Stand: 22.02.2016 17:50 Uhr

Schorlemmer: "Nicht aus der Verantwortung stehlen"

In Bautzen applaudieren Schaulustige beim Brand einer Flüchtlingsunterkunft. In Clausnitz blockieren rund 100 Menschen einen Flüchtlingsbus. Beschämend, kaltherzig und feige - so verurteilte Bundeskanzlerin Angela Merkel die fremdenfeindlichen Vorfälle.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz sagte: "Da läuft etwas sehr verkehrt in Sachsen". Aber ist das nicht zu einfach? Auch anderswo in Deutschland haben Flüchtlingsunterkünfte gebrannt. Und wenn Sachsen doch ein Sonderfall ist, woran liegt das?

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer kritisiert in diesem Zusammenhang die mangelnde Berichterstattung über Gegendemonstrationen und vermisst die Stimme der Kirchen.

NDR Kultur: Herr Schorlemmer, würden Sie Frau Özoguz zustimmen, läuft da tatsächlich "etwas sehr verkehrt in Sachsen"?

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Der evangelische Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer wurde vielfach für sein Engagement ausgezeichnet, unter anderem 1993 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Friedrich Schorlemmer: In Sachsen ist es konzentrierter. Aber es trifft nicht nur auf Sachsen zu. Wir können uns nirgendwo aus der Verantwortung stehlen. Aber die Sachsen haben es besonders schwer. Manches kann man erklären, aber man darf durch Erklärung nicht etwas billigen wollen. Das, was dort geschieht, ist für die Demokratie überhaupt nicht akzeptabel. Hier müssen alle demokratischen Kräfte zusammen stehen, damit sich ein solches Denken, ein solcher Hass nicht weiter verbreitet.

Immer wieder wird behauptet, Sachsen sei ein Sonderfall. Insbesondere Dresden habe jahrzehntelang nur wenig Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen gehabt. Kann man das, 25 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch so sagen? Oder warum tut sich der Osten so schwer?

Schorlemmer: Ich würde es auf keinen Fall bei Dresden festmachen. Sie kommen aus dem ganzen Umkreis, das sind nicht die Dresdener insbesondere. Die Dresdener sind tief traurig, dass sie jetzt mit denen identifiziert werden. Ich war schon zwei Mal auf Pegida-Demonstrationen - da muss man sich eine Woche lang erholen von dieser Hass-Energie, die man dort spürt, und von dieser sich selbst ihrer Dummheit nicht bewussten Dummheit. Bei den Demonstranten kommen merkwürdige Verlustängste auf, nach dem Motto: Die Fremden nehmen uns etwas weg. Es mischt sich ein Verliererzorn mit irrationalen Verlustängsten.

Wenn die Gegendemonstranten zu Tausenden kommen, wird darüber nur kurz oder gar nicht berichtet, sofern es keinen richtigen Zoff gegeben hat. Leider wird auch durch die Berichterstattung die Skandalisierung verstärkt und nicht beruhigt.

Kommentar

Sachsen muss sein Problem endlich anpacken!

22.02.2016 17:08 Uhr
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Immer wieder kommt es in Sachsen zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen - zuletzt in Clausnitz und Bautzen. Warum ausgerechnet in Sachsen? Ein Kommentar von Uta Deckow. mehr

Von einer Schande für das Land spricht heute Sachsens Ministerpräsident Tillich. In der aktuellen "Spiegel"-Ausgabe hat er sich auch geäußert und fragt: Warum stellen sich so wenige Menschen Pegida entgegen? Wo sind die Kirchen, die Gewerkschaften, die Unternehmer und Künstler? Herr Schorlemmer, machen die Kirchen zu wenig?

Schorlemmer: Ich kenne viele engagierte Mitchristen - schon aus der Zeit vor 1989 -, die zu denen gehören, die unter der Überschrift "Sachsen ist bunt, nicht braun" mitgehen. Sie schreiben aber nicht dran, welche Funktion sie haben. Die evangelische Kirche definiert sich nicht über die Kirchenoberen, sondern über das Priestertum aller Gläubigen. Und es sind sehr viele Christen unter den Gegendemonstranten. Aber das Wort der Kirche hier im Osten vermisse ich schon sehr.

Ende der 80er-Jahre war die Rolle der Kirche bei der friedlichen Revolution so stark. Woran liegt das, dass die Kirche sich jetzt weniger äußert? Ist man müde geworden, um sich gegen Unrecht, gegen Fremdenhass zu wehren?

Schorlemmer: Das, was die Kirchen tun, ist nicht skandalisierbar. Und viele wollen auch nicht in einen Straßenkampf hineingeraten. Wenn man eine NPD- oder eine Pegida-Demonstration miterlebt hat, sagt man sich: Das ist nicht meine Kultur, da will ich nicht mit dabei sein. Und dem sich so entgegenzustellen, dass es auch zu Gewalt kommt, das wollen viele nicht. Sie machen ihre positive Arbeit mit den Asylbewerbern, sie nehmen sie in ihre Familien auf. Ich erlebe das in Wittenberg, in Halle, in Magdeburg, in Erfurt. Überall gibt es solche positiven Aktivitäten, sie finden aber keine mediale Aufmerksamkeit. Insofern kann auch ein falsches Bild entstehen, als ob die Kirchen jetzt träge und faul geworden wären.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 22.02.2016 | 19:00 Uhr

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