Stand: 14.03.2016 17:43 Uhr

Das Trauma von Verlust und Flucht

von Bettina Lehnert
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Evelin Borchardt kam nach dem Verlust ihrer Eltern viele Jahre lang bei einer litauischen Familie unter, zu der sie bis heute Kontakt hält.

Evelin Borchardt ist 12 Jahre alt, als ihre Welt untergeht: ihr Zuhause in Trümmern, der Vater vermisst, die Mutter stirbt an Hunger und den Folgen mehrfacher Vergewaltigungen. "Ich weiß bis heute nicht, wie wir das überstanden haben. Das frage ich mich immer wieder", sagt sie. "Als sie meine Mutter abholten, da wollten wir auch mitgehen, um zu sehen, wo sie sie lassen. Eine Beerdigung war das ja nicht in dem Sinne - sie wurde mit dem Handwagen weggefahren. Und uns haben sie mit dem Gewehrkolben bedroht, falls wir hinterherkommen. Das war schon hart genug. Bloß - damals habe ich nicht weinen können. Man war so abgehärtet."

Einziges Ziel: nicht verhungern

Sie floh mit ihrem Bruder vor der Roten Armee. Die kleine Schwester Helga, der die Zehen abgefroren waren, ließen sie vor einem Krankenhaus zurück. Sie hofften, dass die Siebenjährige behandelt werde, und machten sich allein auf den Weg.

Tausende von Kindern aus Ostpreußen versuchten, im benachbarten Litauen zu überleben. Sie versteckten sich in Güterwaggons oder Kohlenwagen gen Norden. "In Litauen angekommen", erzählt Evelin Borchardt, "fing es an mit dem Betteln bei den Bauern. Viele haben ja nichts gegeben, die haben höchstens den Hund auf einen gehetzt oder - zu dem Zeitpunkt gab es ja schon die Rüben - mit Rüben nach uns geworfen. Aber das haben wir alles hingenommen. Hauptsache an der nächsten Tür bekamen wir ein Stück Brot."

Schuften für Essen und einen Schlafplatz

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Bruno Roepschläger wurde mit neun Jahren Kriegswaise. Er diente jahrelang als Viehhirte bei einem Bauern, baute sich in Litauen schließlich ein eigenes Leben auf.

Die Geschwister hatten Glück, sie wurden von Familien aufgenommen. Der Bruder hütete Kühe. Evelin Borchardt brauchte nicht wirklich zu arbeiten, erzählt sie schmunzelnd und zeigt ein Foto: "Ich habe nur auf diese Kinder aufgepasst. Da habe ich noch ein Bild von - mit diesen kleinen Rackern." Vier Jahre ist sie geblieben, und bis heute hält sie Kontakt.

Für Bruno Roepschläger ist Litauen zur zweiten Heimat geworden. Erst 1996 kam er nach Deutschland. Neun Jahre war er, als seine Familie bei einem Bombenangriff umkam. Mit zwei Freunden machte er sich auf den Weg: mit dem Güterzug von Königsberg nach Kaunas, auf der Suche nach Lebensmitteln und einem neuen Zuhause. Bei einem Bauern habe er gefragt, ob er bleiben dürfe, um das Vieh zu hüten. Der Mann sei zwar sehr unhöflich gewesen, ein ziemlich böser Mensch. "Aber trotzdem bin ich bei ihm vier Jahre lang geblieben. Hauptsache, ich habe Essen gekriegt, dreimal am Tag, ich brauchte nicht zu hungern."

"Sehr belastend war die Erinnerungseinsamkeit"

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Historiker Christopher Spatz, Jahrgang 1982, forschte zum Thema "Wolfskinder" an der Berliner Humboldt-Universität. Sein Buch entstand aus seiner Promotion heraus.

Beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes konnten Angehörige nach den verschollenen Kindern suchen. Diese Unterlagen hat der Historiker Christopher Spatz genutzt. Mit 50 der sogenannten Wolfskinder hat er über ihre Erinnerungen gesprochen - oft zum ersten Mal. Darauf basiert seine Studie. "Sehr belastend war die Erinnerungseinsamkeit für viele Wolfskinder", resümiert er, "weil sie am Anfang nicht reden konnten - und als sie dann in späteren Jahrzehnten versucht haben, mal zu reden und einzelne Erinnerungen anzusprechen, da haben sie sehr oft Zurückweisung erfahren, Unverständnis, Unglaube. Und diese Zurückweisung hat fast mehr geschmerzt als das, woran sich erinnert wurde."

Trauma bis heute nicht verarbeitet

"Ostpreußische Wolfskinder"
von Christopher Spatz
Einzelveröffentlichungen des DHI Warschau
Band 35
239 Seiten, inkl. Karte
ISBN 978-3-944870-40-3
29,80 Euro

Evelin Borchardt kam 1951 nach Deutschland, mit einem Kindertransport aus Litauen nach Chemnitz. Verwandte aus der Nähe von Lübeck reagierten auf eine Suchmeldung im Radio. Sie war 16, als sie hier ein neues Leben begann. Über das, was sie als Kind erlebt hatte, sprach sie jahrzehntelang nicht: "Erst als meine Kinder flügge wurden und aus dem Haus gingen - und ich habe fünf Stück davon -, da habe ich angefangen, mit meinem Mann darüber zu reden."

Professionelle Hilfe gab es für die wenigsten. Aber wie wichtig die ist, das zeigt die Studie - heute, wo Kinder wieder Krieg, Flucht und Gewalt erleben. "Man muss sich im Klaren sein, dass kleine Kinder nicht schnell vergessen", sagt Christopher Spatz, "sondern dass gerade die frühkindlichen Ereignisse und Prägungen das Leben über mitgetragen werden."

Evelin Borchardt und Bruno Roepschläger - zwei Wolfskinder, für die alles noch gut wurde: Sie haben einen Beruf, eine Familie und Kinder. Aber die Erinnerungen schmerzen bis heute - wie sehr, merkt man, wenn man ihnen zuhört.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 14.03.2016 | 22:45 Uhr

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