Stand: 30.03.2016 21:29 Uhr

Schüler machen Mega-Theater mit Mini-Budget

"Herr Lehnhardt, so wird das nix mit den Vorhängen!" Mit den Händen in den Hüften, steht die Hausmeisterin der Hamburger Gyula Trebitsch Schule in der Pausenhalle. Lehrer Marius Lehnhardt - Kapuzenpulli, Schiebermütze, Brille - schaut stirnrunzelnd auf die schwarzen Stoffbahnen. Sie hängen an dünnen Haken in der Decke - und geben sichtlich der Schwerkraft nach. "Ja, Mist, die kommen runter. Ich fahr gleich mal zum Baumarkt und besorge 'ne stabilere Befestigung", sagt der 35-Jährige, einen Anflug von Nervosität in der Stimme. "Hoffentlich reicht unser Geld."

Seit knapp zwei Wochen ist ein Teil der Pausenhalle mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Der Ort, an dem die Schüler sonst ihre Brote essen, wird zur Bühne eines gigantischen multimedialen Projekts umgestaltet, an dem der Schulnamenspate, Filmmogul Gyula Trebitsch, seine Freude gehabt haben dürfte. "Col.Gata - Dein Leben für ein Lächeln" heißt das Stück, eine Mischung aus Theater, Film und Musical. Mehr als 300 Schüler und Lehrer der Stadtteilschule haben knapp eineinhalb Jahre lang daran getüftelt. Am Mittwoch feierte es eine umjubelte Premiere.

"Col.Gata" entsteht: Szenen eines Großprojekts

Komplett selbst erdacht und gemacht

"Col.Gata" ist in jeder Hinsicht eine Eigenproduktion: So hat Marius Lehnhardt die Musik geschrieben, sein Vater Thomas - Lehrer in Pension - das Drehbuch. Über die futuristischen Kostüme der Darsteller bis hin zum goldbesprühten Joghurtbecher im Bühnenbild ist alles selbst erdacht und gemacht. Spektakulär wird die Aufführung durch auf große Leinwände eingeblendete Filmszenen, die Kulisse und Handlung ergänzen.

Parabel von der Verpflichtung, glücklich zu sein

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Col.Gata - Dein Leben für ein Lächeln

Eine Gruppe Jugendlicher bewirbt sich für eine Casting-Show - und landet in einer schrecklich positiven Welt. Hier der Trailer des multimedialen Projekts an der Gyula Trebitsch Schule Tonndorf. extern

Das Stück ist eine Parabel auf die Oberflächlichkeit von Selbstdarstellungen im Internet und die Verlockung schnellen Ruhms: Eine Gruppe von Freunden rund um die Hauptfigur Lina bewirbt sich um eine Casting-Show und landet in einem Reich namens "Col.Gata". Dessen Bewohner sind zu Fröhlichkeit verpflichtet und werden von düsteren Mönchen überwacht. In dieser schrecklich schönen Welt nehmen die Jugendlichen an mehreren "Challenges" teil - Herausforderungen mit tödlichem Ausgang für die Verlierer. "Im Grunde geht es bei Col.Gata um den traurigen Schein des oberflächlichen Glücks", sagt Marius Lehnhardt.

Wer hat die tieferen Augenringe?

Das Gegenteil von Oberflächlichkeit und die Bedeutung ganz realer sozialer Netzwerke erleben die Mitwirkenden an dem Projekt. "Ich weiß nicht, an wie vielen Wochenenden wir hier waren", überlegt Musikexperte Lehnhardt und lacht. Kurz vor der Premiere wird jede freie Stunde zum Proben genutzt. "Na, wer hat die tieferen Augenringe?" scherzt er mit Regie-Kollegin Eva Breiter. Doch über den Ringen blitzt bei beiden der Spaß an der kreativen Arbeit.

"Erst hatten wir keine Lust, am Wochenende früh aufzustehen"

Auch die Schüler sind mit Elan dabei. Wer bei der Probe gerade nicht an der Reihe ist, schaut noch einmal in den Text, hilft Lehnhardt beim Vorhang-Retten oder verfolgt das Geschehen auf der Bühne. Anfangs seien viele zu spät und albern gestimmt zu den Zusatzproben erschienen, berichtet Hauptdarstellerin Vero, die als Hauptfigur Lina auf der Bühne steht. "Wir hatten keine Lust, am Wochenende früh aufzustehen." Doch das habe sich im Lauf der Zeit grundlegend geändert, das Projekt habe sie mitgerissen. "Wir sind alle ernster und disziplinierter geworden."

Zusammenarbeit verschiedener Gewerke

"Toll finde ich an 'Col.Gata' vor allem die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gewerke und Talente", sagt Lehnhard. "Hier macht nicht einer alles und wurschtelt als Einzelkämpfer vor sich hin, wie sonst so oft bei uns Lehrern." Stattdessen tue jeder das, was er am besten könne - "und am Ende wird es hoffentlich ein Gesamtkunstwerk". So kümmern sich die Teilnehmer der Technik-AG um Dinge wie Nebelmaschine, Licht, Ton und Filmeinspielungen. Kunst-Lehrer haben gemeinsam mit Schülern die Plakate, das Bühnenbild und die Kostüme gestaltet.

Tipps von professionellem Filmemacher

Die Film-AG hat im Vorfeld mit den Darstellern Szenen gedreht, geschnitten und bearbeitet - unter Anleitung von Filmemacher Matthias Sdun, der auch für den NDR arbeitet. Ihn hat die Schule für mehrere Monate engagiert. "Matthias hat in das Ganze eine unglaubliche Professionalität reingebracht und manches Luftschloss entzaubert", sagt Marius Lehnhardt. Denn so groß und ambitioniert die Ideen, so teuer die Technik - und so klein das Budget. Dem Schulverein, der Peter-Mählmann-Stiftung und einem anonymen Spender ist es zu verdanken, dass überhaupt finanzielle Mittel vorhanden sind.

Drehs auf St. Pauli und in Planten un Blomen

Wo wenig Geld ist, ist Kreativität gefragt. Filmexperte Sdun zeigt sich beeindruckt davon, "wie mit viel Fantasie trotz wenig Geld am Ende so etwas wie Hollywood im Kleinformat entstanden ist". Besonders im Gedächtnis ist ihm eine Massenszene geblieben, in der die Darsteller in "Col.Gata" einziehen, während ihnen das Volk zujubelt. Um diese Vorgabe des Drehbuchs filmisch umzusetzen, drehte das Team zunächst in einer Straßenschlucht auf St. Pauli und später mit Hunderten von Schülern in der Turnhalle der Gyula Trebitsch Schule. "Das Ganze haben wir dann zusammengeschnitten und so den Effekt einer riesigen Fantasiestadt erzielt", erzählt Sdun. Eine Paintball-Halle wurde zur Industrieruine, das Tropenhaus von Planten un Blomen zum Dschungel.

"Beste Erfahrung meiner Schulzeit"

Die Schüler sind von Sdun - "ein Megatyp" - und dem Projekt insgesamt schwer angetan. "Col.Gata war für mich wohl die beste Erfahrung meiner Schulzeit, an die ich mich immer erinnern werde", sagt Hauptdarstellerin Vero. Beeindruckt habe sie, wie die Gruppe im Lauf der Zeit zusammengewachsen sei - "wir sind wie eine große Familie". Ob sich das Verhältnis zu den beteiligten Lehrern geändert habe? "Ach, die waren schon vorher unsere Lieblingslehrer", lacht sie. "Und das ist keine Schleimerei!"

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