Stand: 01.06.2017 10:54 Uhr

Schriftsteller Tankred Dorst ist tot

von Jan Ehlert
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Tankred Dorst zählte zu den produktivsten Theaterautoren Deutschlands. 1990 erhielt er den Büchner-Preis.

Der Schriftsteller Tankred Dorst ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in Berlin. Das teilte der Suhrkamp Verlag mit.

Dorst wurde in Oberlind in Thüringen geboren. Seinen ersten großen Erfolg als Theaterautor feierte er in Lübeck: 1960 wurde das Stück "Die Kurve" unter der Regie von Hansjörg Utzerath an den Lübecker Kammerspielen uraufgeführt. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die unter einer gefährlichen Straßenkurve in den Bergen leben und die dort verunglückten Autos wieder instandsetzen. Das Stück wurde 1961 von Peter Zadek mit Klaus Kinski und Helmut Qualtinger verfilmt.

Der Durchbruch kam durch ein Missverständnis

Seinen Durchbruch als Dramatiker verdankte Tankred Dorst allerdings einem Missverständnis. Mit seinem Stück "Toller. Eine deutsche Revolution", in dem Dorst die Münchener Räterepublik zu Zeiten des Schriftstellers und Revolutionärs Ernst Toller wieder aufleben ließ, platzte er mitten in die Studentenproteste des Jahres 1968.

Die Aufführung wurde zu einem politischen Skandal. Völlig unbeabsichtigt, so Dorst: "Ich dachte nicht daran, dass es aktuell sein könnte. Mich interessiert die Figur, mich interessiert die Zeit, aber von der Politik verstehe ich nichts. Ich fühle mich nicht als politischer Mensch, ich habe das Stück eigentlich für mich geschrieben und ich dachte auch nicht, dass das jemand aufführen könnte."

Zwei Stücke pro Jahr

So hat sich Dorst auch danach nicht politisch vereinnahmen lassen. Er blieb geistig unabhängig und, vor allem, produktiv. Zwei Stücke pro Jahr, dieses Ziel hatte er sich selbst schon früh gesetzt. Entstanden sind mehr als 50 Dramen, Drehbücher und Theaterstücke, die von Regisseuren wie Peter Zadek, Jossi Wieler und Dieter Dorn uraufgeführt wurden. Viele Uraufführungen fanden auch in Hamburg statt, unter anderem sein Parzival am Thalia Theater unter Leitung von Robert Wilson 1987.

1990 wurde Dorst für sein Gesamtwerk mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet, dem bedeutendsten Preis für deutschsprachige Literatur. Routine sei das Stückeschreiben trotz hoher Produktivität für ihn nie geworden, so Dorst: "Wenn man zwei, drei Stücke geschrieben hat und die haben sich auf der Bühne bewährt, denkt man: Ich kann das jetzt. Und dann kam etwas anderes auf mich zu und dann merke ich: Ich kann das überhaupt nicht. Ich muss eigentlich mit jedem Stück neu anfangen."

Opus magnum: "Merlin oder das wüste Land"

Und doch gab es bestimmte Muster in Dorsts umfangreichem Oeuvre: Im Mittelpunkt seiner Stücke stand immer der Mensch und fast immer ging es um das Scheitern von Utopien. In "Eiszeit", in dem Dorst den Schriftsteller Knut Hamsun mit dessen Nazi-Vergangenheit konfrontierte, in "Karlos", das die Vereinsamung des spanischen Königssohns beschreibt, und in seinem Opus magnum "Merlin oder das wüste Land", in dem Dorst anhand der Artus-Sage das Scheitern einer gerechten Weltordnung auf die Bühne brachte. "Die Grundvorstellung in Merlin ist, dass die Zivilisation ein dünner Teppich ist über einer steinernen Wüste. Und dass dieser Teppich leicht zerreißt und dann ist das wüste Land eben wieder da", beschrieb Dorst sein Stück.

Der Ring des Nibelungen als Fantasy-Märchen

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Dorsts "Ring des Nibelungen" in Bayreuth, hier mit Lance Ryan als Siegfried, stieß bei der Kritik auf wenig Verständnis.

Im Publikum der Uraufführung von Merlin saß damals auch Wolfgang Wagner, der Dorst gut 25 Jahre später als Regisseur auf den Grünen Hügel nach Bayreuth holte. 2006 inszenierte Dorst dort im Alter von mehr als 80 Jahren den Ring des Nibelungen als Fantasy-Märchen. Eine Idee, die bei der Kritik nur auf wenig Verständnis stieß. Für Dorst galten jedoch Zeit seines Lebens andere Maßstäbe: "Ich denke, die Menschen werden zum wenigsten von der Vernunft beherrscht, sondern sie folgen viel mehr ihrer Fantasie als ihrem Verstand." Nun ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.06.2017 | 12:00 Uhr

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