Stand: 05.12.2017 19:14 Uhr

"Einmal einfach" mit Michael Krüger

Die NDR Kultur Literaturredaktion richtet in dieser Woche ein besonderes Augenmerk auf die Lyrik, und auch wir beim Journal widmen uns dieser schon manches Mal totgesagten, aber doch sehr lebendigen Gattung. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Verlagsleiter Michael Krüger, der spätestens seit seinem ersten Gedichtband, der 1976 erschien, auch Dichter und Romancier ist.

Herr Krüger, im Januar erscheint bei Suhrkamp Ihr neuer Gedichtband mit dem schlichten Titel "Einmal einfach". Das Motto ist den Gesprächen Goethes mit Eckermann entnommen: "Alle meine Gedichte/ sind Gelegenheitsgedichte,/ sie sind durch die Wirklichkeit/ angeregt und haben darin/ Grund und Boden." Das klingt, als seien Ihre Gedichte beinah Zufallsprodukte - ist das so?

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Michael Krügers erster Gedichtband erschien 1976.

Michael Krüger: "Zufall" ist ja ein großer, schöner Begriff, der unter anderem meint, dass man darauf wartet, dass einen ein Gedicht trifft, packt, und fordert, dass man es aufschreibt.

Ihr Buch heißt "Einmal einfach" - das klingt wie ein Versprechen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das ist schon eine gewisse Arbeitsaufgabe, ein Ziel.

Krüger: Es sind zwei Bedeutungen. Zum einen geht man zum Fahrkartenschalter und sagt "Bitte einmal einfach", das heißt keine Rückfahrkarte. Ich bin schon alt und deshalb kann ich mir das leisten. Erst mal abwarten, ob ich überhaupt dort ankomme, wo ich hin will, und dann kann man immer noch sehen, ob man eine Rückfahrkarte braucht. "Einmal einfach" heißt aber auch, dass ich gelegentlich in den früheren Gedichtbänden etwas komplizierte Sachverhalte verhandelt habe, die mir durch den Kopf gingen und die ich auch in einem Gedicht unterbringen wollte. Manchmal wurde gesagt: Der macht sich immer so viele Gedanken. Und dem wollte ich entgegentreten mit der schönen Wendung "Einmal einfach".

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Es sieht immer einfach aus, aber der Prozess selber hat sich ja nicht geändert. Es gibt keine Gattung, die mit so vielen Regeln belastet ist wie das Gedicht. Aber wenn ich einen Text schreiben würde, der nur den Regeln folgt, dann kommt am Ende etwas Totes heraus, etwas Uninteressantes. Während gerade die Texte mit den Regelverstößen die sind, die einem im Kopf bleiben. Ich zitiere immer das berühmte Beispiel von Rilke, dem monatelang nichts eingefallen ist. Und plötzlich schreibt er wie in einem Rausch "Die Sonette an Orpheus". Nicht weil er irgendwelche Regeln einhalten wollte - bekanntlich sind sie ja geprägt von Regelverstößen -, sondern weil ihn in einem bestimmten Moment ein Text, eine Zuspitzung, eine Vision, eine Idee und eine Sprache ergreift. Das sind die Gedichte, von denen wir sagen, sie haben das 20. Jahrhundert geprägt.

In Ihren Gedichten ist viel von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit die Rede, Wolken sind ein immer wiederkehrendes Motiv. Ist das die Melancholie eines alternden Mannes oder ist das der Abschied von einer bestimmten Lebenszeit, von einer Generation?

Schwerpunkt Lyrik

Der Schriftsteller und langjährige Verleger Michael Krüger schrieb einmal von der "deprimierenden statistischen Tatsache, dass 99,4 Prozent der Deutschen die Lektüre auch nur eines einzigen Gedichts als lebensbedrohliche Zumutung" empfänden. Für die sehr viel mehr mindestens überzeugungsbereiten Leser stellt NDR Kultur in dieser Woche lyrische Neuerscheinungen vor.

Krüger: Ich glaube, eher. Man fühlt sich ja nie so alt, wie man wirklich ist. Wahr ist, dass ich schon sehe, dass meine Generation, eine Generation, die ein bestimmtes Denken hervorgebracht hat, dabei ist zu verschwinden. Das hat mit vielem zu tun, mit der politischen Entwicklung, aber auch mit den literarischen und philosophischen Vorlieben, die ja auch plötzlich verschwunden sind. Vor 40 Jahren gab es keine Philosophie des Internets, des Flüchtigen, die Welt hat sich geändert. Und ich hänge doch ziemlich an dieser Generation fest, die 1968 miterlebt hat, die - oder jedenfalls ich - der Meinung war, dass jeden Tag ein Fenster aufgeht: in die Psychoanalyse - wer liest heute noch Freud? In die Ethnologie - wer list heute noch Lévi-Strauss, "Traurigen Tropen"? In die Philosophie - der Name Marcuse ist kaum noch bekannt heute. Ob das jetzt eine Welt ist, die vergehen musste - das ist eine ganz andere Frage. Es ist nur meine Welt gewesen. Und da man leider nur einmal im Leben auf der Welt ist, wird man, je älter man wird, geiziger mit den Erfahrungen und hält die eigenen Erfahrungen vielleicht für etwas zu übertrieben. Aber sie sind nun mal die einzigen, die ich habe.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass jetzt wieder jüngere Lyriker relativ erfolgreich sind? Leute wie Jan Wagner oder Nico Bleutge, die ja auch aus dem Alltag, aus Naturbeobachtungen, aus treibenden Schiffen heraus ganz zauberhafte Gedichte schaffen. Vielleicht ist das Gedicht die passende Form für unsere komplexe Welt.

Michael Krüger © picture alliance / dpa Fotograf: Arno Burgi

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Krüger: Auf jeden Fall, da bin ich hundertprozentig sicher. Sie müssen sich mal vorstellen, was das für eine Lebensvernichtung ist, diese scheußlichen, dicken, langweiligen Romane zu lesen. Es ist skandalös, wie schlecht geschrieben die sind, wie stinklangweilig Erfahrungen wiederholt werden, die man schon hundertmal gemacht hat. Ich verstehe jeden Schriftsteller, der sagt: Ich möchte eigentlich nicht mehr Teil dieses Betriebs sein. Das ist ja grauenhaft. Und ein Gedicht ist doch immerhin eine komprimierte Erfahrung, die man in einer Minute oder sein ganzes Leben lang lesen kann.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.12.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Michael-Krueger,journal1096.html

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