von der Umsetzung des Genozids gewusst, aber es gibt tatsächlich keinen direkten Führerbefehl. Dieser schwadronierende Redner - das war Teil seines eigenen Führungsstils. Das aber entlässt die Menschen, die es in die Praxis umsetzten, überhaupt nicht aus ihrer Verantwortung. Dieses System kann nur funktionieren, wenn jeder mitmacht.

Wenn wir auf Adolf Hitler schauen, tun wir das mit einem gewissen Schauer, aber auch mit einer gewissen Sensationslust. Hat es womöglich auch etwas Sensationelles, dass diese Biografie ausgerechnet am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, erscheint?

Blom: Dieses Datum hätte anders gewählt werden können. Das hat dem Buch eine gewisse Aufmerksamkeit von vornherein gesichert. Aber gleichzeitig hat Herr Longerich so etwas nicht nötig. Es wäre schön gewesen, wenn das Buch zu einem weniger symbolisch belasteten Datum publiziert worden wäre.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Das komplette Gespräch können Sie hier nachhören:

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.11.2015 | 19:00 Uhr

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