Stand: 13.07.2015 12:00 Uhr

Begeisterungsstürme für "Wie im Himmel"

von Daniel Kaiser

Das Altonaer Theater hat den schwedisch-dänischen Musikfilm "Wie im Himmel" über einen Kirchenchor auf die Bühne gebracht. Theaterchef Axel Schneider hat auch Chorsänger aus dem Stadtteil für seine Inszenierung angeheuert.

Wie im Himmel

Begeisterung schon zur Pause

Aus dem verhärmten Choral "Lobe den Herren" wird schnell das sensitive "Hallelujah" von Leonard Cohen. Der neue Chorleiter Daniel kitzelt aus dem Provinzchor einen neuen Klang hervor. Das Publikum muss laut lachen bei all den esoterischen "Den eigenen, inneren Ton-Finden"-Übungen, die jeder kennt, der seit den 80e-Jahren irgendwo mal im Chor gesungen hat.

Mit der Verstärkung einiger Sängerinnen aus Altonaer Kirchengemeinden wächst der Klang auf der Bühne, sodass der Applaus zur Pause nicht etwa kommt, weil das Licht angeht, sondern weil ein erst zaghaft, dann bestimmter vorgetragenes schwedisches Liebeslied das Publikum wirklich anrührt und begeistert.

Musikalischer Hauptdarsteller mit Geige und Stimme

Der rätselhafte Daniel, ein bekannter Orchester-Dirigent, kehrt nach einem Zusammenbruch in seinen schwedischen Heimatort zurück und beginnt, einen Chor zu leiten. Sensibel, abgründig und hochmusikalisch spielt Georg Münzel den Dirigenten, als sei er im Nebenjob wirklich Chorleiter - wie er schwermütig Richard Wagners Tristan-Akkord auf dem E-Piano anstimmt und seine wichtigen Sätze spricht, als ob ein Staatstheaterschauspieler zu einem dieser Monologe ohne Punkt und Komma ansetzt.

Immer wieder greift er zur Geige und spielt Tanzmusik oder Vivaldi - doch da hustet er auch schon bedenklich in sein Taschentuch, das sich rot zu färben beginnt.

Dichte Theatermomente

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Axel Schneider führte Regie bei "Wie im Himmel". Der Hamburger leitet seit 1995 das Altonaer Theater.

Mit weit aufgerissenen Augen sieht man zu, wenn Daniel plötzlich in einem kurzen Flashback einen Orchestermusiker in seiner Vergangenheit demütigt, weil dieser Mozart nicht richtig "con amore" spielt. Der Musiker begeht Selbstmord, was zum Auslöser für Daniels Krise wird.

Theaterchef Axel Schneider gelingen in seiner Regie dieses Filmstoffs, der 2005 für den Oscar nominiert war, immer wieder packende Situationen. Das Stück zeigt, wie Musik die Menschen in dem kleinen Dorf-Chor zwingt, hinzusehen und ihre Lebenslügen nicht weiter zu leugnen. Schneider inszeniert Vergebung und Emanzipation als dichte Theatermomente, die hängen bleiben.

Figuren zum Umarmen

Manchmal sind die Krisen und Konflikte, die plötzlich im Chor wie aus heiterem Himmel aufpoppen, allerdings arg eruptiv und der Zorn, mit dem die Noten auf den Boden gepfeffert werden, nur schwer nachvollziehbar. Doch die Figuren sind insgesamt so liebevoll in ihren Stärken, Schwächen und Brüchen gezeichnet, dass man das schnell vergisst.

Man muss sie einfach gern haben: den sensiblen Bergwerkssprengmeister Holmfrid, der sein ganzes Leben gehänselt wurde (stark, glaubhaft und herzzerreißend im Ausbruch: Fabian Joël Walter), den immer einen auf dicke Büchs machenden "Geschäftsmann" Arne (witzig: Dirk Mierau), die an der Bigotterie ihres Mannes zerbrechende Pastorsfrau Inger (zum Betüddeln:  Anne Schieber), den Schmuddelhefte versteckenden Pastor (herrlich überheblich: Dirk Hoener) und die verknöcherte Siv (trotz dramaturgischer Unwuchten in der Rolle immer kantig: Katrin Gerken).   

Kurzum: Man möchte alle in ihren Schwächen und Brüchen umarmen, am Ende sogar den gewalttätigen Conny in Handschellen (wie gerade aus einer Metal-Kneipe gezogen: Holger Löwenberg), der ja auch nur ein Opfer seiner Biographie ist.

Jubel für himmlische Musik

Der Spiegel hinten an der Bühnenwand ist den ganzen Abend über ein Zerrspiegel. Man sieht sich und alle anderen darin nur deformiert. Erst als der Chor einen elysischen Dreiklang anstimmt, öffnet er sich, und es erscheinen dahinter weiße Bilderbuchwolken auf blauem Himmel.

Das Publikum belohnte diesen emotionalen aber nie seichten Abend mit lautem Jubel, Fußgetrampel und Standing Ovations. "Wie im Himmel", dieses wunderschöne Gleichnis über die Kraft der Musik, hat das Zeug zum neuen Hit am Altonaer Theater.  

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 13.07.2015 | 19:00 Uhr

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