Stand: 20.04.2017 19:15 Uhr

Studio Migration - ein Ort der Begegnung

Seit 2012 präsentiert das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven auch Einwanderungsgeschichten nach Deutschland und versteht sich als bundesweit erstes Migrationsmuseum. Diese Erweiterung wird nun mit einem Bildungszentrum, dem Studio Migration vervollständigt, einem Ort der Begegnung zwischen Wissenschaftlern, Zeitzeugen und Museumsbesuchern. Ein Gespräch mit der Direktorin des Deutschen Auswandererhauses, Simone Eick.

Frau Eick, wie genau hat man sich diese Begegnungen zwischen Forschern, Migranten und den Museumsbesuchern in dem Neubau vorzustellen?

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Simone Eick ist die Direktorin des Deutschen Auswandererhauses.

Simone Eick: Das Studio Migration liegt am Ende des Ausstellungsrundgangs - die Besucher haben dann schon die Geschichte der Auswanderung und die Geschichte der Einwanderung nachvollzogen. Im Studio Migration können sie sich selber in den Mittelpunkt stellen. Wir haben dort verschiedene Stationen, an denen man nach der eigenen Meinung zu aktuellen Migrationsfragen gefragt wird, aber auch, wie man das eigentlich findet, wie Wissenschaftler Migration darstellen und präsentieren. Man kann zum Beispiel eine Art Test machen, bei dem man hinterher in eine Kategorie eingeteilt wird: Man ist Befürworter, Gegner oder Skeptiker von Einwanderung. Und dann wird man gefragt, wie man diese Kategorienbildung findet und kann dann auch über diese Medienstation in einen Diskurs mit den Wissenschaftlern am Haus treten.

Geschichten von Ein- und Auswanderern

Ich habe auch gelesen, dass Sie ein Oral-History-Studio aufgebaut haben oder noch weiterentwickeln wollen. Welche Geschichten stellen Sie da in den Mittelpunkt?

Eick: Es sind eigentlich eher Themen. Dort befragen wir ganz konkret Zeitzeugen - entweder Einwanderer, Auswanderer oder deren Nachfahren. Zum Beispiel: Was für eine Identität haben Sie? Haben Sie mehrere? Es gibt ein wunderbares Beispiel von einem Deutsch-Italiener, der sagt: Ich bin Wolfsburger, aber wenn die italienische Fußballnationalmannschaft spielt, bin ich Italiener. Wir stellen dort also Identitäten vor. Es geht aber auch um ganz klassische Bewahrung von immateriellem Kulturgut. Wir haben zum Beispiel Gesänge von einer Familie von Ruhr-Polen, die ursprünglich aus Masuren kommen. Oder wie Russland-Deutsche erzählen, wie sie von ihren Großeltern und die wiederum von deren Großeltern erzählt bekommen haben, wie die Ansiedlung 1763 an der Wolga vonstattenging. Es geht also um Erzähltraditionen, und man kann die Zeitzeugen live an einer Medienstation hören und sieht auch Bilder von der Familie oder im Idealfall auch Videoaufzeichnungen.

Versteht sich das Deutsche Auswandererhaus in erster Linie als Migrationsmuseum - da hat sich ja auch etwas im Selbstverständnis des Museum verändert -, oder ist dieser Neubau zum Thema Migration nur ein Zusatz zum Kerngeschäft Auswanderermuseum?

Dr. Simone Eick © dah-bremerhaven

Studio Migration - ein Ort der Begegnung

NDR Kultur -

Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven eröffnet sein Studio Migration. Ein Gespräch mit der Direktorin des Museums, Simone Eick.

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Eick: Nein, wir haben uns da wirklich geändert. Als wir 2005 eröffnet haben, war die gesellschaftliche Debatte noch ganz weit von dem entfernt, was wir heute haben. Das begann 2006/2007 mit der Sarrazin-Debatte ganz massiv, dass Deutschland sich als Einwanderungsland infrage stellte. Diese Entwicklung haben wir als Museum begleitet und haben uns auch geändert und geöffnet. Wir haben nicht nur den Erweiterungsbau zum Thema Einwanderung, sondern wir haben früh angefangen unsere Besucher zu fragen: Was wissen Sie eigentlich über die Einwanderungsgeschichte Deutschlands? Welche Ängste haben Sie? Das heißt, wir fragen auch die Vertreter der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, wie sie eigentlich damit umgehen. Wir hatten dann das Glück, dass wir eine zweijährige Studie von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert bekommen haben, in der wir durch Evaluation herausarbeiten konnten, was es eigentlich für Ängste gibt und wie man als Museum darauf reagieren kann. Diesen Wandel in der bundesrepublikanischen Gesellschaft haben wir als Museum aufgegriffen und versuchen jetzt, hier ein Forum zu bilden, wo man diskutieren kann. Denn wir merken auch, dass unsere Museumspädagogik ganz wichtig ist. Junge Leute, dieses Miteinanderreden, dieses Empathieentwickeln - dafür muss man Orte schaffen, das kann man nicht so nebenbei während einer Führung. Sondern da muss es Orte geben - und ein Ort soll dieses Studio Migration sein.

Wenn man sich die Einwanderungsgeschichte Deutschlands ansieht, ist es erstaunlich, dass es bisher noch gar kein Museum zum Thema Migration in Deutschland gibt. Das sollte es doch eigentlich auch in vielen anderen Städten geben.

Eick: Ja. Und viele Museen sind ja dabei - die Landesmuseen, die Staatsmuseen -, ihre Ausstellung um die städtische Migrationsgeschichte zu ergänzen. Es gibt da durchaus viele Initiativen. Was am Deutschen Auswandererhaus gut ist: Wir haben viele Perspektiven, denn man darf nicht vergessen, Migrationsgeschichte ist auch Auswanderungsgeschichte. Deutschland war und ist Ein- und Auswanderungsland zugleich immer gewesen. Wir haben 5,5 Millionen deutsche Überseeauswanderer allein im 19. Jahrhundert. Bis heute wandern viele Deutsche aus. Das ist sehr besonders für die europäische Migrationsgeschichte. Wir haben dadurch, dass wir an einem authentischen Ort sind, die Möglichkeit, dass wir die beiden Perspektiven zeigen können: die Ein- und die Auswanderung.

Wenn Sie die Stimmen der Besucher und ihre persönlichen Meinungen, zum Beispiel zum aktuellen Flüchtlingsthema, einfangen wollen, erwarten Sie dann auch Impulse für die politische Flüchtlingsdebatte, ausgehend aus der Sammlung ihrer Stimmen?

Eick: Langfristig kann ich mir vorstellen, dass wir hier durchaus Publikationen haben werden, die sicherlich inspirierend sein könnten. Was ich mir erhoffe, ist, dass wir mit unseren Besuchern ins Gespräch kommen. Man sieht es an den derzeitigen Debatten: Dieses Sich-übergangen-Fühlen, dieses Nicht-befragt-Werden - das wird immer wieder geäußert und da wollen wir hier ein Angebot machen. Wir haben die Möglichkeit, mit 500 bis 1.000 Besuchern aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die wir befragen, relevante Größenordnungen zu schaffen, sodass wir durchaus in Zukunft Forschungsergebnisse liefern wollen.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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