Stand: 25.01.2016 09:26 Uhr

Sparsam, aber berührend: Fukushima als Oper

von Elisabeth Richter

Für die dritte Saison-Premiere präsentierte das neue Leitungsteam an der Hamburgischen Staatsoper eine Uraufführung: "Stilles Meer" von Toshio Hosokawa, eine Oper, die Bezug auf die fünf Jahre zurückliegenden Katastrophe von Fukushima nimmt.

Hosokawa hat sein Werk den Opfern gewidmet. Die Protagonistin der Oper, die deutsche Balletttänzerin Claudia, war in Japan verheiratet. Sie kann zwar den Tod ihres Mannes akzeptieren, aber den Tod ihres Sohnes nicht verwinden. Haruko, die Schwester von Claudias umgekommenem Mann, und Stephan, der aus Deutschland angereiste Vater ihres Kindes, beschwören sie, die Wirklichkeit zu sehen.

Meeresrauschen als Anfang und Ende

Regie führte der japanische Dramatiker und Schauspielregisseur Oriza Hirata, der auch das Libretto schrieb, das Toshio Hosokawa in der deutschen Fassung von Hannah Dübgen vertont hat. Am Pult stand Kent Nagano, der Hamburgische Generalmusikdirektor. NDR Kultur übertrug die Oper live.

Meeresrauschen - so beginnt und endet die Oper "Stilles Meer" von Toshio Hosokawa. Ein kleiner Roboter auf Rollen informiert über Radioaktivität, tatsächlich gibt es sie in Japan heute in verseuchten Gebieten. Leben ist in Japan, dem Inselstaat, eng mit dem Wasser verbunden. Es heißt, dass die menschliche Seele aus dem Meer komme und dahin zurückgehe.

"Atomkatastrophe bedroht Einssein mit der Natur"

Doch diese Verbundenheit des Menschen mit der Natur sei in Gefahr, so Toshio Hosokawa: "Mein Thema ist eigentlich immer, mit der Natur eins zu werden mit der Kunst oder mit der Musik. Dieses Streben geht durch eine solche Atomkatastrophe ganz kaputt. Das ist nicht nur ein Problem von Fukushima, sondern von der ganzen Menschheit."

Erst allmählich setzt nach einem Krachen - vielleicht wie bei einem Erdbeben - die Musik ein, das Schlagzeug ahmt Explosionsgeräusche nach. Beruhigung der Musik. Die Dorfbewohner sind eingezogen. Sie tragen Papierlaternen mit sich, die auf das Meer gesetzt werden. Mit dieser Zeremonie werden die toten Seelen verabschiedet.

Fukushimas Trauma als Oper

Sparsames Bühnenbild, sparsame Regie

Die Bühne ist eine große runde Scheibe, schräg nach hinten ansteigend. Von rechts führt ein Steg in den Raum, von oben hängen weiße Röhrenlampen herunter. Man kann Brennstäbe eines Atomkraftwerks assoziieren. Sparsam ist dieses Bühnenbild von Itaru Sugiyma, sparsam wird das Licht variiert, und sehr sparsam in jeder Hinsicht ist auch die Inszenierung von Regisseur und Librettist Oriza Hirata. Die Akteure bewegen sich kaum, der Abend hat einen sehr meditativen Charakter.

Die Trauer, seltener die Wut und der Aufruhr der verletzten Seelen teilen sich bei dieser Reise ins Innere mit. Dass Claudia, die deutsche Balletttänzerin, die ihren japanischen Mann verloren hat und ihren Sohn, ihr Trauma verarbeiten soll, indem sie ein traditionelles japanisches Theaterstück mit ähnlicher Thematik nachspielt, das hätte in der Regie viel deutlicher gezeigt werden können.

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Eine hochklassige Produktion

"Was Kunst tun kann, ist, es durch Abstraktion dazu zu bringen, dass wir als Menschen eine direkte Bindung haben können. Wir leben diese Erfahrung persönlich", sagt Dirigent Kent Nagano. Die Fukushima-Katastrophe bekomme so eine tiefere Dimension. Mit dem hervorragend disponierten Philharmonischen Staatsorchester Hamburg vermittelte Nagano exzellent, präzise und spannungsvoll die Intensität von Hosokawas dicht verwobener Musik mit ihren wellenartigen Steigerungen.

Der Gesang ist überwiegend deklamatorisch. Susanne Elmark sang die schwere Sopranpartie der Claudia sehr expressiv. Sängerisch noch stärker war Mezzosopranistin Mihoko Fujimura als Haruko und am beeindruckenden präsentierte sich Bejun Mehta mit seinem facettenreichen Countertenor. Eine hochklassige Produktion an der Hamburgischen Staatsoper.

Sparsam, aber berührend: Fukushima als Oper

Die Oper "Stilles Meer" von Toshio Hosokawa erzählt von der Atomkatastrophe in Fukushima. Die hochklassige Uraufführung an der Hamburgischen Staatsoper bestach durch ihren meditativen Charakter.

Datum:
Ort:
Hamburgische Staatsoper GmbH
Große Theaterstraße 25
20354   Hamburg
Kartenverkauf:
Telefon: 040 / 35 68 0
Telefax: 040 / 35 68 456
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.01.2016 | 07:20 Uhr