Stand: 23.03.2016 09:29 Uhr

Simon Stone: Theaterklassiker neu erzählt

von Katja Weise

Wohl kaum ein Theaterregisseur ist derzeit international so gefragt wie Simon Stone. In seiner Heimat Australien zählt der 31-Jährige bereits zu den "Stars" der Szene, und auch in Europa inszeniert er an den großen Häusern: an der Wiener Burg, an den Münchner Kammerspielen und jetzt, erstmals, am Hamburger Schauspielhaus. Dort hat sein "Peer Gynt" am Mittwochabend Premiere.

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Der australische Regisseur Simon Stone hat mit seinen Bearbeitungen klassischer Theatertexte international für Furore gesorgte (hier bei der "Nestroy"-Theaterpreisverleihung in Wien 2015).

Umbau kurz vor dem fünften Akt: Hastig reißen die Bühnenarbeiter breite Klebestreifen vom Boden, die für die Schlussszene nicht mehr gebraucht werden - aber offensichtlich sind sie nicht schnell genug: Denn plötzlich taucht ein weiterer Mann auf - im Scheinwerferlicht ist nur die kräftige Silhouette erkennbar -, reißt und zieht und rennt und verschwindet mit Riesenschritten wieder im Parkett, hinter dem Regiepult. Simon Stone steht sichtlich unter Spannung. Ende vergangener Woche lasen die Schauspieler den Text noch von Zetteln ab, denn der Regisseur schreibt "Peer Gynt" neu, überschreibt Ibsen, wie er sagt: "Was ich damit mache: Ich erzähle eine neue Geschichte für jetzt. Es hat nichts damit zu tun, dass ich Ibsen besser oder verständlicher machen will, aber ich will dasselbe Thema mit den Bildern von meiner Welt malen."

Drei Frauen erzählen Peer Gynts Geschichte

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Die Darstellerinnen aus "Peer Gynt" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Gala Othero Winter, Maria Schrader und Angela Winkler.

Furore hat Stone gemacht, mit dieser Art des Inszenierens. In seinen gelungenen Arbeiten überträgt er die Essenz der Vorlagen in ein anderes, neues und doch durch seine Motive bekanntes Stück. So taucht Peer Gynt - die klassische männliche Hauptfigur - auf der Bühne gar nicht auf. Stattdessen erzählen drei Frauen seine Geschichte: Gala Othero Winter, Maria Schrader und Angela Winkler. Hier kehrt die Ehefrau nach langer Zeit zu ihrem alt gewordenen Mann zurück. "Ich wollte thematisieren, dass es manchmal sehr leicht ist, ein Star, ein Held oder ein radikaler junger Mann zu sein, wenn man ein Mann ist. Aber wenn Frauen das irgendwann machen, ist es schockierend. Ich wollte die Konflikte aufzeigen, wenn eine Frau das plötzlich macht."

Ohne Schauspieler kann Stone nicht schreiben

Die Ideen für die Texte entstehen während der Proben, danach schreibt Stone sie auf Englisch auf. Sobald sie übersetzt sind, gehen sie zurück an die Schauspieler. Ohne sie, erklärt der 31-Jährige, könne er gar nicht schreiben. Sie seien seine wichtigste Inspirationsquelle. Was auch daran liegen mag, dass er selbst als Schauspieler angefangen hat, sich in dieser Rolle aber oft allein gelassen fühlte: "Ich dachte immer: Kann mir jemand helfen? Weil ich mich so nackt und fremd auf der Bühne fühlte. Weil: Entweder funktioniert das Bühnenbild, die Inszenierung oder das Kostüm nicht - oder ich habe es einfach nicht verstanden. Mein Ziel ist es immer, diese Momente zu vermeiden. Wir forschen dort, wo es nicht richtig funktioniert, und wollen es lösen, damit die Schauspieler nicht wie Idioten auf der Bühne stehen."

Seine Gedanken auszudrücken - das ist schwierig

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Der australische Film- und Theaterregisseur Simon Stone wurde in Basel geboren und wuchs in Cambridge und Melbourne auf.

Mit der deutschen Sprache ist Stone als Kind erstmals in Berührung gekommen. Er wurde in Basel geboren. Als er sechs Jahre alt war, verließen die Eltern die Schweiz, gingen nach Cambridge und schließlich zurück nach Australien. Dort lernte er ein bisschen Deutsch in der Schule, später machte er einen Sprachkurs in Berlin, doch für die erste deutsche Inszenierung half das nur bedingt: "Als ich meine erste Arbeit in Oberhausen gemacht habe, 2012 oder 2013, war das sehr schwierig", erinnert er sich. "Man kann alles irgendwie verstehen, aber seine Gedanken auszudrücken, das ist wirklich schwierig - auch heute noch. Und das mit der Grammatik kriege ich nie hin."

Aber das ficht ihn nicht an. Die blauen Augen leuchten, Stone strahlt und sprüht vor Energie. Er wirkt wie der geborene Macher. So ist sein "Peer Gynt" auch kein kunstvolles, dramatisches Gedicht, sondern eine fast schnoddrig erzählte Geschichte aus unserem Alltag. Denn Stone will nicht nur nah ran an die Schauspieler, sondern auch an die Zuschauer. Das könnte in Hamburg wieder gelingen.

Peer Gynt

von Simon Stone nach Henrik Ibsen

mit Paul Herwig, Jonas Hien, Christoph Luser, Josef Ostendorf, Maria Schrader, Aljoscha Stadelmann, Ernst Stötzner, Bettina Stucky, Angela Winkler, Gala Othero Winter

Termine
23.03.2016, 20 Uhr Premiere
27.03.2016, 18 Uhr
02.04.2016, 20 Uhr
13.04.2016, 20 Uhr
30.04.2016, 20 Uhr

Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099 Hamburg

Kartenservice
Tel. (040) 24 87 13
E-Mail: kartenservice@schauspielhaus.de



Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.03.2016 | 11:20 Uhr

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