Stand: 17.02.2016 18:25 Uhr

"Sie sehnen sich nach etwas Würde"

Die Gegenwehr zu Angela Merkels humanitärem Kurs "Wir schaffen das" wird immer stärker. Trotzdem gibt es sie immer noch: die Helfer, die Freiwilligen, die fest entschlossen sind, Menschen, die vor Gewalt und Krieg geflohen sind, zu helfen. Eines von vielen Projekten existiert in Uelzen: Seit drei Monaten werden Flüchtlinge am Bahnhof Uelzen in Empfang genommen - auch von der Buchautorin und Publizistin Hilal Sezgin.

NDR Kultur: Frau Sezgin, wahrscheinlich kommen Menschen aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Vorstellungen zu Ihnen. Können Sie trotzdem beschreiben, wer nachts am Bahnhof ankommt?

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"Man fühlt sich besser, wenn man im Rahmen der eigenen Möglichkeiten versucht zu helfen", sagt Hilal Sezgin.

Hilal Sezgin: Wir kümmern uns um die Menschen, die nach Mitternacht mit den letzten Zügen nach Uelzen kommen. Der Bahnhof hat dann zu, die Toiletten haben zu und bis fünf Uhr morgens nehmen wir sie auf, betreuen sie und versuchen sie zu versorgen. Die Bahnhofsmission hat uns ganz schnell einen Raum angeboten.

In letzter Zeit sind es Syrer, Iraker und Afghanen - andere werden oft gar nicht mehr an den Grenzen durchgelassen. Die Menschen haben eines gemeinsam: Sie sind alle wahnsinnig erschöpft, die Hälfte der Kinder ist krank. Sie sind viel zu dünn angezogen, haben kaputte Schuhe, manchmal keine Strümpfe mehr. Sie sehnen sich nach etwas Würde. Wir haben inzwischen eine kleine Kleiderkammer aufgebaut.

Manche wollen Suppe, manche schlafen am Tisch ein und manche freuen sich, endlich mal wieder duschen zu können, sich zu rasieren. Sie wollen wieder zivilisiert unter menschliche Augen treten. Alles, was sie brauchen, ist kurz aufzutanken, kurz durchzuschnaufen.

Wir haben zufällig im Internet davon erfahren, dass bis dahin Menschen in der Unterführung geschlafen haben, weil der Bahnhof zu ist. Es gibt keine Infrastruktur, keine offizielle Hilfe.

Sie sagen, Sie bekommen keine öffentliche Hilfe. Wie finanzieren Sie das Ganze?

Sezgin: Wir bekommen Hilfe von der Diakonie, wir brauchen Freiwillige für die Nachtschichten. Sie reisen aus Göttingen, Hamburg und Hannover an. Wir müssen viel Geld ausgeben für Strümpfe, Unterhosen - wir rufen zu Spenden auf. Aber von der Stadt bekommen wir kein Geld.

Das klingt anstrengend - auch wenn Sie diese kleinen Erfolgserlebnisse haben. Warum machen Sie das? Ist das Pflichtbewusstsein, ist das Nächstenliebe? Vielleicht haben Sie einen moralischen, ethischen Anspruch?

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Sezgin: Es ist alles. Eigentlich haben es die Wiener vorgemacht: Sie haben gehört, da kommen Flüchtlinge in Zügen, die durstig und hungrig sind - und haben ihnen Wasser und Essen gegeben.

Wir haben gesagt: Wir können es nicht zulassen, dass diese Menschen draußen auf den Bahnsteigen liegen. Wir haben sofort mit der Stadt, der Bundespolizei, dem Deutschen Roten Kreuz gesprochen und haben gedacht, dass spätestens nach drei Tagen das DRK ein Zelt aufschlagen und uns alles aus der Hand genommen wird - aber es ist nichts passiert. Das ist ein totales Rätsel. Das beobachten Helfer in anderen Teilen Deutschlands auch. Da steht man alleine mit seinen moralischen Vorstellungen.

Sie beschäftigen sich auch mit Moral, mit Philosophie. Hat Ihr Engagement nicht vielleicht auch etwas damit zu tun?

Sezgin: Das bin ja nicht nur ich, sondern es sind Leute aus ganz unterschiedlichen Schichten. Man muss sich entscheiden: Es gibt so viel Elend - wollen wir immer wegsehen und dabei dieses schlechte Gewissen haben? Wir wissen, dass dieses Elend sehr nahe gekommen ist in den letzten Monaten. Man fühlt sich besser, wenn man das Elend der anderen nicht immer versucht zu verdrängen, sondern wenn man die Sache in die Hand nimmt und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten versucht zu helfen. Ich denke, da würden die meisten Menschen auch zustimmen.

Die Politik in Europa und in Deutschland beginnt sich zu verändern: Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei fordern, die Balkanroute für Flüchtlinge abzuriegeln. Angela Merkel hat Rückendeckung für ihren Kurs von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker bekommen. Wird sie sich in den kommenden Tagen durchsetzen können - wie ist Ihre Prognose?

Sezgin: Ich hoffe es sehr. Es geht aber nicht weit genug: Sogar das, was Merkel versucht durchzusetzen, lebt immer noch davon, dass die Menschen über das Meer fliehen. All das könnte man den Menschen ersparen. Wir sehen, dass jetzt noch mehr Frauen mit Kindern kommen, weil sie denken, dass sie sonst nicht mehr reinkommen - und das ist gefahrvoll. Ich wünsche Frau Merkel alles Glück für das, was sie vorhat, aber es wird immer noch nicht reichen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.02.2016 | 19:00 Uhr

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