Stand: 18.02.2016 07:30 Uhr

Premiere in Hannover: Weder Musical noch Haarmann

von Agnes Bührig

Fritz Haarmann aus Hannover wurde vor gut 90 Jahren für die Morde an mindestens 24 Jungen und jungen Männern zum Tode verurteilt. Doch bis heute erregt es in der Leinestadt die Gemüter, wenn eine neue künstlerische Bearbeitung des Falles um den "Mann mit dem Hackebeilchen" hervorgebracht wird. So geschehen gestern am Schauspiel Hannover, wo das Haarmann-Musical "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso" Premiere hatte.

Haarmann-Musical: Vor Premiere entbrennt Debatte

Ein Stück mit hohen Sprachanteilen

Ein junger Mann betritt die Bühne. Sein Auftrag: Ein Musical über einen Serienmörder zu schreiben. Er ist schüchtern und gepeinigt von der Qual, es allen Recht machen zu wollen. Wer jetzt jedoch erwartet, dass dies in einem Musical à la Broadway geschieht, wird enttäuscht. Das Duo Les Trucs, das die Musik komponiert hat, macht vor allem Elektropop. "Das Stück hat hohe Sprachanteile, was für ein Musical ungewöhnlich ist", sagt Regisseur Lars-Ole Walburg. "Man kann es vergleichen mit einer neueren Art von Musical, wie man es auch in der englischen Welt findet, wo durchaus mit ernsten Themen jongliert wird und mit der Political Correctness auf die Art und Weise gespielt wird, indem man mit ernsten Themen auch singend umgeht."

Klingt nach einer Notlösung

Das, was vor knapp einem Jahr als Musical über den Serienmörder und seine Zeit angekündigt wurde, ist heute ein Stück, das von den Schwierigkeiten handelt, ein Musical über Haarmann zu schreiben. Das klingt nach einer Notlösung, einer Reaktion auf die Kritik, die sich Regisseur Walburg anhören musste, der auch Intendant des Schauspiels Hannover ist. Er verletze die Gefühle der Angehörigen der Opfer, meldete sich der Neffe eines Ermordeten zu Wort, und vermarkte einen Kriminalfall auch noch als heiteres Musical. Intendant Walburg und der Autor des Stücks, Nis-Momme Stockman, beschlossen daraufhin, das Dilemma ihres Vorhabens zum Thema des Stücks zu machen.

Neue Seiten am Fall Fritz Haarmann?

Die Unsicherheit des jungen Autors, seine gewaltige Aufgabe zu meistern, wird so als fortlaufender Slapstick inszeniert. Nicht zuletzt, indem er und sein Theaterintendant als Rollenfiguren im Stück jeweils drei Doubles erhalten. Ihre Dialoge kreisen immer wieder um die Frage, ob man am Fall Fritz Haarmann neue Seiten entdecken kann. Genauso wie bei den Themen Flüchtlinge und Pegida. Walburg ist da guter Hoffnung:

"Tatsächlich ist Haarmann nur der Denkansatz, um zu konstatieren, dass wir in unserem Denken stark verschubladet sind, dass wir starke Vorstellungen haben, die wir uns dann eigentlich immer wieder bestätigen. Damit geht der Autor bei Fritz Haarmann los und sagt, okay, können wir denn tatsächlich hinter dem Monsterbild, das wir da im Kopf haben, noch irgendetwas anderes entdecken, um sich dann mit ganz vielen Dingen auseinander zu setzen, die unsere Gesellschaft und unsere derzeitige Situation ausmachen - von Flüchtlingswelle über Pegida, über Rassismus und so weiter." Regisseur Lars-Ole Walburg

Chance wurde nicht genutzt

Es war ein netter Versuch, und die Unternehmung hatte alles, was zum Erfolg nötig ist: Eine Figur, deren Spiegelung durch Kulturschaffende in Hannover immer wieder die Gemüter erregt, eine ungewöhnliche Umsetzung in Form eines Musicals sowie den Versuch, die aktuelle Gesellschaftsdebatte aufzugreifen.

Doch die Chance wurde nicht genutzt. Haarmann kam nur am Rande vor, die Musik war mehr Begleitung eines Theaterstücks denn Musical, und Schubladendenken wie im Fall Haarmann auf die Flüchtlingsdebatte zu übertragen, wirkte aufgesetzt. Das Thema des Stückes war es, das Scheitern an einem Musical über Fritz Haarmann zu zeigen. Das ist gelungen. Diese Bearbeitung hätte man sich tatsächlich sparen können.

Ein Darsteller steht in Anlehnung an den Serienmörder Fritz Haarmann mit weiteren Mitwirkenden bei einer Probevorführung zum Musical "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso" auf der Bühne im Schauspielhaus in Hannover. © dpa-Bildfunk Fotograf: Julian Stratenschulte

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Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Anna Rudolph, Musik: Les Trucs, Dramaturgie: Judith Gerstenberg

Weitere Informationen

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Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Schauspielhaus
Prinzenstraße 9
30159  Hannover
Preis:
Zwischen 15,00 und 43,50 Euro
Kartenverkauf:
Telefon: (0511) 9999 1111

Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Sonnabend 10 bis 14 Uhr

Kassen im Opernhaus und im Schauspielhaus
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 10 bis 19.30 Uhr (Vorverkauf bis 18.30 Uhr), Sonnabend 10 bis 14 Uhr
Von Oktober bis März ist die Kasse im Opernhaus am Sonnabend von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.02.2016 | 07:20 Uhr