Stand: 17.01.2016 16:47 Uhr

Gewalt für Frieden? "Owen Wingrave" in Osnabrück

von Birgit Schütte

Nicht Krieg und Frieden, sondern Krieg oder Frieden? Mit dem Kampf für Pazifismus beschäftigt sich die Oper "Owen Wingrave" von Benjamin Britten, die am Sonnabend am Theater Osnabrück Premiere feierte. Der englische Komponist hatte sie 1971 nach einer Kurzgeschichte von Henry James geschrieben, als Auftragswerk für das Fernsehen. "Owen Wingrave" handelt vom gleichnamigen letzten Spross einer Familie von Kriegshelden, der sich weigert, Soldat zu werden. Nach ihrer Premiere in Covent Garden in London geriet die Britten-Oper schnell in Vergessenheit. Und passt damit perfekt ins Programm des Osnabrücker Theaters, das sich in einer Reihe selten gespielten Opern widmet.

"Owen Wingrave" und der Kampf für Frieden

Ein Junge wehrt sich gegen Gewalt - und wird ihr Opfer

Die Bühne ist ein abgeschotteter Guckkasten. Leere Bilderrahmen hängen an den Wänden: eine triste graue Grabkammer. Wir sind auf Paramore, einem düsteren Herrenhaus in England. Sitz der Wingraves, einer Offiziersdynastie. Hier führt Owen Wingraves Großvater ein strenges Regiment. Zusammen mit drei Kriegswitwen: In schwarzen steifen Kleider wandeln sie durch den Raum, das Licht wirft ihre großen Schatten verzerrt an die Wände. Tagsüber. Denn nachts wiederum wird Paramore von zwei Geistern bewohnt: von einem alten Colonel, der an der Hand einen kleinen Jungen hat. "Diese Legende über das Haus der Familie Wingrave ist die Spiegelfigur", sagt der niederländische Regisseur Floris Visser. "Ein kleiner Junge, der im Jahr 1600 nicht mit seinem Freund kämpfen will. Doch dann kommt sein Vater, auch ein Colonel Wingrave, und schlägt den Jungen. Der stürzt daraufhin und ist tot."

"Märsche, auf irritierende Weise abgewandelt"

Mithilfe eindrucksvoller Bilder wird Paramore in Vissers Inszenierung zum Sinnbild für die Fesseln von Familie und Gesellschaft, in die wir hineingeboren werden. Wer sich von ihnen befreien will, muss mutig sein und stark. So wie Owen Wingrave: Der jüngste Spross der Offiziersdynastie nämlich weigert sich, in den Krieg zu ziehen. Er kämpft, aber für den Frieden. "Das Stück hat viel Tiefe - und zwar auch in musikalischer Hinsicht", findet Visser. "Die Partitur ist sehr hermetisch. Es gibt keine Note zu wenig und keine Note zu viel. Je öfter man sie anhört, desto schöner wird sie." Britten spielt mit Militärmärschen, wandelt sie irritierend ab. Und erzeugt eine düstere Atmosphäre, die immer wieder gebrochen wird durch unerwartete Töne. Perfekt gespielt vom Osnabrücker Sinfonieorchester, das von Daniel Inbal dirigiert wird. Große Arien bietet die Oper nicht - stattdessen Klänge, die die Bedrohung spüren lassen, die durch die strengen Prinzipien und starren Regeln entsteht: Ausbrüche sind nicht erlaubt auf Paramore.

"Wir sind nah dran am nächsten Weltkrieg"

Owen Wingrave stirbt schließlich, weil er die Nacht auf Paramore, eingeschlossen mit den Geistern in dem Raum, in dem einst der Vater seinen Sohn erschlug, nicht überlebt. Sein Kampf für den Pazifismus war zum Scheitern verurteilt. Wie viel Gewalt braucht man, um Frieden zu bekommen? Eine Frage, die sehr aktuell ist, meint Regisseur Visser: "Wenn man sich derzeit auf der Welt umguckt, sind wir sehr nah dran, wieder einen Weltkrieg zu bekommen. Ich sehe, dass in Europa Rassismus, Rechtsextremismus zurückkommen. Der Faschismus ist überall. Man kann es noch nicht fassen, aber man spürt es, man riecht es überall."

Owen Wingrave und die Frage nach dem Kampf für Frieden: ein hochaktuelles Thema, dargestellt in eindringlichen Bildern, perfekt inszeniert - und getragen von einzigartiger Musik, komponiert vom Kriegsdienstverweigerer Benjamin Britten.

Gewalt für Frieden? "Owen Wingrave" in Osnabrück

Für Frieden in kriegerischen Zeiten: Das Theater Osnabrück inszeniert die selten gespielte Britten-Oper "Owen Wingrave". Perfekt und mit eindringlichen Bildern, meint Rezensentin Birgit Schütte.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Theater am Domhof
Domhof 10/11
49074  Osnabrück
E-Mail:
info@theater.osnabrueck.de
Preis:
Zwischen 22,75 und 50,25 Euro
Kartenverkauf:
Montags geschlossen
Di. – Fr. 10.30 – 18.30 Uhr
Sa. 10.30 – 14 Uhr

Telefon: (0541) 76 000 76
E-Mail: karten@theater.osnabrueck.de
Hinweis:
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.01.2016 | 16:20 Uhr

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