Stand: 25.09.2017 09:45 Uhr

Streifzug durch die Theaterstadt Göttingen

von Jürgen Jenauer

Göttingen ist Theaterstadt. Das Deutsche Theater am historischen Stadtwall hatte Intendanten wie Heinz Hilpert und Schauspieler wie Götz George. Dazu kommt das kleinere Junge Theater, das Sprungbrett für Karrieren wie die von Bruno Ganz und Evelyn Hamann. Abseits dieser Häuser gibt es aber eine außerordentlich rege freie Theaterszene und ein ungewöhnliches Studententheater, das gerade seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert hat.

Seit 1890 steht das Deutsche Theater in Göttingen am Stadtwall. Wer sich bei dem Bau an das Oldenburgische Staatstheater erinnert fühlt: Die Ähnlichkeit ist gewollt. Das Gebäude entstand als architektonische Kopie des Oldenburger Hauses. Neben seinen drei Bühnen sucht sich das Deutsche Theater immer wieder ungewöhnliche Spielstätten, wie aktuell bei George Orwells "1984". Die Dystopie über den alles überwachenden Staat findet in der Tiefgarage des Gebäudes statt.

Theaterszene Göttingens: Spielstätten und Leute

Das Haus unter der Leitung von Intendant Erich Sidler behandelt nicht nur Hochpolitisches und gesellschaftlich Relevantes, es begreift sich auch als Stadttheater im besten Sinne. So tauchen auch immer wieder Produktionen auf wie "Gänseliesel träumt" aus der letzten Saison - ein Stück, das dem Wahrzeichen Göttingens eine durch die Grimms inspirierte Geschichte gibt.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Einen Schwerpunkt in der Arbeit des Theaters bildet die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und ihren Auswirkungen bis heute, etwa mit dem aktuellen Projekt "Göttingen in der NS-Zeit" oder der Wiederaufnahme von Heinrich Manns "Der Untertan". Eine Linie, die sich auch schon durch das Programm in der letzten Saison zog, zum Beispiel mit George Taboris "Mein Kampf". Intendant Erich Sidler meint: "Dieses Stück hat damals sehr hohe Wellen geschlagen. Die Frage, wie ein Führer so groß wird, hat durchaus eine zeitgenössische Parallele, wenn man sich ansieht, wer da heute das Wort schwingt und was diese Leute qualifiziert, eine so große Aufmerksamkeit zu generieren."

Junges Theater mit Intendant Nico Dietrich

Ein paar hundert Meter weiter findet sich am anderen Ende der Innenstadt das Junge Theater. Auch dieses Haus ist Startpunkt oder Zwischenstation für die Karrieren vieler berühmter Schauspieler gewesen. Intendant Nico Dietrich führt seit vier Jahren den Betrieb. Er sagt, die Theaterszene in Göttingen sei für eine verhältnismäßig kleine Stadt beeindruckend. Einen riesigen Erfolg hatte seine Bühne gerade mit den "Känguru-Chroniken". Als eines von nur wenigen Häusern bundesweit hatte das Junge Theater Marc-Uwe Klings eigene Theaterfassung der Geschichte gespielt.

Rezension

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Kleine Stadt, große Szene

Neben den beiden großen Häusern mit festem Ensemble gibt es eine weitere Besonderheit: In einem alten Schauoperationssaal der Universitätsmedizin steht seit 1984 die Bühne des größten Studententheaters in Deutschland. Etwa zwölf Premieren werden dort von rund 40 Amateurschauspielern pro Saison gespielt. Dazu kommen freie Theatergruppen, wie die aus Göttingen stammende "Werkgruppe 2" und die durch den gesamten deutschsprachigen Raum reisende Formation "stille hunde".

Für Christian Huber, einen der Gründer der "stillen hunde", bot sich Göttingen trotz der großen Konkurrenz der freien Szene als Wirkungsstätte an: "Wir haben uns schon überlegt, als wir in die freie Wildbahn sind, gehen wir nach Berlin, nach Hamburg oder Köln? Aber da wir viele Kontakte in die Stadt und in den Landkreis hatten, dachten wir uns, das müsste doch funktionieren." Zumindest vom Bekanntheitsgrad her scheint der Plan aufgegangen zu sein, denn, so Huber: "Wenn man in der Stadt zehn Leute fragt, ob sie uns kennen, dann sagen sechs ja, vier finden es total interessant, zwei wollten immer hingehen und einer war schon da."

Ausgezeichnet: Theatergruppe boat people project

Ausgezeichnet mit dem Göttinger Friedenspreis und dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis ist das Göttinger "boat people projekt". Die freie Theatergruppe beschäftigt sich seit Jahren mit Migrationsthemen und bindet immer wieder Geflüchtete in ihre Produktionen ein. Jedes Jahr finden in Göttingen zudem die Figurentheatertage statt, eines der ältesten und größten Festivals dieser Art bundesweit. Und für diejenigen, die dann immer noch nicht genug vom Theater haben, gibt es den Göttinger Kultursommer. Er wird organisiert von der Stadt und ist traditionell hochkarätig besetzt. So kamen in den vergangenen Jahren unter anderem Katja Riemann, Peter Lohmeyer, Anna Thalbach und Joachim Król in die Theaterstadt an der Leine.

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