Stand: 14.06.2017 10:48 Uhr

Festival Theaterformen: Unbekanntes (be)greifen

von Agnes Bührig

Theater ist mehr als Theater: Es ist Selbsterfahrung, Tanz und Weiterbildung. Diesen Eindruck jedenfalls erhält, wer sich dieser Tage die Aufführungen des Festivals für innovative Theaterkunst, Theaterformen, in Hannover ansieht. In den letzten Tagen war hier sowohl ein Dokumentartheaterstück und eine Stadtführung außerhalb der Bühne zu erleben.

von Agnes Bührig

Alireza Hussein erklärt Elfi Rüter, was sie erwartet. Der 27-Jährige bereitet die Theaterbesucherin darauf vor, dass sie gleich die Augen zu schließen hat und er sie durch Hannover führen wird. Wortlos. Ab und zu wird er sie auffordern, die Augen kurz zu öffnen.

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Gemeinsam neue Erfahrzungen sammeln, darum geht es Myriam Lefkowitz in ihrem Stück: "Walsk, Hands, Eyes".

Langsam setzen die beiden sich in Gang. Sie, die in Hannover aufgewachsen ist und die Stadt wie ihre Westentasche kennt. Er, der im Herbst 2015 vor den Wirren in seinem Heimatland Afghanistan hierher flüchtete und sich inzwischen eine Existenz als Fotograf aufbaut. Dass bei "Walk, Hands, Eyes" Flüchtlinge Einheimische führen, ist Teil des Konzeptes, sagt die Französin Myriam Lefkowitz, die ihre Performance vor zehn Jahren entwickelt hat: "Ich glaube, mich hat die Idee der Fürsorge, des Vertrauens angetrieben. Und die Frage: Wer sind die Einheimischen, wer sind die Einwohner der Stadt? Mir ging es darum abzufragen, was sie erfahren, gemeinsam mit dem, der sie führt. Und es geht bei diesem Spaziergang viel darum, ein Fremder zu sein. Auch wenn ich selbst in meiner eigenen Stadt der Guide bin, erhält alles eine Distanz, wird fiktional. Die Stadt wird mehr als nur meine Stadt."

Mit der Nase und den Ohren sehen

An zehn Stellen, ein bis zwei Sekunden lang, darf Elfi Rüter die Augen öffnen. Ihre Blickrichtung lenkt Alireza Hussein dabei auf ein Straßenschild an der Wand, auf einen Becher auf dem Boden, auf eine bunte Dekoration in einer Einkaufspassage. Orientierung als kurzer Bildflash, ansonsten nur Geräusche.

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"Die Augen sind während dieser Performance geschlossen", sagt Alireza Husseini, "aber du kannst mit deiner Nase sehen, mit deinen Ohren, sogar mit deiner Haut. Du folgst den Stimmen, den Gerüchen."

Elfi Rüter habe sich sicher gefühlt, gut geführt, sagt sie nach dem Ende des Rundgangs. Nur, als es in einen Fahrstuhl am Hauptbahnhof ging, habe sie einen kurzen Anflug von Platzangst verspürt. Ganz und gar loslassen konnte sie auch nicht. Stets sei sie damit beschäftigt gewesen, sich vorzustellen, wo sie gerade ist, erzählt die 73-Jährige. Dafür nutzte sie auch die kleinen Augenblicke, in denen sie die Augen öffnen durfte.

Vorurteile und Ängste hinterfragen

Das Unbekannte irgendwie greifen, das Unverständliche verstehen - mit diesem Konzept arbeitet auch die Aufführung "Tigern" der Jupither Josephsson Theater Kompagnie aus Stockholm. Doch anders als bei "Walk, Hands, Eyes", müssen die Augen offen sein, zu Beginn wird der Stadtplan einer durchschnittlichen Großstadt in Europa erklärt.

Vier Männer und eine Frau vor einer kahlen Holzverkleidung, die an eine örtliche Polizeistation erinnert. Ein Stadtplan, ein Tisch, Stühle. Aus dem örtlichen Zoo ist die Tigerin "Mihaela" entlaufen und versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Ein Taxifahrer berichtet, wie er sie unter Todesangst befördern musste, ein Hausbesitzer versucht sie mit der Flinte aus seinem Garten zu vertreiben. Das Fremde, das wir meist im Zoo oder auf Fernreisen auf Abstand halten, steht nun leibhaftig vor uns. Plötzlich müssen wir uns verhalten, sagt die schwedische Regisseurin Sofia Jupither: "So lange es im Zoo ist, ist es gut. Aber wenn es in meinen Garten kommt, ist es schlecht. Da bekomme ich Angst, da betrifft es mich, privat, konkret. Es geht also um uns. Es geht um die Gesellschaft, die das Fremde aufnimmt, um die Angst der Bevölkerung im Kontakt mit dem Fremden. Es ist ein Stück über das Fremde, das eigentlich nicht berührt, was das Fremde ist, sondern in dem es um uns geht."

Festival

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Überzeugend vermischt der Text der rumänischen Autorin Gianina Cărbunariu unsere Bilder vom fremden Tier und vom Flüchtling - und hinterfragt so unsere Vorurteile und Ängste gegenüber den Zuwanderern. Mit intensivem, ausdrucksstarkem Spiel gestalten die fünf Schauspieler Charaktere wie den Obdachlosen, einen Hausspatzen oder die verblüffte Bankangestellte. Schön, einmal eine Produktion zu sehen, die ohne flimmernde Aufbauten oder Videobilder auskommt, mit gut gemachtem Sprechtheater und einer stringenten Geschichte. Und auf humoristische Weise. Etwa, wenn das Fell der Fremden plötzlich als Sicherheit für einen Bankkredit dienen soll.

"Tigern" sowie auch "Walk, Hands, Eyes" fordern uns heraus, das Gewohnte zu hinterfragen, dem Fremden zu begegnen. Ganz physisch im einzeltherapeutischen Stadtrundgang oder grenzüberschreitend an einem fiktiven Ort irgendwo in Europa. Zwei Produktionen, die die Bandbreite von Theaterformen heute aufzeigen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.06.2017 | 19:00 Uhr

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