Stand: 07.12.2015 14:00 Uhr

Postkarten aus Auschwitz auf Ebay

von Tom Fugmann
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Bartosz Bartyzel, Sprecher der Gedenkstätte Auschwitz, sieht in den Postkarten historische Dokumente von großem Wert.

Es sind nur wenige Zeilen, welche die Häftlinge aus Konzentrations- und Vernichtungslagern an ihre Familien schreiben durften. Heute sind diese Postkarten historische Dokumente und für Nachkommen oft von unschätzbarem Wert. Doch solche Karten werden auch auf der Internetplattform Ebay zur Versteigerung angeboten. Für zwei- oder dreistellige Summen kann jeder dort Postkarten oder auch Briefe von Holocaust-Opfern erwerben.

"Ich finde dafür keine Worte"

In einem Haus in Zakopane wird das Andenken an einen polnischen Patrioten bewahrt. Bildhauer Andrzej Mardula kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der Untergrundarmee gegen die deutschen Besatzer. Nach seiner Verhaftung 1940 wurde er ins Vernichtungslager Auschwitz gesperrt, wo er nach zwei Jahren starb.

Heute lebt in diesem Haus sein Neffe Stanislaw Mardula, ein berühmter Geigenbauer. Jetzt muss er mit ansehen, wie im Internet bei Ebay eine Postkarte des Onkels aus Auschwitz angeboten wird - für 190 Euro. Stanislaw Mardula ist entsetzt, dass dieses letzte Lebenszeichen dort verscherbelt werden soll. "Für mich ist es völlig unglaublich und ich finde dafür keine Worte", so Mardula. "Jeder, der etwas vom Holocaust weiß, wird entsetzt sein. Schließlich sind die Häftlinge in den Lagern gezielt ermordet worden. Und deren Post, auch die von meinem Onkel, das sind für uns Familienreliquien. Und diese Andenken sind auf einmal Handelsgegenstände."

Letzte Lebenszeichen als Handelsobjekte

Andrzej Mardula wurde nur 43 Jahre alt. Offizielle Todesursache: Rippenfellentzündung. Außer ein paar Fotos ist der Familie nichts geblieben. "Diese ganze Sammlung mit Andenken an meinen Onkel ist unter mysteriösen Umständen schon vor langer Zeit abhanden gekommen", berichtet Stanislaw Mardula. Sie sei einfach gestohlen worden. "Wahrscheinlich sind sie unter der Hand in Polen verkauft worden. Wie und warum sie jetzt auf einmal in Deutschland auftauchen, das kann ich mir nicht erklären."

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Stanislaw Mardula ist entsetzt, dass mit einer Postkarte seines Onkels aus dem Konzentrationslager Auschwitz Handel getrieben wird.

Andrzej Mardulas Postkarte ist nur eine von unzähligen Häftlingskarten, die auf Ebay versteigert werden. Post aus Auschwitz, Mauthausen, Buchenwald, reißerisch angeboten mit der Beschreibung: "Total selten!"

Die Tragödien, die damit verbunden sind, kann man nur erahnen. Ein Mann schreibt seinen Eltern aus Auschwitz, wie schwer ihm die Trennung fällt. Aber wer solche Dokumente erwirbt, und zu welchem Zweck, spielt auf Ebay keine Rolle.

"Diese Dokumente sollten in der Gedenkstätte aufbewahrt werden"

In der Gedenkstätte Auschwitz ist man fassungslos über diese Geschäftemacherei: "Es ist traurig", erklärt der Sprecher der Gedenkstätte, Bartosz Bartyzel, "wenn man sieht, wie diese Postkarten der Häftlinge aus dem Vernichtungslager zu Handelsobjekten geworden sind, die einfach irgendwo angeboten werden. Und man weiß nicht, in welche fragwürdigen Hände sie vielleicht gelangen. Für mich als Historiker ist es traurig, wenn ich sehe, wie das Symbol Auschwitz missbraucht wird."

Die Karten und Briefe der Häftlinge waren oft die letzten Lebensgrüße an ihre Familien. Die SS zensierte die Post. Trotzdem gelang es Häftlingen, Informationen über die grausame Wirklichkeit der Lager nach außen zu schmuggeln. "Diese Post aus dem Lager erzählt nicht nur etwas über die Tragödie des Absenders, des Häftlings, sondern auch etwas über die betroffenen Familienangehörigen", erläutert Bartyzel. "Jede Karte hat ihre individuelle Geschichte. Deshalb sollten diese Dokumente in der Gedenkstätte aufbewahrt werden."

Ebay und Verkäufer weisen Verantwortung von sich

Das NDR Kulturjournal will von Ebay Deutschland wissen, warum man nichts gegen den Handel mit der Post aus Konzentrationslagern unternimmt. Ein Interview vor der Kamera will uns Ebay nicht geben. Stattdessen wird uns schriftlich mitgeteilt: "Ebay ist ein Online-Marktplatz auf dem grundsätzlich alle Waren verkauft werden dürfen, soweit diese gesetzlich nicht verboten sind."

Ebay sichert uns Prüfung zu und will den Zentralrat der Juden um Bewertung bitten. Uns sagt der Zentralrat: "Wir kennen die Motive der Verkäufer und Käufer dieser Briefe nicht und können auch nicht die Echtheit der Dokumente überprüfen, daher möchten wir uns mit vorschnellen Urteilen zurückhalten. Insgesamt halten wir aber eine Versteigerung von Briefen aus NS-Vernichtungslagern auf Ebay für pietätlos. Solche Zeugnisse gehören in Museen und Archive, wo angemessen mit ihnen umgegangen wird."

Aber wer handelt mit dieser Post? Nur ein Anbieter ist bereit, mit uns zu sprechen. Karl-Heinz Römer aus Mundelsheim, SPD-Mitglied und sicher nicht vom "rechten Rand", verkauft solche Dokumente auf Ebay. Ob seine Angebote bei Nazis landen, kann auch er nicht kontrollieren. "Das kann man nicht verhindern. Da muss ich mich rechtfertigen und sage, die Sache ist des Erinnerns, des Mahnens, des Aufbewahrens wert. Das Grundgesetz gilt für uns alle. Und da erwarte ich den souveränen Erwachsenen. Wer es nicht ist, ich kann ihn dazu nicht machen. Verführen werde ich ihn, das ist meine Überzeugung, kaum."

"Als ob ein Stück Fleisch aus unserem Körper gerissen worden wäre"

Römer besitzt eine große Sammlung an Karten und Briefen aus Konzentrationslagern, erworben in Auktionshäusern in Deutschland und im Ausland. Dabei wären Museen oder Gedenkstätten der bessere Ort, um all das zu konservieren, zu bewahren und zu erforschen. Oder man übergibt die Post den Familien.

"Diese ganze Angelegenheit ist für mich absolut unfassbar", sagt Stanislaw Mardula. "Ich denke, da geht es anderen Familien ganz genau so. Es ist so, als ob ein Stück Fleisch aus unserem Körper gerissen worden wäre. Denn diese Dinge, die dort angeboten werden, sind für uns unvergleichliche Erinnerungsstücke."

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 07.12.2015 | 22:45 Uhr

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