Stand: 12.06.2017 07:34 Uhr

"Theater der Welt" ist zu Ende - wie war's?

von Katja Weise
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Auf dem Baakenhöft in der Hamburger Hafencity befand sich das Festivalzentrum "Haven".

44 Produktionen von fünf Kontinenten. 47.000 Besucher an 18 Tagen. In Hamburg ist das Festival "Theater der Welt" zu Ende gegangen. Ausgehend vom Hamburger Hafen sollte es dezidiert politisch sein, mit den Themen Globalisierung, Flucht, Migration im Mittelpunkt, außerdem die lokale und die internationale Szene zusammenbringen.

Nur wenige Produktionen konnten restlos überzeugen

Das große Staunen ist ausgeblieben - trotz eindrücklicher Bilder, bewegender Aufführungen und erschütternder Momente. Nur wenige Produktionen konnten restlos überzeugen, fast immer gab es, zumindest durch die "deutsche" Brille betrachtet, ein kleines oder auch größeres "Aber".

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Auf Kampnagel fand die Deutschland-Premiere des Stücks "Burning Doors" vom Belarus Free Theatre statt.

So bei der mit Verve angekündigten Weltpremiere "Die Gabe der Kinder" von Lemi Ponifasio. Statt von vielen Hamburger Chorsängern und Musikern aufgeführt, kam die Musik zur Choreografie schließlich größtenteils vom Band und so geriet das Spektakel deutlich kleiner. Schade. Dennoch hat der Regisseur aus Samoa beeindruckend gezeigt, welche Möglichkeiten der 9.000 Quadratmeter große Kakaospeicher in der Hafencity bietet. Er wurde während des Festivals erstmals bespielt - und Ponifasio hat die schier endlose Weite des Raums instinktiv erfasst und mit Licht und Bewegung zum Leben "erweckt".

Das größte Ärgernis: Die vom Thalia Theater ins Festival eingespeiste Premiere von Hauptmanns Sozialdrama "Die Weber". Viel optischer Aufwand, wenig gedanklicher Tiefgang. Mit Schauspielern, die weit unter ihren Möglichkeiten bleiben und das Publikum unter anderem zum Kauf einer Jeans überreden mussten. Da verpuffte die allzu offensichtlich ausgesandte politische Botschaft.

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"The Gabriels": Großes Theater am Küchentisch

Das Highlight: "The Gabriels". Eine Trilogie des Public Theaters aus New York über die Präsidentschaftswahlen in den USA im vergangenen Jahr. An drei Abenden begleitet das Publikum eine Familie (die Gabriels), ist Zaungast bei den Vorbereitungen zum Abendessen. Während der Brotteig geknetet und der Auflauf bereitet wird, tauschen die Familienmitglieder sich aus. Es geht um Alltägliches, um die kranke Mutter nur selten um die große Politik. Und doch entsteht das Psychogramm einer Gesellschaft im Umbruch. Das war Theater im besten Sinne: subtil, intelligent, pur. Und politisch.

Ist das deutsche Theater zu nüchtern?

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Die Festival-Buttons finden viele Abnehmer.

Diesen Anspruch des Festivals lösten viele Produktionen ein - die Themen Migration und Flucht schienen omnipräsent. Wie ein roter Faden verbanden sie so unterschiedliche Arbeiten wie die von der spanischen Theatergruppe La Fura dels Baus plakativ inszenierte "Schöpfung" in der Elbphilharmonie und das von Ivo van Hove in Paris herausgebrachte Arthur Miller Drama "Vu du Pont" über einen Hafenarbeiter, der zwei illegalen Einwanderern Unterschlupf gewährt. Auch Ivo van Hove kommt bei dieser Arbeit, immerhin das erste Gastspiel des Pariser Odéon-Theaters in Deutschland, nicht ohne plakative Bilder aus. So dass sich die Frage stellt, ob das deutsche Theater im europäischen und mehr noch im globalen Kontext als vergleichsweise nüchtern und zurückgenommen gelten muss.

Bilanz: Inspiration und spannenden Begegnungen

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Schon wieder vorbei: Das Festival "Theater der Welt".

Generell gab es kaum "klassische" Theater-Inszenierungen. Stattdessen: Viel Tanz, viel Performance, viel Musik. Viel Botschaft. Das Belarus Free Theatre und die Pussy Riot Aktivistin Maria Alyokhina riefen in ihrem furiosen Stück "Burning doors" das Publikum direkt zur Unterstützung politischer Gefangener in Russland auf. Das ging unter die Haut und zeigte beispielhaft, welche Rolle Theater international spielen kann und will. Wenn also auch eine alles überstrahlende Aufführung fehlte: Dieses Festival war ein Fest mit vielen Denkanstößen und einem bunt gemischten Publikum, das sich Abend für Abend auf die Suche machte nach Inspiration und spannenden Begegnungen. Und davon gab es eine ganze Menge.

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Treffpunkt Hamburg: Theater der Welt

23.05.2017 20:00 Uhr
NDR 90,3

Inszenierungen aus China, Argentinien, Australien, Südafrika, den USA und vielen anderen Ländern:18 Tage lang wird Hamburg zum Schauplatz des Festivals "Theater der Welt" Audio (28:59 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.06.2017 | 06:40 Uhr

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