Stand: 09.08.2017 11:51 Uhr

Kunst, um den eigenen Horizont zu verlassen

von Heide Soltau

Auf Kampnagel beginnt in Hamburg das Internationale Sommerfestival, eine Veranstaltungsreihe mit einer langen Tradition. Das Festival gibt es bereits seit über dreißig Jahren. Präsentiert werden in den kommenden drei Wochen Veranstaltungen aus dem Bereich Tanz, Theater und Performance, aber auch Konzerte, Partys und Publikumsgespräche. Zum Teil draußen am Kanal unter alten Bäumen.

Bis zur letzten Minute wird noch auf Kampnagel geprobt. Kurz vor einer Premiere stehen Künstler immer unter Dampf. Umso mehr, wenn eine Weltpremiere auf dem Programm steht wie bei der Gruppe Socalled and Friends aus Montreal, die ihr neues Musical "The 2nd Season" präsentieren. Ein fröhlich-verrücktes, fantastisches Stück mit Live-Musik, Puppenspiel, Video und Tanz.

"Die ganze Stimmung von diesen großartigen Künstlern ist schon ganz inspirierend", schwärmen Jessica Nupen und Marcello Donyo - sie aus Südafrika, er aus Argentinien und beide in Hamburg ansässig. Spiritus Rector der Truppe ist der Musiker, Komponist, Cartoonist und Zauberer Josh Dolgin, der diesmal auch den berühmten Jazz-Posaunisten Fred Wesley mit ins Boot geholt hat. Sie erzählen von Waldtieren, die in der Stadt leben müssen, weil die Bäume abgeholzt wurden, und von einem kleinen roten Bär, der seinen Vater sucht. "Es geht in 'Honey And Money', um Sucht, um Gemeinschaft, um Einsamkeit, ganz viel Ironie und Sattheit", erklärt Nupen. Trotzdem sei es schön gemacht und man spüre die Botschaft, die tief berühre.

Darbietungen auf Weltniveau

Berühren will auch der schottische Choreograph Michael Clark - mit Tänzern vor einer Lichtkulisse zur Musik von Erik Satie, Pattie Smith und David Bowie. Festivalleiter András Siebold ist es gelungen, die Deutschlandpremiere der gefeierten Londoner Inszenierung nach Deutschland zu holen. "Das ist wirklich Tanz auf Weltniveau", schwärmt er: "Clark durchdringt Popkultur mit Ballett in einer Art und Weise, die zumindest in London die Leute wirklich von den Sitzen gehauen hat."

Michael Clark wagt den Spagat zwischen verschiedenen Künsten. Er hat auch schon die Tate Modern in London mit einer Tanzperformance bespielt, mit Modedesignern kooperiert und arbeitet bis heute mit dem Videokünstler Charles Atlas zusammen.

Kunstgenuss in mehrfacher Hinsicht

Das sei eine Entwicklung, die das Festival seit Jahren suche und forciere: "die Überschneidungen von Künsten, das Neue, das entsteht, wenn man seinen eigenen Horizont verlässt", erklärt Siebold.

Den eigenen Horizont verlassen - das könnte als Motto über dem diesjährigen Internationalen Sommerfestival stehen. Ein Trend, der sich auch auf der Biennale in Venedig beobachten lässt, wo die Performerin Anne Imhof den deutschen Pavillon bespielt. Auf Kampnagel hat die Kubanerin Tania Bruguera eingeladen, eine bildende Künstlerin, die das "Endspiel" von Samuel Beckett in einem von einem weißen Stoff umschlossenen Turm inszeniert. Die Zuschauer folgen dem Stück auf einem Gerüst, indem sie ihre Köpfe durch Schlitze in dem Stoff stecken und von oben auf die Darsteller herabblicken. So werden sie Teil eines unheimlichen, surrealen Bühnenbilds.

Zwischen den Tänzern hindurchlaufen

Auch die Choreografin Eszter Salamon integriert das Publikum in ihre Inszenierung. Sie zeigt ihre Tanzperformance im Museum für Kunst und Gewerbe, wo Tänzer den ganzen Tag über Volkstänze aus außereuropäischen Regionen zeigen. Das sei eine irre Ausstellungserfahrung, weil die Zuschauer zwischen den Tänzern durchlaufen können, beschreibt András Siebold die Performance.

Irre Erfahrungen erwartet das Publikum auch im Garten am Kanal, verspricht er außerdem. Den Avant-Garten, wie er genannt wird, gestalten in diesem Jahr Juan Dominguez und Arantxa Martinez mit einem eigenen Programm, einem kleinen Sonderfestival. "Da werden lebende Skulpturen sein, da werden am Wochenende immer um Mitternacht Aufführungen stattfinden. Zum Teil Filmvorführungen, Konzerte, es gibt richtige Bühnenstücke von Künstlern, die wir natürlich nicht verraten."

Maskottchen "geistert" durch die Stadt

Juan Dominguez geistert bereits durch die Stadt, als eine Art Festivalmaskottchen, oder besser: als Spitzenkandidat. Denn um Politik wird es natürlich auch gehen. In der Schanze zum Beispiel steht ein Container des Konzeptkünstlers Jimmy Cauty, der im Inneren eine von Aufständen zerstörte Ministadt beherbergt. Da kann hineinschauen, wer will. Kostenlos versteht sich.

 

Kunst, um den eigenen Horizont zu verlassen

Schon seit über 30 Jahren gibt es das Kampnagel Sommerfestival. In den kommenden drei Wochen bietet es wieder Tanz, Theater, Performance, Konzerte, Partys und Publikumsgespräche.

Datum:
Ende:
Ort:
Kulturfabrik Kampnagel
Jarrestraße 20
22303  Hamburg
Telefon:
(040) 270 949 49
E-Mail:
tickets@kampnagel.de
Öffnungszeiten:
Kasse geöffnet Mo bis Sa 16.00 - 19.00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 09.08.2017 | 10:50 Uhr

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