Stand: 02.04.2015 17:31 Uhr

Schätze in der jüdischen Bibliothek

von Sven Barske

"Es ist ein kleines Wunder", erzählt Gabriele Beger begeistert. Die Direktorin der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek spricht von der Rettung der Bibliothek der jüdischen Gemeinde Hamburgs. Die Nazis hatten 1938 die einzigartige Sammlung von Judaika beschlagnahmt und nach Berlin geschickt. Eigentlich hätte das ihr Ende bedeutet. Doch der zuständige Beamte war krank und so wurden die Bücherkisten eingelagert. Nach dem Krieg erhielt die jüdische Gemeinde in Hamburg dann ihre Bibliothek fast unversehrt zurück.

Einblick in ein kulturelles Gedächtnis

Doch erst jetzt hat die wissenschaftliche Erschließung und Restaurierung des Bücherschatzes begonnen. Dafür konnte die Staats- und Universitätsbibliothek 320.000 Euro an Spenden und staatlichen Geldern zusammensammeln. "Wir haben zwei externe Gutachter beauftragt, um einschätzen zu können, wie wertvoll diese große Buchsammlung für die Wissenschaft ist", erzählt Beger. "Und die sind jedes Mal fast mit einem Freudenschrei aus der Besichtigung gekommen."

Leihbücherei vor allem mit zeitgenössischer jüdischer Literatur

3.000 der rund 13.000 Bände schätzten die Gutachter als äußerst wertvoll ein: einmalige Erstausgaben, illustrierte Prachtbibeln und Werke des 17. Jahrhunderts. Die jüdische Gemeinde hatte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Leihbücherei für ihre Mitglieder zusammengestellt, die zunächst wohl vornehmlich aus Romanen und zeitgenössischer jüdischer Literatur bestand. Im Laufe der Zeit kamen dann durch Schenkungen viele historische Bücher hinzu - vor allem in der NS-Zeit, als jüdische Auswanderer und Thora-Schulen ihre Bibliotheken stifteten. Von ihnen erzählen heute noch die Gebrauchsspuren, die Stempel und Inhabervermerke in den Büchern.

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Alle Titel, Druckorte und Autorennamen werden erfasst

Die Judaistin Susanne Marquardt untersucht jedes der Bücher genau. Sie erfasst die Buchtitel, Druckorte, Autorennamen und viele weitere Einzelheiten in einer internationalen Datenbank. In drei Jahren will sie fertig sein und zusammen mit einer Kollegin alle 13.000 Bände durchgearbeitet haben. "Diese Bücher sind wirklich etwas ganz Besonderes. Ich freue mich jeden Morgen auf meine Arbeit", erzählt sie und beugt sich über eine voluminöse Handschrift, dicker als zwei Hamburger Telefonbücher übereinander. Es ist ein Gebetbuch aus dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert. Das Vorsatzpapier ziert ein Aquarell: Moses und Aaron vor einem Portal mit hebräischen Buchstaben. "Seder ha-Tefilot schel Schabbat", liest die Wissenschaftlerin vor. "Das heißt: Die Ordnung der Gebete des Schabbat. Das Buch gehörte der neuen Synagoge der Gemeinde von Altona."

Bücher müssen restauriert werden

Nicht alle Bücher sind in so gutem Zustand wie dieses mit seinen widerstandsfähigen Seiten aus Pergament. Durch die unsachgemäße Lagerung während des Krieges zeigen einige Bände Schimmelbefall auf. Andere sind durch das Alter brüchig oder haben irgendwann ihren Einband verloren. Für die Restauratoren ist das eine Aufgabe, mit der sie im Laufe der nächsten Wochen anfangen wollen. Die ersten beiden Jahre der Erschließung und Restauration sind finanziert. Für das dritte fehlen noch 130.000 Euro. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, steht die Bibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 07.04.2015 | 19:00 Uhr

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