Stand: 20.09.2015 21:45 Uhr

Naganos gelungener Einstand mit "Les Troyens"

von Elisabeth Richter

Mit der Oper "Les Troyens" von Hector Berlioz hat der neue Generalmusikdirektor Kent Nagano seinen Einstand an der Hamburger Staatsoper gegeben. Aus Hector Berlioz' über vierstündigem Opus wurden für die Hamburger Fassung nur etwa drei Stunden, eine Strichfassung, die der französische Komponist Pascal Dusapin eigens für die Aufführung in der Hansestadt erstellte. Das Publikum bejubelte die Premiere einhellig.

Fantasie des Zuschauers ist gefragt

Kein großes trojanisches Pferd, keine antiken Tempel oder Paläste, keine Naturidylle in einem afrikanischen Wald - es gibt ein Einheitsbühnenbild für Berlioz' opulente Oper "Les Troyens". Olaf Altmann hat einen riesigen hellen Holzkasten gebaut mit einer beweglichen Rückwand, die sich öffnen und schließen kann wie eine große Schiffsklappe. Damit hat sich das Team um Regisseur Michael Thalheimer trickreich von komplizierten Szenenwechseln befreit. Die Fantasie des Zuschauers ist gefragt. Es gibt Raum für Assoziationen.

Und es gibt - zum Glück - die großartige Musik von Hector Berlioz, die mit fantastischen Farben, ungewöhnlichen Instrumenten-Kombinationen, weiten Melodien und ausgeklügelten Rhythmen von den tragischen Ereignissen in Troja und Karthago erzählt.

Der reduzierte szenische Ansatz funktioniert

Mancher mag mehr Spektakel für das blutige Drama erwartet haben. Der reduzierte szenische Ansatz funktioniert für den ersten, gut 75-minütigen Teil recht gut. Die Seherin Kassandra in weißem Kleid hat schon von Anfang an Blut an ihren Unterarmen, doch als das Gemetzel der Griechen in Troja beginnt und das Blut in Strömen von der Rückwand rinnt, ist das ein grausamer Schock. Später, wenn ab und zu Blutbeutel an die Wände geworfen werden und es immer mal wieder großflächig Blut regnet, nutzt sich das ein wenig ab.

Einige Längen im zweiten Teil

Spannung entsteht durch die Musik. Die Regie hat sich leider einer zwingenden Personenprofilierung und -führung sowie einer lebendigen szenischen Interaktion entzogen. Da wird viel zu viel und zu statisch an der Rampe gesungen. Wenn die stumme Andromaché zu Berlioz' herzzerreißendem Klarinettensolo ihren Schmerz über den Tod ihres Gatten Hektor ausdrückt, indem sie ihren Kopf an die Wand schlägt, dann sind solche rare Aktionen nicht ausreichend. Im zweiten Teil hat die Aufführung einige Längen.

Warmherziger Empfang für Nagano

Dass die Hamburger Neuinszenierung von Berlioz' "Trojanern" dennoch lohnend ist, liegt vor allem an der musikalischen Qualität der Aufführung. Kent Nagano - der übrigens sehr warmherzig vom Premieren-Publikum empfangen und am Ende gefeiert wurde - sorgt für einen durchsichtigen, runden, differenzierten Orchesterklang, er begleitet seine Sänger ungeheuer sensibel. Die dynamische Balance, die in den vergangenen Jahren oft problematisch war, war genau überlegt.

Sängerisch ist die Produktion ebenfalls hochkarätig besetzt: Der ein wenig indisponierte Thorsten Kerl als Aeneas schlug sich wacker, ein kleines Highlight lieferte Julian Pregardien als heimwehkranker Seemann Hylas, mit einer wunderbar leicht gesungenen Tenor-Arie. Stark waren die Frauen: Catherine Naglestad als Cassandre und vor allem Elena Zhidkova als Didon.

Fazit: Ein im Ganzen gelungener Einstand für das neue Leitungsteam um Nagano und Intendant George Delnon in Hamburg. In der Regie ist aber noch viel Luft nach oben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.09.2015 | 14:20 Uhr

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