Stand: 29.05.2017 08:03 Uhr

Theater der Welt: Eindrucksvoller Auftakt

von Katja Weise

Zum Start des "Theaters der Welt" hat das Stück "Die Gabe der Kinder" von Lemi Ponifasio Weltpremiere gefeiert. Der Choreograph aus Samoa durfte als erster den neu hergerichteten Kakaospeicher in der Hafencity bespielen.

Es pfeift mächtig auf der Brücke, die zum Kakaospeicher führt. Viele Besucher kämpfen sich in Abendgarderobe dorthin. Manche machen noch ein Foto vom riesigen Speicher. 9.000 Quadratmeter Grundfläche, klärt Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, später in seiner Eröffnungsrede auf. Ein Irrsinn, die zu bespielen. Aber möglich. Die gut 500 Zuschauer kleben auf einer steilen Tribüne in einer Ecke. Ein Rauschen kommt von irgendwo her. Wer die Augen zusammenkneift, sieht schließlich Menschen, weit weg, auf der anderen Seite des Speichers.

Theater der Welt-Auftakt: Bedrückende Bilder

Kinder aus Kriegsgebieten im Fokus

In Zeitlupentempo bewegen sich die sieben Frauen in langen, dunklen Gewändern auf das Publikum zu. Kleine Punkte in einem großen Raum, dann umfassen sie sich, bilden eine Art Mauer, die Schritte werden größer, sie schreiten, es donnert, eine Trommlerin taucht auf. Es folgen, in einer langen Reihe, fast wie bei einer Prozession, Kinder und Jugendliche aus Hamburg. Mit ihnen und seinem Maori Ensemble MAU hat der aus Samoa stammende Regisseur und Choreograph Lemi Ponifasio diesen Abend erarbeitet. Es geht um Kinder aus Kriegsgebieten. Um ihr Leiden und ihre Kraft.

Klang und Bewegung im ganzen Kakaospeicher

Ein Mädchen tritt mit einer Zinkschüssel nach vorn und wäscht sich, dabei färben sich Gesicht und Bluse blutrot. Danach liegen alle am Boden, bis ein Junge Wasser bringt. Der Choreograph Lemi Ponifasio findet bedrückende Bilder, die sich emotional erschließen. Dabei spielt die Musik eine zentrale Rolle. Ursprünglich wollte der Regisseur das Credo des kanadischen Komponisten R. Murray Schafer mit zwölf Chören live aufführen, doch die Probenzeit reichte nicht. So kommt das Credo weitgehend vom Band, und der Abend, angekündigt als "Children of Gods", heißt nun "Die Gabe der Kinder". Trotzdem erfüllen Klang und Bewegung den ganzen Raum.

Schwierige Akustik und kluge Lichtregie

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Durch die Beleuchtung des wasserbedeckten Bodens erscheinen die Silhouetten der Darsteller scharf konturiert.

Die sehr schwierige, hallige Akustik des Speichers erfasst Ponifasio intuitiv, dazu kommt eine kluge Lichtregie. Der Atem stockt, wenn der von den Kindern und Jugendlichen mit viel Wasser begossene, gewaschene Boden des Kakaospeichers im Halbdunkel leuchtet und die Körper sich im Gegenlicht wie Scherenschnitte abzeichnen. Ein eindrucksvoller Auftakt an einem besonderen Ort.

Der steht auch für die thematische Ausrichtung des Festivals in diesem Jahr. Aufgefordert, sich mit dem Hafen zu beschäftigen, geht es in vielen Arbeiten um Krieg, Flucht, Migration. Auch der Philosoph und Politologe Achill Mbmebe aus Kamerun beleuchtete bei seiner Eröffnungsrede im Thalia Theater diese Aspekte. Er konstatierte, dass die Demokratie in einer schweren Krise stecke: "Ich glaube, Demokratie hat keine Zukunft in einer Welt, in der Fakten und Beweise nicht zählen und keine Haftung übernommen wird. So eine Welt ist qua definitionem feindlich eingestellt gegenüber Vernunft, Freiheit und Verantwortung." In Zeiten des Turbokapitalismus und der rasanten Digitalisierung seien viele nur noch an Profit interessiert und an sich selbst. Durch permanente Selbstbespiegelung insbesondere in den neuen Medien entstehe ein ganz neuer Typ Mensch. Der sei nicht mehr das "freie Individuum", auf das die Demokratie setze. Mbembe forderte ein weltumspannendes Denken. Erste Anregungen dafür hat das Festival "Theater der Welt" zur Eröffnung gegeben.

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