Stand: 19.12.2016 11:17 Uhr

Rostocker Kunsthalle erinnert an die "Sibylle"

von Dagmar Amm

Der Ansturm am Eröffnungsabend hat alle Erwartungen übertroffen. "Sibylle - die Ausstellung", das jüngste Projekt der Rostocker Kunsthalle, wurde geradezu überrannt. Mode in der DDR? Individuell, gar avantgardistisch? Gab es das? Modefotografie zwischen bröckelndem Putz und auf Industriebrachen? Will man das sehen? Das Publikum der Rostocker Kunsthalle wollte das. Mit größtem Vergnügen hat es 39 Jahre Geschichte der bekanntesten DDR-Modezeitschrift - der "Sibylle" - Revue passieren lassen.

Modefotografie zweier Frauen

"Sibylle" - Frauenmode made in DDR

Nordmagazin -

Die "Sibylle" war die Modezeitschrift in der DDR, Inspirationsquelle und Kultobjekt. Eine Ausstellung in Rostock widmet sich derzeit den Kreationen der Ost-Modemacher.

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"Sibylle" - das war ein eher weibliches Produkt. Das Publikum des Eröffnungstages spiegelt das - ebenso wie die Models auf den gut 300 ausgestellten Fotografien. Dafür sind nur drei Fotografinnen unter den 13 Künstlern, die die Models in Szene gesetzt haben. Das konnte man erwarten - die Überraschung folgt an anderer Stelle. Nicht nur für Claudia, die mit ihren 20 Jahren zum ersten Mal einen Blick in und auf die "Sibylle" wirft: "Ich dachte, ich würde mich für die Mode auf den Bildern interessieren , aber nun, da ich die Ausstellung gesehen haben, muss ich sagen, dass ich die Bilder an sich und die Models viel, viel ausdrucksstärker finde". Für Gerda Brand ist der Gang durch die Ausstellung auch einer durch ihre Vergangenheit. Die "Sibylle" hat sie begleitet: "Es war ja nicht nur die Mode. Es waren ja sehr viele interessante Beiträge und auch die Bilder. Die Fotografien waren einzigartig", schwärmt sie noch heute.

"Der" Traumjob für DDR-Fotografen

Für die "Sibylle" fotografieren zu dürfen - das war für viele Fotografen in der DDR ein Traum. Erfüllt hat er sich unter anderem für Ute Mahler. Sie weiß, dass sie von Anfang an Qualität lieferte. "Sibylle Bergemann, die schon für die Zeitschrift fotografiert hat, die hat Bilder von mir mitgenommen und gesagt: 'Guckt euch mal die Arbeiten dieser jungen Fotografien an.' Dann habe ich die erste Serie fotografiert, die war gut und dann war ich drin."

Die Symbolsprache schöner Bilder

Jede Zeitschrift verfolgte in der DDR einen festen Zweck. Die "Sibylle" sollte den Menschen guten Geschmack beibringen. Ute Mahler ist bis heute davon überzeugt, dass die das gar nicht nötig hatten: "Auch heute werden besonders gute, geheimnisvolle, tiefe Fotos erkannt und geliebt. Das war damals auch so. Die Leserinnen haben auch gespürt, wenn wir in Symbolen gesprochen haben."

Die verschlüsselte Bildsprache barg das Risiko, der Zensur zum Opfer zu fallen. "Sehen denn unsere Menschen wirklich so aus?" sei eine Standardfrage gewesen, erinnern sich die Fotografen. Rückblickend relativiert sich manches, sagt Ute Mahler: "Wir haben immer versucht, die Grenze zu überschreiten: Heute bin ich stärker. Heute sind sie stärker. - Im Nachhinein ist es rührend."

Models auf der Straße angesprochen

Auch andere Aspekte der Modefotografie waren besonders in der DDR. Rudolf Schäfer erinnert sich mit großem Vergnügen daran, wie er seine Models fand: "Manchmal bin ich einfach ins Café gegangen oder war auf der Straße. Denn es gab ja keine Casting-Agenturen. Eigentlich war es fast ein bisschen privat." Rudolf Schäfer ist mit 23 Jahren "Sibylle"-Fotograf und hatte bei seiner Suche einen Spruch parat: "Wir arbeiten bei der 'Sibylle'. Hast du Lust mitzumachen." - So einfach ging das, meint er. Es hat nie jemand abgelehnt.

Barbara Wandelt war eines der Models, die auf diese Weise zur "Sibylle" kamen. Günter Rössler hat sie entdeckt und auch sie zögerte keinen Augenblick mit der Zusage. "Günter Rössler war ja ein ganz bekannter Fotograf schon. Ich war 15 1/2 und dann hat er mit mir Probeaufnahmen gemacht. Das ging dann auch recht schnell los. Ich habe meine Lehre als Textilverkäuferin beendet. Aber da wollte ich ja auf keinen Fall bleiben."

Auch die Ortswahl war ein Abenteuer

Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur

Gebundene Ausgabe
336 Seiten
Hartmann Projects Verlag
Auflage: 1, 16. Dezember 2016
ISBN-13: 978-3960700074
Preis: 39,80

Wie die Suche nach Models war auch die Suche nach den Orten für ihre Fotografie Improvisation pur, erinnert sich Ute Mahler: "Wir durften natürlich nicht überall hin, wo wir hinwollten. Einmal im Jahr durfte einer der sieben, acht Kollegen, die für die 'Sibylle' gearbeitet haben, ins Ausland. Oder einmal im Jahr an die Ostsee, aber dann, weil jemand jemanden gut kannte, bei dem man übernachten kann."

Arbeitsalltag für Fotografen und Models und der Blick an der Mode vorbei auf das Land, das sie umgab - diese Aspekte verweben sich in der Ausstellung über 39 Jahre "Sibylle". Wer sich mit ihnen näher befassen möchte, dem hilft auch das Buch weiter, das zusammen mit der Ausstellung entstanden ist.

"Sibylle" - die "Vogue" des Ostens

Rostocker Kunsthalle erinnert an die "Sibylle"

Das jüngste Projekt der Rostocker Kunsthalle wurde bei seiner Eröffnung geradezu überrannt. Das Ausstellungshaus präsentiert 39 Jahre Geschichte der bekanntesten DDR-Modezeitschrift - der "Sibylle".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle Rostock
Hamburger Straße 40
18069  Rostock
Telefon:
(0381) 381-7000 (Sekretariat), 0381 381-7008 (Kasse)
E-Mail:
kunsthalle(at)rostock.de
Preis:
8 Euro, ermäßigt 6 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 11 - 18 Uhr
Montag geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.12.2016 | 19:00 Uhr

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