Stand: 16.01.2017 16:25 Uhr

Trumps Interview: Unberechenbarkeit als Methode

Nein, er scheut sie nicht, die zugespitzten Thesen: In einem Interview, das Donald Trump der deutschen "Bild"-Zeitung und der britischen "Times" gegeben hat, zeigt der künftige Präsident der Vereinigten Staaten, dass er es ernst meint mit dem, was er im Wahlkampf angekündigt hatte. Wieder bekräftigte Donald Trump seine Kritik an der NATO, verurteilte die deutsche Flüchtlingspolitik und drohte der deutschen Autoindustrie mit hohen Schutzzöllen für die USA. Bevor Donald Trump in sein Amt eingeführt wird, spricht NDR Kultur mit dem Politikwissenschaftler Andrew B. Denison darüber, wie solche Ankündigungen gerade auch für Europa zu deuten sind.

NDR Kultur: Das Verteidigungsbündnis NATO sei obsolet, sagt Donald Trump. Wie ist eine solche Aussage zu verstehen, gerade dann, wenn er im selben Interview betont, die NATO sei ihm sehr wichtig. Widersprüchliche Aussagen - wie geht das zusammen?

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Andrew B. Denison ist Politikwissenschaftler, lebt seit geraumer Zeit in Deutschland und ist als Experte für transatlantische Beziehungen Direktor von Transatlantic Networks in Königswinter.

Andrew B. Denison: Ich als in Deutschland lebender Amerikaner meine, es gibt nichts, was wichtiger für Deutschland ist, als dass Amerika Deutschlands Sicherheit, Freiheit und Wohlstand genauso versteht wie seine eigenen Belange. Und das, würde ich sagen, trifft auch auf die ganze Europäische Union zu. Aber es gibt auch die Gefahr, dass - obwohl es vernünftig ist, dass Amerika hinter Freiheit, Frieden und Wohlstand in Europa steht - manche Amerikaner den Eindruck haben, dass Amerika über den Tisch gezogen wird. Und dass die Europäer keine Solidarität zeigen, sondern unser Selbstinteresse ausnutzen, dass Frieden in Europa herrscht. Auch Leute, die Donald Trump verachten, sind dieser Meinung und würden letztendlich mit vielem, was er in der "Bild"-Zeitung gesagt hat, übereinstimmen.

Trump wurde mit seiner Kritik ja durchaus konkreter: Er halte das NATO-Bündnis für überholt, die NATO habe sich nicht um den Terrorismus gekümmert - das sind ja provokante Äußerungen, aber vielleicht sind sie doch bedenkenswert. Die Europäische Union muss sich ja in diesen Zeiten sehr viel Kritik gefallen lassen.

Denison: Also, man muss Trump als Kreatur unserer Kultur nicht mögen. Ich selbst finde ihn sehr unangenehm. Aber was er hier sagt, das kommt in Amerika an. Und es soll auch in Deutschland ankommen. Deutschland soll erkennen, dass es schön ist, dass Amerika Deutschlands größter Exportmarkt ist. Und viele würden sagen: Deutsche Produkte sind auch sehr gut und dann ist es auch selbstverständlich, dass die Amerikaner diese Produkte kaufen. Aber amerikanische Produkte sind auch gut. Und dass Deutschland so einen gigantischen Exportüberschuss durch Amerika hat, das ist etwas, wo ich denke, dass sich die Deutschen da Sorgen machen müssen. Wie könnten sie das verbessern? Sie könnten das machen, was Barack Obama sich auch immer gewünscht hat. Er hat gesagt: Ihr in Europa, ihr Deutschen ganz besonders, ihr müsst eure Wirtschaften schneller wachsen lassen. Und letztendlich sollt ihr mit diesen schneller wachsenden Wirtschaften auch mehr von Amerika kaufen, sonst kann ich keinen offenen Freihandel über den Atlantik verteidigen.

Donald Trump hat den Brexit angesprochen und eine Lobeshymne auf den Ausstieg Großbritanniens aus der EU formuliert. Damit hat er auch die Nervosität wieder wachsen lassen. Nicht nur die NATO sei überholt, auch die EU sei ein Auslaufmodell. Aus der NATO kam gleich das Signal, ein starkes Europa sei auch gut für die USA. Wird Trump das hören? Wird er das ernst nehmen?

Denison: Trump hat gesagt, dass der Brexit ein Zeichen dafür ist, dass die Leute ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen. Er hat aber in diesem Interview auch gesagt, dass der Grund, warum es zum Brexit gekommen ist, der ist, dass so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Und auch an Merkel hat er genau das kritisiert, dass sie diese Flüchtlinge reingelassen hat. Aber da sehen wir, dass er nicht nur die EU für schlecht hält. Er hat konkret gesagt, er meine, die Deutschen tun nicht genug für diese EU. Und ich kann auch verstehen, wenn Donald Trump sagt: Ich mache ein bilaterales Handelsabkommen mit England. Denn in den letzten fünf Jahren haben die Amerikaner versucht, mit Europa das Freihandelsabkommen TTIP abzuschließen. Europa hat immer dagegen gewettert. Und noch einmal: Dieser Meinung sind nicht nur Republikaner. Ich bin Demokrat, aber auch ich meine, dass Europa keine Solidarität mit Obama gezeigt hat. Das ist ein Grund, warum Trump gewonnen hat.

Am Freitag wird Donald Trump offiziell in sein Amt eingeführt. Herr Denison, wie stellen Sie sich die Zukunft vor? Haben Sie irgendeine Ahnung oder mögen Sie spekulieren?

Denison: Vorhersagen sind schwierig, besonders über diesen Mann Donald Trump, der gerade die Unberechenbarkeit zur Methode macht. Nichtsdestotrotz, seitdem ich 1992 anfing, amerikanische Wahlkämpfe und Politik hier in Deutschland zu kommentieren, behaupte ich immer wieder: Im Wahlkampf kann der Kandidat sagen, was er will, im Weißen Haus tut er, was er muss. Denn die Präsidenten kommen und gehen, aber die amerikanischen Interessen bleiben bestehen.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 16.01.2017 | 19:00 Uhr