Stand: 06.02.2016 18:40 Uhr

"Unterwerfung": Houellebecqs Roman im Theater

von Katja Weise
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Edgar Selge spielt in dem Stück "Unterwerfung" den vom Leben enttäuschten Literaturprofessor François.

Selten hat ein Roman für so viel Aufsehen gesorgt wie "Unterwerfung" von Michel Houellebecq. Er erschien in Frankreich vor gut einem Jahr, an dem Tag der Anschläge auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo". Da der Autor in seinem Roman beschreibt, wie Frankreich im Jahr 2022 zur islamischen Republik wird, ging die Zahl der Mutmaßungen, Polemiken und Auseinandersetzungen danach ins Unendliche. Karin Beier bringt "Unterwerfung" am Hamburger Schauspielhaus als deutsche Erstaufführung auf die Bühne. Und auch hier gilt: Selten ist eine Inszenierung schon im Vorfeld auf so großes Interesse gestoßen.

Vom Leben enttäuscht

Schmal ist die Bühne, eigentlich nur ein Streifen, und der gerade so breit, dass ein Kinderwagen bequem von links nach rechts geschoben werden könnte. Eine Art Eiserner Vorhang verschließt die Öffnung; in dessen Mitte allerdings hat Bühnenbilder Olaf Altmann ein großes Kreuz eingelassen, so groß und so tief, dass Edgar Selge hineinklettern kann und dort sitzen, stehen, liegen kann. Er trägt den Abend allein, zweieinhalb Stunden lang. "Für mich war es klar, dass ich diesen Roman nicht versuchen werde, im Sinne eines süffigen Theaterabends zu theatralisieren. Das finde ich verkehrt", erklärt Karin Beier, Regisseurin des Stücks und Intendantin des Schauspielhauses.

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Karin Beier ist Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Bei "Unterwerfung" hat sie Regie geführt.

"Ich finde die Versuchsanordnung, die Houellebecq da aufstellt, so stark, dass ich das auch nicht mit theatralen Mitteln zuschütten möchte." Außerdem schildere der Roman die Vorgänge ausschließlich aus der Perspektive des Literaturprofessors François. Der ist bei Selge ein eher unscheinbarer, leicht verwahrloster Zeitgenosse - ein kluger Kopf, aber durch und durch vom Leben enttäuscht. Insbesondere vom Sexualleben.

Mein bisheriges Leben war von echten intellektuellen Leistungen geprägt gewesen. Ich bewegte mich in einem anerkannten und respektierten Milieu. In materieller Hinsicht hatte ich mich nicht zu beklagen. Bis zum Lebensende war mir ein gutes Einkommen sicher, ohne dass ich dafür überhaupt hätte arbeiten müssen - und trotzdem näherte ich mich dem Selbstmord und zwar ohne Verzweiflung oder auch nur eine besondere Traurigkeit zu empfinden. Edgar Selge als Literaturprofessor François in "Unterwerfung"

2022: Frankreich hat einen muslimischen Präsidenten

Die enormen Verschiebungen in der politischen Landschaft betrachtet François mit moderatem Desinteresse: Das Erstarken des auch im Jahr 2022 noch von Marine Le Pen geführten Front National, die Straßenschlachten in Paris, den notwehrartigen Zusammenschluss der durch starke Verluste geschwächten bürgerlichen Parteien mit der moderaten islamischen Partei.

Das Problem wurde einfach totgeschwiegen, die Menschen waren das Thema einfach leid. Und in den Kreisen, in denen ich verkehrte, da war man es noch früher leid als anderswo. Es kommt doch, wie es kommen muss. Ja, so lässt sich die allgemeine Stimmung wiedergeben.   Edgar Selge als Literaturprofessor François

Als der Führer der islamischen Bruderschaft Mohammed Ben Abbes dann schließlich sogar zum  Präsidenten gewählt wird, ist der Professor vor allem fasziniert von dessen einnehmender Persönlichkeit. "Der Roman wird sicher falsch gelesen, wenn man ihn so liest, als würde Houellebecq vor der möglichen Islamisierung der westlichen Welt warnen", sagt Karin Beier. "Darum geht es überhaupt nicht, sondern Houellebecq beschreibt wirklich die Lethargie der westlichen Welt. Und ich finde das so deutlich: Es geht um die Kritik unserer Welt und nicht um die Warnung vor einer Islamisierung. Da müsste man schon sehr merkwürdig eng gucken, um so etwas daraus zu lesen."

Beier: "Houellebecq ein Revolutionär? Das finde ich Quatsch!"

Buch-Rezension

Wollen wir wirklich so leben?

In Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" wird ein Muslim zum französischen Präsidenten gewählt. Aber eigentlich geht es um die Frage: Wollen wir wirklich so leben, wie wir leben? (09.01.2015) mehr

Eine kluge, witzige Spielerei sei "Unterwerfung", findet Karin Beier, die den Autor Houellebecq generell sehr schätzt. Vor allem wegen seiner Fähigkeit, Diskussionen anzustoßen, die "vor lauter Gutmenschtum" in unserer westlichen Gesellschaft oft unterdrückt würden. Das gelte auch für die Frage, was die Generation der Alt-68er eigentlich geleistet habe. "Houellebecq gilt bei manchen auch als Reaktionär. Das finde ich Quatsch", meint die Regisseurin. "Aber er sagt, dass jetzt vor lauter Obacht dessen, was politisch in Ordnung ist oder nicht in Ordnung ist, diese Generation auch einen gewissen Diskurs verhindert hat. Und durch dieses Unterdrücken eines Diskurses entstehen Bewegungen, die durchaus gefährlich sind. Er hat das sehr, sehr früh erkannt. Ich finde das ein spannendes Thema - und finde das auch nicht so leicht aufzubrechen."

Gesellschaftliche Werte gehen aus purem Egoismus über Bord

Mit Edgar Selge, diesem großartigen und sprachgenauen Schauspieler, hat Karin Beier einen kongenialen Partner gefunden. So viel lässt sich jetzt schon sagen. Er zeigt einen in manchen Momenten sogar sympathischen Mann, der letztlich jedoch bereit zu sein scheint, aus purem Egoismus über Jahrhunderte erworbene gesellschaftliche Werte - wie die Gleichberechtigung der Frau - bedenkenlos über Bord zu werfen. Denn die Polygamie, die in der islamischen Republik Frankreich im Jahr 2022 möglich ist, verlockt ihn, den von seinem Sexualleben enttäuschten, sehr.

Dass mein intellektuelles Leben zu Ende war, das wurde mir zunehmend zur Gewissheit. Aber ich begann mir darüber klar zu werden, dass - und das war nun tatsächlich etwas Neues - dass es da sehr wahrscheinlich noch etwas anderes geben würde.  Edgar Selge als François

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.02.2016 | 19:03 Uhr