Stand: 05.12.2017 18:39 Uhr

Auch ich

von Natascha Freundel
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NDR Kultur Redakteurin Natascha Freundel meint, Frauen müssten sich auch in der MeToo-Debatte aus der Opferrolle begeben.

Die MeToo-Debatte zieht weiter Kreise, und das ist gut so. Vor allem dort, wo es auf die Inszenierung, auf die Performance vor großem Publikum ankommt, in Hollywood, am Theater, am Ballett, an der Met und auf dem politischen Parkett wird jetzt mitunter genauer hingesehen, wie mächtige Männer mit von ihrer Macht abhängigen Frauen oder Männern umgehen.

Wir kennen nun Donald Trumps bemitleidenswert beschränktes Frauenverständnis, nach dem Motto, als Star kannst du dir alles erlauben: "And when you're a star, you can do anything... Grab them by the pussy." Wir haben die ebenso unansehnliche Figur Harvey Weinstein kennengelernt und über seine Fallgeschichte, zusammengestellt von endlich ehrlichen Frauen, die Pavianpoesie des US-Präsidenten beinah vergessen. Wir haben die mit Hundeblick vorgeführte Therapiebedürftigkeit des Kevin Spacey gesehen. Wir müssen uns, siehe James Levine, dringend von der Illusion verabschieden, die Kunst im Allgemeinen und die klassische Musik und ihre Interpreten im Besonderen seien dem Himmel näher als der Hölle.

Trennung zwischen Künstler, Tat und Werk?

Und wir Frauen? Haben viel zu erzählen. Beinahe jede hat ihre eigene Geschichte von sexueller Übergriffigkeit parat. Die für Sex and Crime immer offene Öffentlichkeit mit Episoden aus dem echten Leben zu füttern, wurde höchste Zeit. Me too: auch ich könnte erzählen, wie mich vor vielen Jahren ein junger, aus meiner Grundschulperspektive aber ganz und gar erwachsener Mann in einen Keller lockte und mir einen Schrecken fürs Leben einjagte. Auch ich kann mich an der Bloßstellung berühmter Herren beteiligen. Claude Lanzmann etwa, Regisseur des monumentalen Dokumentarfilms "Shoah", presste nach einem Interview seine vierundachtzigjährigen Lippen auf meinen Mund. Das war widerlich. Aber sind seine großen, unersetzlichen Filme etwa "entartete Kunst", weil er Journalistinnen küsst oder, viel schlimmer, Mitarbeiterinnen am Set und im Schneideraum geistig und körperlich ausnutzte?

Neulich saß ich mit Kollegen in Moskau zusammen. Da krabbelte eine kleine Kakerlake quer über den Stuhl, auf dem ich saß. Geistesgegenwärtig wischte mein Nebenmann das Käferlein zu Boden - und berührte dabei mein linkes Bein! Das in einem kurzen Rock steckte! Zum Glück auch in einer Thermostrumpfhose. Ich sagte: "Danke". Er sagte: "Jetzt klag mich aber nicht bei MeToo an."

Raus aus der Opferrolle

Etwas ist faul an der MeToo-Debatte. Ich erkläre: Ich habe keine Angst vor Kakerlaken, berühre sie aber ungern, weshalb ich jedermann und jederfrau über die Beseitigung eines solchen Insekts, besonders wenn es sich meinem Körper nähert, dankbar bin. Sollte die Käferabwehrattacke dazu führen, dass seine oder ihre Hand meinen Körper streift, habe ich nichts einzuwenden, es könnte mir sogar gefallen. Sogar wenn kein Käfer zur Hand ist. Ja, auch Frauen können Krabbeltiere beseitigen. Frauen können sogar plötzlich fremde Knie berühren. Oder im eigenen Heim zuschlagen. Es gibt Frauen, die ihre Macht und Frauen, die ihre Kinder missbrauchen, manchmal beides zusammen.

Wenn Frauen im MeToo-Feminismus nur Opfer sind, kommen wir mit der Gleichberechtigung nicht voran. Oder, wie Slavoj Zizek neulich in der NZZ schrieb: "Mit solchen Egozentrikern, die stets die anderen aufrufen, ist keine Revolution zu machen."

Bevor wir uns alle in eine flirtfreie Zone mit vertraglich vereinbarter freiwilliger Selbstkontrolle begeben, erkläre ich die Pussy-Riot-Aktivistin Nadja Tolokonnikowa zur Jeanne d’Arc des Postfeminismus. Als sie vergangenes Jahr im Berliner Maxim Gorki Theater ihr Pamphlet "Anleitung für eine Revolution" vorstellte, in dem sie ihre Verfolgung und Lagerhaft in Russland schildert, war sie alles, nur kein Opfer. Bunt wie ein Fabelwesen saß sie auf der Bühne, lächelte und sagte: "I am a slut." - "Ich bin eine Schlampe." Frauen vor, die den Mut haben, zuzustimmen: "Me too".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 05.12.2017 | 18:20 Uhr

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