Stand: 22.10.2015 20:21 Uhr

"Netanjahu hat Recht und Unrecht zugleich"

In Israel hält die neue Welle der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern seit drei Wochen an. Rund 60 Menschen haben jetzt schon ihr Leben verloren. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sorgt zudem mit seinen jüngsten Äußerungen, dass der frühere palästinensische Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, Adolf Hitler zur Ermordung der Juden in Europa angestiftet habe, für Aufregungn. Ein Frontalangriff auf die Palästinenser, möchte man meinen. NDR Kultur hat mit dem in Israel geborenen Historiker Michael Wolffsohn zu diesem Thema gesprochen.

NDR Kultur: Herr Wolffsohn, zunächst einmal zu den historischen Fakten: Worauf bezieht sich Netanjahu bei seiner Beschuldigung des palästinensischen Großmuftis?

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Prof. Dr. Michael Wolffsohn sagt, Netanjahu habe nicht mit allen Aussagen Unrecht.

Michael Wolffsohn: Netanjahu hat Recht und Unrecht zugleich. Völlig falsch ist die Behauptung, dass Amin al-Husseini Hitler und seinen Mitverbrechern die Idee der Judenvernichtung eingepflanzt hätte. Das kann man am Datum festmachen: Hitler hat Amin al-Husseini am 28. November 1941 empfangen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die Vernichtungslager fertiggestellt. Ihre Massenvernichtungen nahmen sie dann ab Januar 1942 auf. Das bedeutet, dass solche riesigen Vernichtungsmaschinerien nicht in Windeseile hätten gebaut werden können. Soweit so falsch.

Richtig ist, dass Netanjahu auf die Kollaboration der palästinensischen Islamisten und Nationalisten, angeführt von Amin al-Husseini, hingewiesen hat. Im Zweiten Weltkrieg mobilisierten sie sehr erfolgreich freiwillige Muslime für die Waffen-SS, vor allem aus dem Balkan. Außerdem haben sie den geplanten Massenmord an den Juden Nordafrikas unterstützt. In den Jahren 1920, 1921, 1929 sowie 1936 bis 1939 hat Amin al-Husseini tatsächlich zum Judenmord aufgerufen, und der ist massenweise in Palästina durchgeführt worden.

Kommen wir zum ersten Punkt zurück, bei dem Netanjahu historisch danebengelegen haben soll. Wenn wir ihm unterstellen, dass er das nicht versehentlich getan hat, sondern bewusst: Wie kommt er dazu, in dieser Situation so etwas zu sagen?

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Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sorgt mit seinen neusten Äußerungen für Aufregung.

Wolffsohn: Das muss man vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Terrorwelle betrachten, die mit der falschen Behauptung begonnen hat, dass der Status quo auf dem Tempelberg von israelischer Seite verändert werden solle. Das ist ein Argument, das Amin al-Husseini in den 1920er-Jahren erfunden hat, und das seitdem immer wieder benutzt wird. Kurzum, warum er das gemacht hat: Weil - und auch das ist nicht falsch - in der gegenwärtigen palästinensischen undifferenzierten Propaganda tatsächlich Juden das Ziel von Terrorangriffen sind. Das löst den psychologischen Gedankenverbund zum Judenmord aus. Dem konnte sich Netanjahu offenbar nicht entziehen.

Nun ist aber die Shoah ein besonders heikles Thema in Israel. Der Antisemitismus, der rund um Israel herrscht, ist allgegenwärtig. Die Shoah ist historisch gesehen einmalig und begründend für den Staat Israel. Wird da nicht etwas den Palästinensern zugeschoben, was eine ganz komische Schlagseite gibt?

Wolffsohn: Ja und nein. Erstens begründet sich der Staat Israel nicht aus dem Holocaust, sondern aus den Judenpogromen seit 1881 und der Dreyfus-Affäre.

Der zweite Punkt: Wir befinden uns in einem Propagandakrieg.

Und drittens: Der Holocaust ist von Hitler-Deutschland zu verantworten. Der Tod war ein Meister aus Deutschland, hatte aber sehr viele Gesellen, willige Helfer aus Osteuropa und der arabisch-islamischen Welt - dort allen voran bei Amin al-Husseini. Daran kommen wir nicht vorbei, das ist die historische Wahrheit. Wenn man eine bessere Gegenwart und Zukunft will, muss man sich dieser Verantwortung stellen. Das hat Deutschland nach 1945 getan, das verlangen wir immer wieder von der Türkei bezogen auf die Armenier und das darf man völlig zurecht auch von den Palästinensern verlangen. Dass Netanjahu dann mit teilweise falschen Argumenten kommt, ist eine andere Geschichte. Das ändert aber nichts am Gesamtbild der Mittäterschaft von Palästinensern am Holocaust.

Aber diese falsche Behauptung, wie Sie es nennen, die wahrscheinlich nicht ganz zufällig lanciert wurde, führt zu einer unglaublichen Eskalation. Wäre nicht gerade in dieser angespannten Situation eine Deeskalation das Gebot der Stunde?

Buch-Info

Zum Weltfrieden - Ein politischer Entwurf
Autor: Michael Wolffsohn
Verlag: dtv
Seiten: 216
ISBN: 978-3423260756
Preis: 14,90 Euro

Wolffsohn: Da ist die Frage, welches Konzept man hat. Alle Konzepte, die gegenwärtig vorgelegt werden, sind hundertmal vorgelegt worden, und es wird nicht im Geringsten der Versuch unternommen, neue Modelle zu entwickeln. Ich habe versucht, einen bescheidenen Beitrag dazu in meinem Buch "Zum Weltfrieden" zu leisten; dazu ein Stichwort: föderative Modelle. Es wird nicht klappen, Frieden herzustellen zwischen Palästina und Israel, wenn man zwei Staaten gründet - das ist eine Totgeburt. Man muss endlich beginnen mit föderativen Strukturen zu denken. Das geschieht nicht. Seit 1882 werden immer wieder die gleichen Modelle wiedergekäut. Das Ergebnis: Gewalt und Gegengewalt in Form einer ständigen Eskalation.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Das komplette Gespräch können Sie hier nachhören:

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.10.2015 | 19:00 Uhr

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