Stand: 21.01.2016 15:53 Uhr

Lina Beckmann - Die Bauchspielerin

von Katja Weise

Schnell hat sich Lina Beckmann in die Herzen des Hamburger Publikums gespielt. Seit knapp zwei Jahren ist sie eine der Protagonistinnen am Hamburger Schauspielhaus. Auch von der Kritik wird sie seit Jahren hoch gelobt, im vergangenen Jahr gab es gleich mehrere Preise, jetzt kommt ein weiterer dazu: Am Sonntag erhält Lina Beckmann bei einer Gala im St. Pauli Theater den mit 10.000 Euro dotierten Ulrich Wildgruber Preis. Ein Porträt.

Besser als Eva Mattes kann man das, was die Schauspielerin Lina Beckmann ausmacht, kaum zusammenfassen: "Sie spricht mit dem Publikum, als wäre sie die Kassiererin in dem Laden um die Ecke, und gleichzeitig springt sie einen an mit ihrer Strahlkraft und Intensität." Nie wirkt sie abgehoben, immer ist sie ganz da und: Sie kann fast alles spielen. Den Fürsten Myschkin in Dostojewskis "Idiot", einen Roboter in der Ayckbourn-Komödie "Ab jetzt" oder zusammen mit Julia Wieninger das streitlustige Schwesternpaar in Ibsens "John Gabriel Borkman".

Eine gute Figur in jeder Rolle: Lina Beckmann

"Man lässt sich so sehr auf das ein, was man da gerade macht, und sucht so sehr darin, dass ich mir gar nicht so sehr Gedanken mache, was ich suche ich oder was mich interessiert", sagt Beckmann über ihre Arbeit. "Ich gehe einfach so aus Neugier auch an die Regie oder die Geschichte, an das ganze Stück heran. Dass das schönerweise dann so facettenreich ist, ist ja ein Riesengeschenk, was mir vom Theater da gemacht wird." Bescheiden ist Lina Beckmann also auch. Aber vielleicht lernt man das, wenn man mit vier Geschwistern aufwächst, von denen drei übrigens ebenfalls am Theater sind.

Kindheit in der "Villa Kunterbunt"

Bild vergrößern
Die Schule war für Lina Beckmann ein notwendiges Übel.

Von ihrer Kindheit im Ruhrgebiet schwärmt die 1981 in Hagen geborene, große, rotblonde Schauspielerin immer wieder. Wild und kreativ sei es zugegangen in der "Villa Kunterbunt" der Familie. Die Schule hingegen war für Lina Beckmann ein notwendiges Übel. Wohl fühlte sie sich dort erst, als sie bei einer Schulaufführung spielen durfte: "Ich habe nie etwas gehabt, bei dem ein Lehrer oder ein Kollege oder was weiß ich wer gesagt hat: Du, das ist aber toll, das kannst du besonders gut. Oder dass ich in mir gemerkt habe: Oh, Mathematik flutscht aber! Wirklich nur beim Theaterspielen war es so, dass man auf einmal nicht die verträumte Suse da in der Ecke war, sondern etwas konnte, das man gut konnte, und was mir aber auch Spaß gemacht hat."

Und dieser Spaß überträgt sich. Das Spiel von Lina Beckmann zeichnet sich durch große Präsenz aus, selbst, wenn sie nicht im Zentrum des Geschehens steht. Als Sonja in Tschechows "Onkel Wanja" stiehlt sie Charly Hübner, der die Titelfigur spielt, fast die Schau. Die beiden sind oft zusammen auf der Bühne zu erleben, kein Wunder, sind sie doch auch privat ein Paar. Lina Beckmann genießt vor allem das gemeinsame Proben: "Das stärkt einen oft auch. Beim 'Idiot' war ich oft sehr erschöpft während der Vorstellung. Das ist so irrsinnig anstrengend. Wenn der kurz nur während der Pause mir den Rücken streichelt oder mir ein Wasser gibt, das ist irgendwie sehr schön."

Bauchspielerin mit direktem Zugang zu den Figuren

Auch in Karin Beiers Inszenierung "Schiff der Träume", Premiere war im Dezember, spielen sie zusammen. Als sprachlich überforderte Servicekraft As(ch)trid Kleist hat Lina Beckmann die Lacher von der ersten Minute an auf ihrer Seite. Lina Beckmann kann klein und ganz groß spielen; mit instinktsicher gesetzten Hasplern den Saal zum Lachen bringen oder - wie in Karin Beiers Eröffnungsmarathon "Die Rasenden" - zum Weinen, wenn sie ihren Schmerz über ein verlorenes Kind hinausschreit. Sie ist eine Bauchspielerin, mit einem direkten Zugang zu ihren Figuren. Stellt sich der mal nicht sofort ein, ist sie "über dieses Gefühl so wütend, dass ich so lange suche, bis ich etwas mit der Figur anfangen kann, weil ich es so schade fände, wenn mir das durch die Lappen geht. Aber das passiert natürlich immer wieder. Das ist auch Theater, dass man denkt, ich hab's nicht erwischt oder ich konnte nichts finden." Bisher hat sie jedoch, zum Glück, fast immer etwas gefunden.

Über den Ulrich-Wildgruber-Preis

Der Ulrich-Wildgruber-Preis wird seit neun Jahren beim Treffen des Förderkreises des St. Pauli Theaters mit Unterstützung der Nordmetall-Stiftung am letzten Januar-Wochenende verliehen. Er ist mit 10.000 Euro und einer 41 Zentimeter hohen Bronze-Statuette dotiert, die den Schauspieler Ulrich Wildgruber zeigt. Der Preis soll "in Erinnerung an einen der außergewöhnlichsten Schauspieler des deutschen Nachkriegstheaters [...] eigenwillige Begabungen fördern, die in einer Welt von geklonten Fernsehgesichtern besonders aufgefallen sind und ihnen helfen, geradlinig und kompromisslos ihren Weg fortzusetzen." Preisträger der vergangenen Jahre sind etwa Friederike Brecht (2015), Fabian Hinrichs (2014), Brigitte Hobmeier (2013) und Caroline Peters (2012).

Weitere Informationen

Laut und überdreht: "Rose Bernd" in Hamburg

02.10.2017 19:00 Uhr

Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd" ist ein Plädoyer gegen die männliche Dominanz. Regisseurin Karin Henkel plustert es in Hamburg jedoch zum Menschheitsdrama auf. Das geht nicht auf. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 21.01.2016 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

02:53

Russische Premiere für Zarenfilm "Matilda"

23.10.2017 09:20 Uhr
NDR Kultur
55:26

Jazz NDR Bigband: João Bosco & NDR Bigband

22.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info