Stand: 17.08.2017 19:41 Uhr

"Die Rechten haben viel von den 68ern gelernt"

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"Die Angstmacher - 1968 und die Neuen Rechten" ist im Aufbau Verlag erschienen und kostet 18,95 Euro.

1968 fand in der Bundesrepublik so etwas wie eine "Kulturrevolution" statt: Das Etablierte wurde aus den Angeln gehoben, es entstand eine neue Republik. Ähnliches passiert auch jetzt, schreibt der Soziologe Thomas Wagner in seinem neuen Buch "Die Angstmacher". Allerdings nicht, wie vor knapp 50 Jahren von links, sondern von rechts.

Herr Wagner, diese Parallelen, so wie Sie sie in Ihrem Buch beschreiben, zwischen links und rechts, zwischen damals und heute, sind in der Tat frappierend und zum Teil erschreckend. Beide Male wird das mit sehr ähnlichen Mitteln vorgetragen. Allerdings ist die Frage: Wie weit reichen diese Parallelisierungen? Denn der Unterschied ist doch, dass man von ganz anderen Gesellschaftsverhältnissen ausgeht, oder?

Thomas Wagner: Was die politischen Mittel betrifft, das Handwerkszeug, mit dem man versucht, Aufmerksamkeit zu erhaschen und Gegenreaktionen, Überreaktionen des Establishments zu provozieren - da gibt es in der Tat Ähnlichkeiten. Da haben die Rechten viel von den aufbrechenden jungen Leuten der 68er-Generation gelernt. Und das war die Hauptidee. Dahinter stand, das mal zu recherchieren und mit den beteiligten Rechten über ihre Art der Anverwandlung linker Strategien und Methoden zu sprechen.

Damit haben Sie fast gegen so einen linksliberalen Konsens verstoßen und mit den Rechten gesprochen. Hat das etwas gebracht?

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Wagner: Mir hat es gebracht, genauer zu verstehen, wer was wo von wem gelernt hat - also zunächst ein historisches Interesse, wie es wirklich gewesen ist. Wenn man versteht, wie diese Provokationsmethoden funktionieren, und dass es ganz ähnliche Provokationsmethoden sind, die auch von der Neuen Linken seit den 60er-Jahren verwendet wurden, dass man dann vielleicht die Möglichkeit hat, gelassener darauf zu reagieren - und nicht so hysterisch wie es derzeit zum Teil der Fall ist.

Wer sind diese neuen Rechten, mit denen Sie gesprochen haben?

Wagner: Ich habe ausschließlich mit Personen gesprochen, die sich selbst der intellektuellen Neuen Rechten zugehörig fühlen. Leute, die Konzepte erarbeiten, die eine geistige Arbeit für sich in Anspruch nehmen, die sie Metapolitik nennen. Sie versuchen den Diskurs in der Gesellschaft so zu beeinflussen, dass das, was sie unter rechten oder konservativen Ideen verstehen, einen breiteren Raum bekommt.

Da ist zum einen der mittlerweile verstorbene Soziologe Henning Eichberg, mit dem ich vergangenen Herbst ein längeres Gespräch geführt habe. Dann Götz Kubitschek, der den Verlag Antaios leitet, seine Frau Ellen Kositza, eine rechte Publizistin. Außerdem Martin Sellner von der Identitären Bewegung Österreichs. Und Frank Böckelmann, ein Angehöriger der "subversiven Aktion", der heute als rechter Publizist in Erscheinung tritt.

Inwiefern entwickelt sich da tatsächlich so etwas wie eine rechte Theorie? Denn der theoretische Unterbau hat ja 1968 ein ganz großes Gewicht gehabt. Kann man das von der Neuen Rechten auch sagen?

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Wagner: Die Neue Rechte beginnt auch schon um 1968. Das waren junge Nationalrevolutionäre um Henning Eichberg, die damals genau dieses defizitäre Gefühl hatten. Sie dachten: Wir sind den jungen Linken, die tonnenweise kritische Literatur rezitieren und Theoriearbeit machen, haushoch unterlegen, und wir müssen versuchen, eigene Konzepte zu entwickeln, indem auch Althergebrachtes infrage gestellt wird. Es gab einen Auseinandersetzung mit dem Nazi-Faschismus, von dem man sich zunehmend distanziert hat. Es gab den Versuch, eine Art rechten Antiimperialismus zu entwickeln - in dem Kontext ist der Begriff des Ethnopluralismus entstanden. Und es gab den zunehmenden Versuch, linke Analysemittel zu übernehmen, vor allem in den späten 70er-Jahren: Man hat angefangen, mit linken Kategorien Phänomene wie Klasse und soziale Ungleichheit zu bearbeiten. Wobei dieser dritte Aspekt im Zuge der Zeit wieder in den Hintergrund gerückt ist. Momentan ist der größere Teil der Neuen Rechten eher auf einem national-liberalen Trip: Man ist mit der herrschenden Ungleichheit einigermaßen zufrieden.

Wir wissen, was die linken Intellektuellen in den vergangenen 50 Jahren für einen Einfluss gewonnen haben. Steht das für die rechten Intellektuellen auch bevor?

Wagner: Ich hoffe nicht. Es gibt Einflusstore, die ich in erster Linie mit der Partei der AfD in Verbindung bringe. Ich denke, dass in den östlichen Landesverbänden eine gewisse Offenheit für das Gedankengut der Neuen Rechten vorhanden ist, und dass man dort auch bereit ist, aus einer rechten Perspektive die soziale Frage zu stellen. Und in dem Punkt könnte die Neue Rechte - zumindest in den östlichen Bundesländern - mittelfristig eine Konkurrenz werden für etwa die SPD oder auch die Linke.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Buchcover: Thomas Wagner - Die Angstmacher © Aufbau Verlag

"Die Rechten haben viel von den 68ern gelernt"

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1968 fand in der Bundesrepublik so etwas wie eine "Kulturrevolution" statt. Ähnliches passiert auch jetzt, schreibt der Soziologe Thomas Wagner in seinem neuen Buch "Die Angstmacher".

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NDR Kultur | Journal | 17.08.2017 | 19:00 Uhr

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