Stand: 28.10.2015 17:57 Uhr

"Stille in einer Bücherei, das war gestern"

von Sebastian Parzanny

Wer die Bibliothek DOKK1 von Weitem sieht, könnte denken Aarhus hat eine neue Konzertarena: Von außen deutet nichts auf eine Bücherei hin, wie man sie kennt: Das moderne Gebäude direkt am Hafen besteht auf den ersten Blick nur aus Glas, Treppen und etwas Metall. Erst kürzlich wurde die größte Bücherei Skandinaviens eröffnet.

Bibliothek und Event-Tempel

Nach den Treppenstufen erwartet die Besucher eine imposante Glastür, die sich automatisch öffnet. Der erste Eindruck im Gebäude: Hier durfte sich ein Architekt so richtig austoben. Im Fall des DOKK1 war es sogar ein Trio. Die Architektengruppe Schmidt, Hammer, Lassen hatte zuvor bereits die Bibliotheken in Christchurch in Neuseeland und in Halifax in Kanada entworfen. Nun haben die drei in ihrer Heimatstadt Aarhus eine Bibliothek der Superlative geschaffen. Im Eingangsbereich empfangen die Besucher große Leinwände, LED-Bildschirme und moderne Info-Schalter mit netten Mitarbeitern, die einem bei der Orientierung helfen. Denn das DOKK1 ist immerhin 30.000 Quadratmeter groß.

"Wollten das angestaubte Image der Büchereien aufbrechen"

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Rolf Hapel ist Direktor der Bibliothek DOKK1 in Aarhus. Sie soll ein Ort der Begegnung sein.

Rolf Hapel ist ein Bibliothekar vom alten Schlag: Auch in der alten Bücherei von Aarhus hat er schon gearbeitet. Nun ist er Direktor vom DOKK1 und ein großer Fan des Wandels: "Wir wollten das angestaubte Image der Büchereien aufbrechen", sagt er. In der alten Stadtbücherei sei ihm und seinem Team aufgefallen, dass immer wieder die gleichen Kunden kamen. Auch das sollte sich mit dem DOKK1 ändern: "Wir haben ganz bewusst viele verschiedene Gruppen mit ins Boot geholt. Von den Schulen, über die Universität bis hin zu Vereinen. Das hier soll ein Ort der Begegnung sein."

Wenig erinnert an eine klassische Bibliothek

Wenn Rolf Hapel "sein" DOKK1 zeigt, dann wirkt er eher wie ein Manager und nicht wie ein Bibliothekar. Immer wieder benutzt er die Formulierung "Community-Center", als solches sieht er sein Haus. Es erinnert wenig an eine Bibliothek, wie wir sie aus Deutschland kennen: Im Erdgeschoss gibt es einen Bürgerservice, bei dem die Einwohner der Stadt unter anderem ihre Ausweise verlängern können. Außerdem finden die Kunden ein großes Café und eine CD-Ecke, in der sie Tonträger ausleihen können, sowie zwei Säle für Lesungen und kleine Konzerte. Außerdem gibt es Nähmaschinen,  3D-Drucker und Rechner die benutzt werden können.

"Bibliothekars-Roboter" sorgt für Abwechslung

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Im 1. Stock der Bibliothek gibt es ein großes Spielland für Kinder. Die Bücherregale stehen eher am Rand.

Imposant ist die "Rampe": Eigentlich ist sie nur ein Treppenbereich, allerdings befinden sich hier auf mehreren riesigen Stufen Arbeitsbereiche und Sitzecken. Bei Veranstaltungen kann eine große Leinwand von der Decke gefahren werden. Wer von den Ebenen aus runter sieht, erblickt tatsächlich erstmals Bücher: "Wir haben immer 350.000 Bücher im Haus", sagt Rolf Happel. Eine ausgeklügelte Software, die er als "Bibliothekars-Roboter" bezeichnet, sorgt dafür, dass Weihnachtsbücher erst ab November, und Gartenratgeber ab März in den Regalen stehen. Jedes Buch das zwei Jahre lang nicht ausgeliehen wurde, wird ausgemustert.

Im 1. Stock ist gut was los, das hört man bereits von Weitem: Es gibt ein großes Spielland für Kinder. Auch hier stehen die Bücherregale eher am Rand, kaum jemand scheint sich für sie zu interessieren, stattdessen ist Toben angesagt: "Stille in einer Bücherei, das war gestern", sagt der Büchereidirektor.

Treffpunkt für ganz unterschiedliche Menschen

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Die Studenten Christian (links) und Martin genießen die besondere Atmosphäre im DOKK1: Hier könnten sie lernen und seien trotzdem mitten im Leben, sagen sie

Wenige Meter entfernt  sitzen aber tatsächlich Menschen, die Bücher ausgeliehen haben: Zahlreiche Studierenden haben Laptops aufgebaut und Bücher aufgetürmt. Zum Beispiel Christian und Martin, beides angehende Ingenieure: "Es ist einfach eine besondere Atmosphäre hier: Es ist ruhig genug zum Lernen, aber irgendwie ist man auch mittendrin im Leben", sind sich beide einig. Es gibt Schreibtische, Gratis-WLAN und, wenn man sie denn braucht, eben auch Bücher. Die beiden jungen Frauen am Nachbartisch haben sich auch Fachliteratur ausgeliehen: Birdy und Nanne schreiben Bewerbungen. Eine der beiden hat ihre Kinder dabei, sie toben im Spielbereich: "Ich kann hier alles super miteinander kombinieren", sagt sie.

Dann ertönt ein lauter Gong im gesamten DOKK1. Einige zucken kurz irritiert zusammen. Rolf Hapel erklärt: "Das ein Kunstwerk im oberen Stock: Jedes Mal wenn in Aarhus ein Baby zur Welt kommt, erklingt es."

Eintritt auch außerhalb der Öffnungszeiten

Im DOKK1 müssen sich die Nutzer nicht an feste Öffnungszeiten halten. In den frühen Morgenstunden und am Abend können sie das Gebäude ganz einfach mit ihrer Gesundheitskarte öffnen und alles nutzen, was sie möchten. Die Ausleihe funktioniert dann voll automatisch. Aber auch bei diesem Konzept der "offenen Bücherei" geht es natürlich nicht nur ums Ausleihen: "Viele Vereine nutzen diese Möglichkeit um sich hier Abends zu treffen, Theatergruppen proben oder es werden Workshops veranstaltet", erläutert Büchereidirektor Hapel.

500.000 Besucher in den ersten Monaten

Offenbar wird das Konzept gut angenommen: Eine halbe Million Besucher hatte das DOKK1 in den ersten Monaten. Doch was ist an dem futuristischen Bau noch Bücherei, was Eventtempel? "Ich könnte mir vorstellen, dass wir in zehn Jahren noch weniger Bücher hier haben", sagt der Direktor. Kinderbücher und Bildbände werden seiner Meinung nach nicht digital zu ersetzen sein, aber alle andere Literatur könnte theoretisch weg, wenn sie niemand leiht: "In Bibliotheken werden künftig die Menschen im Mittelpunkt stehen, nicht mehr die Bücher", ist er sicher.

Ist das DOKK1 also die Bibliothek der Zukunft? "Ich würde eher sagen, die Bibliothek der Gegenwart", sagt Hapel lächelnd: "Schließlich steht sie ja schon hier, und Sie sehen, wie lebendig sie ist."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.10.2015 | 09:20 Uhr

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