Stand: 24.07.2017 18:09 Uhr

"Die Furcht vor dem Wort ist sehr groß"

Ausgerechnet am Tag der Pressefreiheit in der Türkei hat in Istanbul der Prozess gegen 17 Mitarbeiter der Zeitung "Cumhuriyet" begonnen. Man wirft ihnen vor, terroristische Gruppen unterstützt zu haben. All das gehört zur Politik, die Präsident Erdoğan seit dem Putschversuch vom Juli 2016 macht. Mindestens 165 Journalisten kamen seitdem in Haft. Dagegen protestiert seit Langem der deutsche PEN mit seiner Präsidentin Regula Venske.

Frau Venske, Sie haben heute einen offenen Brief an Präsident Erdoğan und Ministerpräsident Yildirim veröffentlicht. Tatsächlich in der Hoffnung, dass dies etwas bewirke?

Bild vergrößern
Beim Thema Türkei ist Regula Venske voller Hoffnung, "dass es noch andere Zeiten geben wird".

Regula Venske: Man macht alles in der Hoffnung, dass es etwas bewirkt - und wenn es auch nur in einem selber bewirkt, die Angst und die Empörung auszudrücken. Natürlich glaube ich immer noch daran, dass es noch andere Zeiten geben wird. Wie lange das dauern wird, werden wir vielleicht nicht erleben - aber vielleicht ja doch.

Im Brief wird rhetorisch gemutmaßt, die beiden würden ohnehin nicht Zeit, Mut, Anstand, Patriotismus, Größe genug aufbringen, ihn überhaupt zu lesen. Setzen Sie auf persönliche Provokation, um eine Reaktion hervorzurufen?

Venske: Nein, ich habe nur eine Form gewählt, die sich ein bisschen von den üblichen Pressemeldungen unterscheidet. Es gibt dieses schöne Chanson "Le déserteur" von Boris Vian: Da schreibt ein junger Mann an den Präsidenten, der wohl nicht die Zeit haben wird, seinen Brief zu lesen, um auszudrücken, dass er nicht in den Krieg ziehen will und nicht auf andere Menschen schießen möchte. Ich habe mich ein bisschen inspirieren lassen von diesem Chanson.

Sie wollten zunächst selbst nach Istanbul fliegen, um den Prozess zu beobachten - haben dann aber davon abgesehen. Warum?

Venske: Die Ereignisse und Zuspitzungen der jüngsten Tage haben mich doch noch einmal in mich gehen lassen. Ich fand, dass Risiko und Aufwand nicht in einem guten Verhältnis stehen zu dem, was ich vielleicht vor Ort bewirken kann. Deshalb möchte ich lieber von hier aus das tun, was ich tun kann. Dazu gehört auch, dass wir dringend Spenden für "Writers-in-Prison" und "Writers at Risk" sammeln. Denn durch diese vielen Verhaftungen sind sehr viele Menschen in existenzielle Not geraten. Aber wir gucken auch von hier aus sehr genau hin, was in Istanbul passiert.

Interview

"Cumhuriyet"-Prozess: "Hochgradig absurd"

24.07.2017 07:20 Uhr
NDR Info

In Istanbul hat der Prozess gegen Mitarbeiter der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" begonnen. Die Grünen-Abgeordnete Harms nannte die Anklage auf NDR Info "haarsträubend". mehr

Der Geschäftsführer der Organisation "Reporter ohne Grenzen", Christian Mihr, ist nach Istanbul gereist. Er sagt, ihm sei wichtig, Flagge zu zeigen, den Kolleginnen und Kollegen den Rücken zu stärken. Ist das Leichtsinn angesichts dieser Situation?

Venske: Nein, ich habe dafür vollen Respekt und volle Hochachtung. Der eine entscheidet sich so, der andere so. Das hat vielleicht mit persönlichen Lebensumständen und anderen Dingen zu tun. Ich denke, da ziehen wir letztlich alle an einem Strang.

Seit der Verhaftung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner am 5. Juli ändert sich der Ton in Deutschland. Es kommen inzwischen klare Ansagen, auch vom Bundespräsidenten. Ist das die richtige Art und Weise zu reagieren?

Venske: Wir haben vom deutschen PEN aus zusammen mit "Reporter ohne Grenzen" und dem Börsenverein bereits im letzten Sommer einen offenen Brief an unsere Bundeskanzlerin geschrieben sowie an Herrn Juncker in Brüssel, um die Politiker dahin zu bewegen, zum Beispiel den Flüchtlingsdeal noch einmal zu überdenken. Diesen Brief haben 150.000 Menschen unterzeichnet. Wir haben schon seit einiger Zeit gedacht, dass man bestimmte politische Maßnahmen überdenken muss, wenn jemand so sein Land durch einen zivilen Putsch in eine Diktatur verwandelt.

Vergangene Woche war die Rede von einer Liste mit bis zu 700 deutschen Unternehmen, denen von der Türkei Terrorfinanzierung vorgeworfen werde. Heute heißt es nun, das sei ein "Kommunikationsproblem" gewesen. Es wirkt, als zeige die härtere Gangart Effekte - jedenfalls auf dem wirtschaftlichen Feld. Ist die Furcht vor dem Wort größer? Oder ist es gar nicht so wichtig wie der wirtschaftliche Aspekt?

Venske: Die Furcht vor dem Wort ist schon sehr groß, sonst würden nicht weltweit so viele Schriftsteller und Journalisten inhaftiert oder ermordet werden. Erdoğan fürchtet schon die freie, kritische Presse sehr stark. Aber der wirtschaftliche Druck ist natürlich auch nicht zu verachten. Ich habe keine wirtschaftliche Maßnahme, außer dass ich sagen kann: Mein Tourismus geht im Moment woanders hin.

Haben Sie eine Idee, vielleicht nur eine vage Fantasie, was noch getan werden könnte, um eine Lockerung der Haftbedingungen und dergleichen mehr in absehbarer Zeit vielleicht doch hinzubekommen?

Venske: Natürlich habe ich den "Marsch der Hunderttausend" mit großer Bewegung verfolgt. Ich denke schon, dass die Solidarität, die Nächstenliebe, die Freundschaft etwas ist, was wir gegen diese Menschenfeindlichkeit, den Zynismus, die Politik von Krieg und Kriegstreiberei, gegen martialische Rede und Spaltung stellen. Aber die Fantasie, das so schnell zu äußern, das fällt mir dann doch schwer.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

Weitere Informationen

Wie machtlos ist Europa?

20.07.2017 19:00 Uhr
NDR Kultur

Wie kann rechtsstaatlichen Krisen wie in der Türkei, Polen oder Ungarn begegnet werden? Darüber spricht NDR Kultur mit dem Historiker und Publizisten Philip Blom. mehr

Türkei-Referendum: "Keine rationale Entscheidung"

Die Türken haben sich für den Machtausbau ihres Präsidenten entschieden. "Diese Verfassungsänderung darf nicht ohne Weiteres vollzogen werden", findet die Soziologin Asli Vatansever. mehr

Türkei-Krise: "Die Kommunikationslosigkeit regiert"

Die Spannungen zwischen der EU und der Türkei dauern an. "Es bringt kein Land weiter, wenn wir auf diesem Niveau kommunizieren", findet der Berliner Integrationsexperte Kazim Kazım Erdoğan. mehr

Türkei: "Es ist wichtig, dass der Dialog nicht abbricht"

Auf welchem Weg befindet sich die Türkei unter Erdoğan? Die Journalistin und Autorin einer Erdoğan-Biografie Çigdem Akyol macht sich Sorgen um die Demokratie in der Türkei. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.07.2017 | 19:00 Uhr

Übersicht

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

88:28

Eine Hand wäscht die andere

23.10.2017 23:15 Uhr
NDR Fernsehen
29:52

Kulturjournal vom 23.10.2017

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:19

Die Biografie des Basketballers Wilbert Olinde Jr

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal