Stand: 23.08.2015 10:41 Uhr

"Oliver Twist" - ein Familienmusical für Harburg

von Elisabeth Burchhardt

Sie haben es schon wieder getan: Der bayerische Liedermacher Konstantin Wecker und Christian Berg, der Kindertheaterautor aus Cuxhaven, präsentieren ein neues Musical. "Tu doch, was dein Herz dir sagt!" heißt ihre Oliver-Twist-Bearbeitung im Untertitel, nach einem der zentralen Songs aus dem Stück. Der tönt so wunderbar weckerisch (gefühlvoll, sehnend, dabei optimistisch),  dass man die Stimme des großen Konstantin quasi mithört. Das Titelsong-Motiv taucht bis zum vom Publikum umjubelten Happy End mehrfach auf, mal singt das siebenköpfigen Ensemble, mal Carolin Waltsgott, die berührende Oliver-Twist-Darstellerin, allein. Ohrwurmverdacht.

"Oliver Twist" am Harburger Theater

London im frühen 19. Jahrhundert

Christian Berg zeichnet nicht nur für den Text, sondern auch für die Inszenierung verantwortlich. Die Geschichte vom Waisenkind Oliver, der durch die Höllen der Armut getrieben wird, ist, dem Original von Charles Dickens entsprechend, im London des frühen 19. Jahrhunderts angesiedelt. Gespielt wird  also in historischen Kostümen, die Straßenkinder - dargestellt unter anderem von den Schauspielerinnen Alexandra Kurzeja (ein wendiger Taschendieb) und Marlitt Werner (sein dumpfbackiger Kumpel) - tragen graue Lumpen, die Herrschaften Zylinder und Brosche, Mantel und Stab. Man prallt in einer dunklen nebeldurchwaberten Straßenlandschaft aufeinander. Eine düstere Szenerie - ein stimmiges Bild. Entworfen hat es Ausstatterin Ulrike Engelbrecht.

Mit Herz, Hirn und Humor

Zu finster das alles? Für kleine Zuschauer schon überhaupt? Oh nein. Christian Berg sagt zwar, er sei im Laufe der Jahre ernster geworden, will seinem jungen Publikum auch gewichtige Stoffe zumuten. Aber Berg bleibt Berg - und Berg ist eben ein Unterhalter. Einer, der weiß, wie man Herz, Hirn und Humor ins Verhältnis setzten muss, damit's ein guter Theaterabend wird. Und so gibt's ein paar charmante Erfindungen, die den Stoff auch für die Jüngeren verdaulich machen.

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Christian Berg steht in "Oliver Twist" selbst auf der Bühne - unter anderem als Fagin, dem geldgierigen Chef der Diebesbande.

Eingangs tritt Christian Berg selbst als Theaterdirektor auf, als schmierig-lustiger Trottel, der bei der Begrüßung des Publikums prompt vergisst, in welcher Stadt er gerade ist. Die Präsentation seiner Truppe, die gleich "Oliver Twist" spielen wird, gelingt auch nicht fehlerfrei, sein Bumble-Darsteller, behauptet der Direktor,  stamme aus Kopenhagen, der Hauptstadt Schwedens - Gelächter. Und noch ein kleines Wundermittel gegen böse Kerle wie Mr. Bumble (Petter Bjällö) oder den Diebesbandenchef Fagin (ebenfalls gespielt von Christian Berg, diesmal mit langer Zottelmähne) gibt es: zwei schoßhundgroße Handpuppen, eine Katze und eine Kirchenmaus. Sie beobachten und kommentieren das Geschehen. Statler und Waldorf für Kinder, ein Hauch von Muppet-Show liegt über dem ganzen. Und das freut dann wieder die Erwachsenen.

Zu recht ein Familienmusical

Dieses Stück darf zu recht Familienmusical genannt werden. Es unterhält. Es berührt. Und es rockt. Das natürlich am heftigsten, wenn die Musik richtig fetzt, wie zum Beispiel beim makaberen "Gestorben wird immer" - ein Duett der Sowerberrys. Darstellerin Valerija Laubach (im schwarzen Wallerock) und Steve Alex fegen samt Sperrholz-Sarg über die Bühne, dass es nur so rauscht. "Mach dir keine Sorgen, denn spätestens morgen hast du deine Ruh", jubeln sie von der Bühne, "und man singt Hallelu-Hallelu-Halleluja for you". Herrlich.

Plädoyer für "Recht auf Heimat"

Christian Berg und Ensemble (das durch sechs Kinder-Darsteller verstärkt wird) lassen ihr Publikum aber nicht vergessen, dass die Geschichte von Charles Dickens nicht irgend so ein Märchen aus grauer Urzeit ist, das mit uns womöglich gar nichts zu tun hätte. "Jeder hat ein Recht auf Heimat"  heißt ein weiterer ohrwurmverdächtiger Song, der im Laufe des Stückes immer wieder auftaucht. Er steht auch am Ende des Stückes. Die Darstellerinnen und Darsteller treten nun mit Bannern und Protesttafeln auf, mit denen sie das "Recht auf Heimat" propagieren. Und es geht da, ganz klar, um die großen und kleinen Olivers von heute.